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The fucking Tories have privatized your brain

Alles, was es über die anstehenden Wahlen in GB zu wissen gibt, kann sich die/der zumindest mäßig politisierte ZuhörerIn von der Band Captain SKA erklären lassen. Agitprop mit Skank Rhythm, immer lustig und dauernd sauer – kurzweiliger geht Politik wohl nicht.

Ja, das ist alles ganz schön polemisch und verkürzend. Ganz so einfach ist das ja sicherlich nicht, wie sich die hippen britischen MusikerInnen von Captain SKA die Sache zusammenreimen. Allerdings ist es auch nicht gerade so, dass unsere VolksvertreterInnen es noch der Mühe wert befänden, die Öffentlichkeit mit Analysen und Konzepten zu behelligen, die der Komplexität der Lage gerecht würden. Intellektuell ist hier eine gewisse Waffengleichheit zu konstatieren. Die britische Premierministerin Theresa May wollte mit dem Konzept »Ich-mach-das-schon-und-keine-weiteren-Fragen-oder-wollt-ihr-etwa-diese-knorrige-Kommunistengurke-haben?« in die Wahl gehen. Ein schönes Konzept, ganz auf der Höhe der Zeit. Seltsamerweise recht typisch für Politikerinnen. Erfolgreich war damit allerdings nur Angela Merkel, die es seit Jahren schafft, ohne weitere Erklärungen zu regieren. Hillary Clinton verlor damit ihre Wahl gegen den furzblöden Fürsten der Finsternis (was bis heute noch niemand ganz verstanden hat). Seit einem Monat scheint sich nun aber das Blatt in Britannien zu wenden. Das verdient das Prädikat »unglaublich«.

Unglaublich 1: Alte Medien spielen gegen neue nur »unentschieden«

Es war kaum vorherzusehen, aber nun zeigt sich plötzlich: Die Krisenerscheinungen sind zu groß geworden und eine immer größere Anzahl von BürgerInnen lässt sich nicht mehr abspeisen. Ein Video von Captain SKA findet in diesen Tagen virale Verbreitung und – wir dürfen annehmen – wohl auch weitreichende Zustimmung:

Mit vorgezogenen Neuwahlen wollten die Konservativen in GB die fürchterlich zerstrittene Labour-Partei abservieren und sich eine noch größere Mehrheit im Parlament verschaffen. Der als unbeliebt geltende und viel zu weit links stehende Parteivorsitzende von Labour galt als Erfolgsgarant für die Tories, die sich die Ausarbeitung eines politischen Programms gleich ganz sparen wollten. Jener »Kommunist«, der der Premierministerin den Sieg bescheren sollte, heißt übrigens Jeremy Corbyn und ist gar keiner – eh klar. Corbyn möchte nur an jenem legendären »Zauberbaum« rütteln, von dem die Konservativen so gerne reden und der in magischer Weise Geld abwirft. Bei Polemiken dieser Art wird stets versucht, etwas zu verdecken. Äh ja, es gibt keinen Baum, auf dem Geld wächst, aber es gibt Milliarden an Steuergeschenken, Unternehmensgewinnen und überhaupt all diese Ausbeutungsprivilegien, die wenig mit Kapitalismus zu tun haben, aber ganz viel mit Plutokratie und Oligarchie. Die Tories haben in den letzten Wochen übrigens 3,5 Millionen Pfund zugesteckt bekommen, um dieses Faktum vergessen zu machen – zehnmal so viel wie Labour an Spenden eingenommen hat. Ein entzückender Zufall. Weitere Infos hier:

