Fotos: David Višnji

Techno als Emotion

Wie Houztekk Records, Label für elektronische Musik, seine Visionen vom perfekten Klangbild aus dem Hausruckviertel in die weite Welt projiziert und sich am Brückenschlag zwischen Club und Hochkultur versucht – unterfüttert mit Aussagen vom Macher Max Meindl und Markus Weickinger aka MKID.

Schubladen, das sind diese Dinger, die man in Möbelstücken findet, aber sie sind kein Basiselement des Gebildes Houztekk Records, jedenfalls funktionieren solche hier nicht. Das ist keine Aussage mit der man sich imagetechnisch profilieren will, sondern ergibt sich vielmehr aus den Erfahrungen, die die Köpfe hinter dem oberösterreichischen Label auf ihrer mittlerweile siebzehn Jahre andauernden Reise gemacht haben. Ob sich an dieser Feststellung mit der Zeit etwas ändern wird steht im Raum. Denn die Reise geht weiter, Marschrichtung Zukunft.

Pirates of the Hausruckviertel
Die Reise ist eine, die in den frühen neunziger Jahren in einer gro&szligmütterlichen Garage im Hausruck-Viertel begann. Im Oberösterreichischen Grieskirchen definierte man sich damals noch als Soundsystem und das auf zwei Plattentellern aufgeführte Handwerk lies das Kollektiv als Helden dastehen. Die Vorreiterrolle die man zu dieser Zeit einnahm ist nicht abzustreiten. Mit Frühling 1995, respektive dem 30. April 1995, wurde es Zeit von der Garage in das daneben stehende Haus einzuziehen, die erste Party war damit geboren. Der Mitbegründer und heutige Labelboss Max Meindl aka M-Fx denkt gerne an diese Zeit zurück in der die Partys zahlreich waren und das Prädikat ??besonders wertvoll?? verdienten. Man gestand sich aber schon damals ein, mit herkömmlichen Soundsystemen, wie etwa Circus Alien oder Desert Storm, wenig bis gar nichts am Hut zu haben. »Das technische Interesse war sehr wohl vorhanden, scheiterte aber an den Limitationen, an einen mit eigenen Lautsprechern ausgestatteten LKW war nicht zu denken, aber auch an der Erkenntnis, dass die eigenen Interessen doch wo anders liegen. Man wollte sich mehr auf die Musik selbst konzentrieren«.
Aus dieser Zeit stammt auch der Name. House mit »z« statt »s« und ohne »e«, also Houz, sollte die Abneigung gegenüber der damaligen Houseszene verbildlichen – »diese Musik konnte unser Lebensgefühl nicht transportieren«, lacht Meindl heute. Techno mit »kk« statt »ch« und ohne »no«, also Tekk, sollte aber an die Wurzeln in der Soundsystemszene erinnern. Au&szligerdem fühlte man sich seit jeher maschinellem Techno zugeneigt. Houztekk also. Eine ideologische und sehr kopflastige Entscheidung. Damit begann eine Neupositionierung, ohne jegliche Trendorientierung. Man wollte sein eigenes Ding durchziehen und bald darauf war »ELEKTROMOTOR« geboren, eine Clubveranstaltung die Meindl schmunzelnd nach wie vor als »Heilige Kuh« bezeichnet.

Elektromusikalische Visionäre
Sehr bald griff man auch die Idee des ??Gesamtkonzeptes??, des Gesamtkunstwerkes auf. Einerseits wollte man dem Publikum besondere Künstler bieten, im Idealfall spielten Acts bei ELEKTROMOTOR ihr Oberösterreich- oder gar ihr Üsterreichdebut, andererseits wollte man auch die Präsentationen besonders wirken lassen. So begann man beispielsweise bald mit manipulierten TV-Geräten Bildlandschaften zur eigenen Musik zu kreieren. Dass so etwas anderswo als VJ-Kunst definiert wird, war zum damaligen Zeitpunkt niemandem klar, man machte sich aber auch keine gro&szligartigen Gedanken darüber. Bald darauf wurden die Visual Artists von 4yourEye ins Boot geholt und gaben den ELEKTROMOTOR-Parties einen neuen, eigenen Anstrich. Eine Zusammenarbeit die noch heute andauert. »Als Vorreiter würden wir uns nicht bezeichnen, zumal es schwierig ist so etwas am Beginn zu erkennen. Man macht es eben«, so Meindl. Man sah sich nicht mehr als Soundsystem und auch nicht als reiner Partyveranstalter, vielmehr definiert man sich bis dato als »Elektromusikalische Vision«. Die Veranstaltungen trugen Namen wie »Perpetuum Mobile«, »Direktantrieb«, »Generator« oder eben »ELEKTROMOTOR«. Dass damit in gewisser Hinsicht doch eine Vorreiterrolle eingenommen wurde, merkte man erst als in Wien die ersten Veranstalter audiovisuelle Festivals und Partys als Novum promoteten. Ein Grund zu Neid war das keiner, vielmehr eine Bestätigung.

