Bildausschnitt Cover Werner Herzog: »Jeder für sich und Gott gegen alle«, Hanser Literaturverlage

Stellvertreter unseres Größenwahns

Über Werner Herzog als Helden der Kunst und warum man unbedingt seine Memoiren lesen sollte, bevor man ihn auf der Viennale trifft.

Könnten Sie spontan sagen, wer vor genau 31 Jahren einmal die Viennale als Direktor leitete? Richtig: Niemand anders als Werner Herzog. Der Draufgänger par excellence unter den deutschen Filmemachern ist gerade 80 Jahre alt geworden. Anfang der 1990er-Jahre lebte der bereits zu Legendenstatus gelangte Regisseur in Wien. (Er kam im Frühjahr über den Alpenhauptkamm marschiert, um einer Frau in Wien einen Heiratsantrag zu machen.) Zur Viennale 1991 gab es deshalb passend Herzog-hafte Happenings. So wandelte damals der vom Regisseur bewunderte Extremseiltänzer Philip Petit auf einem Stahlseil zwischen Apollo-Kino und dem Flak-Turm im Esterházypark. Herzog moderierte zudem die vierteilige »Filmstunde« im ORF.

Zum 60. Jubiläum der Viennale, das mit Herzogs persönlichem zusammenfällt, kann sich Wien nun auf die Rückkehr der Kinolegende aus Bayern freuen. Das Festival zeigt drei Filme von und über Herzog: »The Fire Within: A Requiem for Katia and Maurice Krafft«, über zwei im pyroklastischen Strom verglühte Vulkanolog*innen, »Theater of Thought«, über neurowissenschaftliche Zukunftsfragen, sowie Thomas von Steinaeckers filmische Biographie »Werner Herzog – Radical Dreamer«. Der heute mit seiner dritten Frau, einer bildenden Künstlerin, in Los Angeles lebende Altmeister ist am 26. Oktober 2022 im Gartenbaukino zugegen. Banales ist von diesem Mann, als Gesprächspartner ebenso eine Attraktion wie es seine Filme sind, nicht zu erwarten. Auch das Volkstheater gibt ihm zu seinem Wien-Aufenthalt folgerichtig die Bühne für eine Lesung frei. Herzog kommt dazu wohl direkt aus Berlin, wo ihn auch die Deutsche Kinemathek mit einer würdigen Retrospektive ehrt.

Unterhaltsame Anekdoten-Auslese

Die größte Retrospektive hat Herzog sich jedoch bereits selbst geschrieben. Seine kürzlich erschienenen Memoiren »Jeder für sich und Gott gegen alle« sind Herzogs fünftes Buch (je nach Zählweise) und nichts weniger als die grandios unterhaltsame Anekdoten-Auslese eines außergewöhnlichen Lebens. Werner Herzog, um hier nur das Skelett einer brauchbaren Einführung zu bieten, wurde 1942 in München geboren und wuchs zunächst im oberbayrischen Sachrang direkt an der Grenze zu Österreich auf. Seine aus Kroatien stammende Mutter, eine promovierte Biologin und Tochter eines K.u.K. Offiziers, war mit ihren Kindern dorthin vor den Kriegsfolgen in München geflohen. Als Jugendlicher nach München zurückgekehrt traf Herzog dort auf den jungen Klaus Kinski, lernte Latein, klaute eine Kamera, fing mit sechzehn Jahren Tintenfische vor Kreta, studierte Geschichte, reiste den Nil entlang durch Afrika, landete in Pittsburgh, ritt unter dem Pseudonym »El Alamein« auf Stieren in Mexico … Quelle für all das und vielmehr: na ja, hauptsächlich der Betroffene selbst.