Die Sache läuft für die Konservativen nicht mehr wie geplant und dies hat auch mediale Gründe. Die überwiegende Mehrheit jener gefürchteten gutter press in GB erfüllt die Forderungen ihrer steinreichen BesitzerInnen und schrieb Corbyn »runter«, mittels polemischer Kampagnen, die sich mit allem rund um Corbyn beschäftigen, nur nicht mit dessen Programm. Corbyn hatte allerdings mit seiner Organisation »Momentum«, die längst Unterstützung von Bernie Sandersʼ »Our Revolution« genießt, einen Trumpf im Ärmel. In den sozialen Medien begann Labour bald zu dominieren. Ähnlich wie in den USA hat es ein nicht mehr ganz junger Politrecke geschafft, durch etwas, das Authentizität genannt werden darf, viele Junge zur politischen Mitarbeit zu bewegen. Mehr als zwei Millionen neu registrierte WählerInnen innerhalb weniger Wochen legten davon Zeugnis ab.

Zunächst bewirkte dieses frisch rekrutierte Heer an Hobby-Online- PublizistInnen nur eine Angleichung beim Ausheben der polemischen Schützengräben. Während die alten Medien über den verrückten Kommunisten herzogen, übergossen die neuen via Twitter, Facebook und Co. Theresa May mit jenem im Netz wohlbekannten Strom an Lustigen-Katzen- und Darth-Vader-Videos, um die Premierministerin zu verspotten. Siehe https://twitter.com/hashtag/TheresaMayGifs. Die Spindoktoren wurden langsam nervös. Dass die Dame den Blick eines Chihuahua-Hündchens hat, das nicht weiß ob es Aa machen darf, war dabei sicherlich nicht gerade hilfreich. Nur sind Jeremy Corbyns oftmals unterschiedlich weit aufgerissene Augen ein ebenso großer Nachteil in jenem Schönheitswettbewerb, zu dem Wahlkämpfe verkommen sind. Neue Medien gegen alte hatte zunächst nur ein Unentschieden in platter Polemik bewirkt. Aber als der Zug in Fahrt gekommen war, kehrten plötzlich die Inhalte zurück. Und darin ist Corbyn von May kaum zu schlagen.
 
Unglaublich 2: Die Politik ist zurück
Was seit Jahrzehnten aus dem Blick gerückt schien, kehrte zurück. Politisches Bewusstsein und echte Diskussion. Eine Entwicklung, die sorgfältig vorbereitet wurde, auch von Captain SKA. Siehe hier:

Plötzlich musste sich die Premierministerin echten Fragen stellen. Warum brauchen vollzeitbeschäftigte Krankenschwestern Essensmarken? Auch die alten Medien begannen jetzt nachzuhaken. Theresa May wolle also zusätzliche 8 Milliarden Pfund zur Finanzierung des Gesundheitswesens bereitstellen. Woher aber sollen die bitte kommen, wenn nicht von jenem Zauberbaum? Zögerliche Antwort: »Aus den zusätzlichen Einnahmen einer gewachsenen Wirtschaft« … Gelächter im Saal. Der Blick des Chihuahuas aus der Downing Street No 10 wurde immer verkniffener. Theresa May reagierte ihrerseits mit einem latent durchgeknallt wirkenden Gelächter. Wie konnte das sein? Die Leute fragten nach und glaubten die Beschwichtigungen einfach nicht mehr. Gleichzeitig wuchs Jeremy Corbyn über sich hinaus.

Was der Herausforderer Corbyn in jahrzehntelanger politischer Praxis wohlerwogen hatte, gereichte ihm nun zum Vorteil. Einerseits war er menschlich von dem, was er sagte, überzeugt. Es schien, als sei er oft froh, erklären zu dürfen, welche Konzepte er vertritt, und als sei er sogar ein wenig stolz darauf, seine Haltung bewahrt zu haben. Nach dem entsetzlichen Anschlag in Manchester wagte er es sogar, diesen mit der Außenpolitik Großbritanniens in Verbindung zu bringen. Eine Äußerung, die SpindoktorInnen das Blut gefrieren lässt. Und tatsächlich ergoss sich in den alten Medien sogleich ein Strom der Entrüstung über ihn. Müßig, zu erwähnen, dass die Verbindung von den früheren Premierministern Blair, Brown und Cameron längst gemacht worden war, als sie sagten, das britische Militär müsse im Nahen Osten kämpfen, um die Terroristen aus dem Land zu halten. Nun – how did this work out for you?