Mit Herz & Seele
Mit der Zeit rückte das Dasein als Veranstalter etwas in den Hintergrund und so wurde 2008 das Label Houztekk gegründet. ?ber die Jahre hatte man sich ein Netzwerk an Musikern, Grafikern, Visualisten und sonstigen Künstlern aufgebaut, ein Label war der logisch-nächstfolgende Schritt. Familiär und doch hochprofessionell ist die Devise. Für Meindl mitunter ein Grund weshalb sich die Künstler bei Houztekk wohlfühlen. Dass einem ein vorhandenes Netzwerk nur zum Vorteil gereichen kann, bestätigt auch Markus Weickinger aka MKID. Obwohl man sich seit jeher kannte, dauerte es Jahre bis der erste Release (»Popsoap EP«) auf Houztekk über die Bühne ging. Dafür beinhaltete dieser aber auch gleich eine Kollaboration mit Didi Bruckmayr, seines Zeichens Sänger von Fuckhead und mit seinem Projekt Mussurunga auch im Houztekk-Katalog zu finden. »Man kennt sich schon von früher, aus Linz und von diversen Veranstaltungen, aber es brauchte dann doch das Labelumfeld um so eine Zusammenarbeit zu ermöglichen«, so Weickinger.
Solche Features werden kaum geplant. Es ergibt sich eben, so wie sich auch die Veröffentlichungen schlussendlich eher ergeben, als strikt nach einem Programm abzulaufen. Zum Beispiel kennt Meindl die Arbeiten von MKID schon lange, und Releases wurden schon des Üfteren in Aussicht gestellt. Dass es aber erst 2012 zu einem solchen kam, umschreibt Meindl damit, dass es »einfach passen muss«: ein Gefühl von Gesamtzufriedenheit und Stimmigkeit müsse sich einstellen und der Künstler soll sich nicht verstellen, sondern den aktuellen Sound verkörpern. »Ein ein Ken Hayakawa und ein Didi Bruckmayr mögen zwar grundverschieden sein, beide jedoch verkörpern ihre Musik, sie leben sie«, sagt Max Meindl. Von daher könne auch keine Kollaboration von Künstlern aus zwei völlig unterschiedlichen Richtungen ausgeschlossen werden. Meindl hat mit den Jahren gelernt, dass es besser ist, nichts von vornherein auszuschlie&szligen. Distanzierte man sich zu Beginn noch von gewissen Musikrichtungen, so sind heute auch Künstler auf Houztekk zu finden die ??straighten?? House spielen. Oder aber Fadi Dorningers Minialbum »Mund und Ohr gefesselt«, dessen Titeltrack fast schon in die Klassikschiene geht, und Meindls erklärte Lieblingsnummer dieses Albums ist. »Wenn mir ein Demo einer Band, sei es Rock oder Industrial oder was auch immer, in die Hand gedrückt wird und es uns beim Label ??vom Hocker haut?? und berührt, dann kann ich nicht garantieren, dass wir dieses nicht unter der Marke Houztekk veröffentlichen werden«, gibt sich Meindl überzeugt.
Houztekk2.jpgMeindl ist Labelchef mit Herz und Seele, kann alle bisherigen Releases ohne jeglichen Versprecher in aller Schnelligkeit aufsagen, kennt seine Künstler, lebt seinen Beruf. Wunschkünstler hat er keine, zumal er den Moment fürchtet bei der Zusammenarbeit mit der gewünschten Person zu bemerken, die Basis würde nicht stimmen. So ist Namedropping bei Houztekk kein Thema, doch freut es einen schon wenn sich plötzlich die Zusammenarbeit mit Künstlern ergibt die International bereits Spuren hinterlassen haben. Ob ihm Falle der früheren Coverdesignerin Julie Monaco oder der Wiener Cheap Records Legende Patrick Pulsinger, der ursprünglich ??nur?? für das Mastering der Releases und einige Remixe zuständig war. Bis Pulsinger von selbst auf Max Meindl zukam und einen Release vorschlug. Der Moment war der richtige, das Material passte ins Houztekk-Universum und der Zusammenarbeit stand nichts im Wege. Release 008, »Nocturnal Cat« war geboren. »Natürlich ist es toll, wenn Leute mit der Einstellung »Ich mache das jetzt, ich tue das jetzt« kommen, das beflügelt die Stimmung ungemein und befruchtet «. Wenn das dann noch ein sogenannter alter Hase wie zum Beispiel Patrick Pulsinger ist, dann ist das wieder eine Art von Bestätigung für die eigene professionelle Arbeitsweise. Dass man dadurch aber auch im Ausland mehr Gehör findet ist eine damit verbundene logische Konsequenz zum Vorteil aller Beteiligten.
Generell sind Meindl aber Demos und Empfehlungen lieber. Jedoch sollen diese gut überlegt sein, man soll sich Gedanken machen wieso man auf Houztekk veröffentlichen will, weshalb das Material dahin passen könnte. »Leute die ihre Demos im Gie&szligkannenprinzip übers Internet an tausend und mehr Labels schicken können sich sicher sein, dass der Track ungehört in den Papierkorb wandert«.

Ritterschlag, kunstvoll und elektronisch
Ein Höhepunkt in der Geschichte von Houztekk Records war sicher die Eröffnung der heurigen Ars Electronica in Linz. »Im Ausland kennt man meist weder Linz noch Oberösterreich, sehr wohl aber die Ars«, sagt Weickinger, der mit seinem Liveact ein Teil des eröffnenden Houztekk-Kollektivs war. »Man besuchte seit jeher die Ausstellungen, Performances und Partys der Ars Electronica«, so Meindl. Als dann aber die Einladung zu Eröffnung kam, wurde nicht gezögert und sofort zugesagt. Man ist sich einig, es ist eine Anerkennung auf hohem internationalen Niveau und ein schönes Gefühl auf diese Weise zu bemerken wie die eigene Arbeit respektiert wird, vor allem weil man sich selbst seit jeher im Brückenschlag zwischen Kunst und Party versucht hat.