Verbürgt ist, dass Herzog mit kaum zwanzig seine ersten Filme drehte und für den noch heute innovativ wirkenden Film »Lebenszeichen« ausgezeichnet wurde. Er ist Autor unzähliger Genre-prägender Dokumentationen wie »Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner« (1974), »Lektionen in Finsternis« (1992) oder »Grizzly Man« (2005). Er aß seinen Schuh vor Les Blanks Kamera. Unter abenteuerlichen, Sisyphos-haften Umständen drehte er im Dschungel Ecuadors und Perus die gefeierten Klaus-Kinski-als-verkörperter-menschlicher-Größenwahn-Kultfilme »Aguirre« (1972) und »Fitzcarraldo« (1982). Mit dem darin über einen Berg im Dschungel gezogenen Dampfer schuf er eine filmische Allegorie für die Ewigkeit. Der Film brachte ihm in Cannes den Regie-Preis ein.

Werner Herzog © Christina Bejarano, Flickr, CC BY 2.0

Inventar einer Lebensweise

Mit Kinski arbeitete Herzog außerdem in Verfilmungen von Büchners »Woyzeck« zusammen, sowie in einer Neuinterpretation des »Nosferatu« (jeweils 1979), die inzwischen wie der Vorläufer von F. W. Murnau zu den Klassikern des deutschen Kinos zählt. Über seine Zusammenarbeit mit Kinski drehte Herzog die Dokumentation »Mein liebster Feind« (1999). Neben seinen Kurzauftritten als Bösewicht in Filmen wie »Jack Reacher«, hat gerade dieses halbe Selbstporträt wesentlich zu Herzogs eigenem Ruhm als Draufgänger, harter Hund und Mr. Sinister der Kinoszene beigetragen.

Jedem anderen würde man es übelnehmen, derart unverhohlen an seiner eigenen Legende zu stricken, wie Herzog es nun auch in seinen Memoiren wieder tut. Man glaubt, Züge von Anerkennungswut zu erkennen, die Neigung, sich gerne selbst reden zu hören. Er sinniert über alle Rollen, die ihm zugedacht waren, als Filmemacher natürlich, als Autor, als Schauspieler, als Opernregisseur, als Kultfigur, als Ehemann, als Vater, als Förderer, als Stichwortgeber. Er spricht über Gewohnheiten und Prinzipien, schreibt, was er isst, wieviel Paar Schuhe er besitzt – das Inventar einer Lebensweise wird aufgestellt. Wir müssen ihm verzeihen, dass er exzessiv Formulierungen aus Interviews und Filmen recycelt.

Oft möchte man ihm zudem widersprechen oder wahlweise freundschaftlich schmunzeln. So ist sein Leben etwa nicht, wie es in seinen Worten den Anschein hat, das eines Originalgenies, einer Rakete, die vorangetrieben von Epiphanien aus der Provinz in das weite Firmament des Weltkinos schoss. Herzogs Leben befindet sich, trotz seiner herausragenden künstlerischen Leistungen, im Ganzen total in der Logik seiner bürgerlichen, zum Teil großbürgerlichen Herkunft. Bildungskapital strömte von allen Seiten auf dieses Leben zu. Aber nicht in der Freiheit von Pathologien, blinden Flecken und Kontroversem liegt die Glaubwürdigkeit dieses Künstlers – sondern in seiner nie beanspruchten Neutralität.

Herzog, der Erzähler

Herzogs Zugang zu den Dingen sind zunächst das Erleben und die Sprache. Seine Filme, fiktional oder (halb)-dokumentarisch, drehte er beinahe wie ein experimenteller Archäologe. Das Erlebte, die daraus generierten Bilder fädelt er entlang der Sprache auf, seiner Sprache, die man überall in seinen Werken vernimmt, sei es aus seinem Mund oder dem von Kinski, Nicole Kidman, Christian Bale, Nicolas Cage oder mit wem er sonst noch drehte. Zwar ist in seinen Dokumentationen wie in seinen Memoiren das Seemannsgarn kaum von Authentischem zu trennen. Aber Herzog ist genauso wenig nur ein Käpt’n Blaubär wie Joseph Conrad oder Hemingway – er ist ein eminent talentierter Erzähler, dem es gelingt, das Erzählenswerte seiner Erfahrung wie eine Frucht aus den Schalen des Alltags zu lösen und literarisch zu überhöhen.