Unglaublicherweise zeigte sich, die überwiegende Mehrheit der BritInnen gab Jeremy Corbyn, trotz der wütenden Verzweiflung über das Attentat, Recht. Die verschwurbelten und kaum begreiflichen Argumentationen der Konservativen, die auf die Gräueltat eines Selbstmörders mit nun noch größerer Härte reagieren wollten, galten plötzlich als zunehmend lächerlich.

Es wird verdammt spannend
In nahezu allen Politikfeldern zeigte sich eine ähnliche Entwicklung. Die Besonnenheit Corbyns begann, den Sieg über die gut eingeführten Polit-Klischees zu erringen. Ob dies allerdings letztlich bei den Unterhauswahlen reicht, ist mehr als fraglich. Aus zweierlei Gründen: Erstens ist ein junges Politikpublikum dafür bekannt, zu sagen, es würde wählen gehen, es dann aber doch nicht zu tun. Zweitens: Brexit. Diese Nuss ist noch nicht geknackt. Eine Mehrheit der BürgerInnen auf der Insel wünscht sich hier immer noch Entschlossenheit und Härte gegenüber der EU – wie fatal dies auch letztlich für die eigene Lebenswirklichkeit sein mag. Der abwägende und den Kompromiss suchende Corbyn ist hier immer noch klar im Hintertreffen gegenüber der Entschiedenheit signalisierenden Premierminiersterin May. Dass diese immer gegen den Brexit war – geschenkt.

Nächsten Donnerstag dürfte die spannendste Wahl seit Jahrzehnten anstehen, einfach auch deswegen, weil es wieder etwas zu wählen gibt. Die Wirkung könnte, nach den herben Enttäuschungen der letzten Jahre, auf andere Länder Europas ausstrahlen. Eine ausführliche Berichterstattung und zumindest gewisse Erklärungsversuche für die aktuelle Misere wird es übrigens in der nächsten »MALMOE«, die sich einen Brexit-Schwerpunkt erlauben wird, geben. Die »MALMOE«-Redaktion verspricht, das Niveau von Captain SKA in diesem Schwerpunkt zumindest nicht zu unterbieten. Für Austria bleibt zu wünschen: Kann bitte irgendwer die letzten ungefilterten Gehirnzellen zusammenkratzen und einen Song über Geilo-Kurz machen? Wäre echt wichtig. Jetzt schon danke.

Nachsatz
Unmittelbar vor der Veröffentlichung dieses Artikels, kam es zu neuerlichen Terroranschlägen in London. Es scheint allgemein das Bewusstsein zu schwinden, wie schützenswert menschliches Leben ist. Die Bereitschaft, jenes letztlich gleiche Wesen, das atmet, Schmerz empfindet und Hoffnungen hegt, aufgrund abstrakter politischer Ûberlegungen auszulöschen, ist kaum mehr erträglich. Eine Art Todeskult scheint um sich zu greifen, der eher eine widerwärtige Umgestaltung bestimmter kultureller Prägungen zu sein scheint, als deren Folge. Theresa May will nun erneut mit einer längst ohnmächtig und besinnungslos wirkenden Härte darauf reagieren. Nur, welche Härte soll es gegen Selbstmörder geben? Planlos will sie die Fesseln des Ûberwachungsregimes fester ziehen. Bei dieser Art politischer Nutznießerschaft der Tragödie erntet sie bislang keinen Widerspruch. Jeremy Corbyns Vorschlag wirkt kaum vergleichbar reicher: »Es gibt keinen besseren Schutz gegen Terror als gesellschaftlichen Zusammenhalt.«

Weitere Online-Tutorials von Captain SKA:
Privatisierung | US Healthcare explained 

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