Wie in einem Drehbuch wird auch in seinen Memoiren jede erzählte Begebenheit auf Spannungsbögen aufgespannt, jedes noch so allgemein-biographische Element wird zu einem Artefakt einer unfassbaren Schicksalskraft aufgebaut. Aber auch der Autor selbst scheint oft einfach verblüfft über seine Chuzpe, sein Leben – und Überleben – in den irrsten Situationen, (tagelang in einer Eishöhle am Cerro Terro, mit beinahe tödlicher Amöbenruhr in einer Hütte im Sudan) zu sein, so dass der Text an vielen Stellen den Eindruck vermittelt, hier erkläre sich einer selbst die Unbegreiflichkeit des Daseins – seines eigenen insbesondere.

Werner Herzog und Klaus Kinski © Andrés Fervrier, Flickr, CC BY 2.0

Lust am Unerklärlichen

Herzog ist überhaupt ein Meister des Unerklärlich-Machens. Mit der Spürnase eines Trüffelschweins, so sieht er sich wohl auch selbst, gräbt er nach den Wundern dieser Welt, weiß die vermeintliche Trivialität des Lebens in Staunen zu verwandeln. Auf den ersten Blick wirkt es, als arbeite er an einer romantischen Poetisierung der in der Moderne unvermeidlich diskursiv gewordenen Welt. Paradoxerweise ist er in seinen Mitteln so nahe am Kritikpotenzial des Dokumentarischen, dass seine gesamte filmische und literarische Arbeit zwischen der Verzauberung durch das Unerklärliche und der totalkritischen Offenlegung des ausgesonderten Abfalls unserer Weltbild-Hygienen oszilliert.

Herzog schafft in seinen besten Arbeiten eine Art Subversion unseres reduktiven, zurechtgestutzten Menschenbildes. Eine an vielen Stellen zu Eis erstarrte, rein verfassungsmäßige Humanität darf sich darin im Spiegel ihrer Randphänomene betrachten. Die existenziellen Koordinaten individueller Antriebe werden freigelegt. Seine Lust am Unerklärlichen, das er ja selbst durch seine ästhetischen Mittel hervorbringt, das Streben nach dem Transzendenten, das er in seinen Filmen nicht zuletzt mit dem salbungsvollen Pathos seiner satt angelesene Sprache beschwört, macht Herzog aber auch zum Thema.

Insgesamt betreibt er so eine aufschlussreiche Anthropologie des modernen zugleich entgrenzten und in seinem Kampf um Sinn mehr denn je begrenzten Menschen. Auch seine Erinnerungen sind folgerichtig eine auf alle Parameter des Mensch-Seins zugreifende Bilanz, ein Bekenntnis, eine Art Selbst-Anthropologie: »Ich als Beispiel des Mensch-Seins.« Eine sehr körperliche Biographie kommt dabei heraus, ein Biogramm seines vor der latenten Todessehnsucht seiner Psyche fliehenden, malträtierten Körpers, in dem alle Brüche, Zerschmetterungen und Beinah-Tode seines Lebens aufgelistet sind.

Spiel mit dem Abgrund

Die gefährliche Seite von Herzogs radikaler Eigenständigkeit zeigt sich in den Kontroversen, die sich heute nicht zu Unrecht um seine Arbeit auch entspinnen. Wie er mit Abgründen spielt, grenzt nicht selten an Gefühlsvoyeurismus, wie er mit Fakten umgeht, kann nicht immer künstlerisch entschuldigt werden. In seinen fiktionalen Filmen wie »Fitzcarraldo« oder »Cobra Verde« performt er die Perspektive des weißen Mannes und Kolonialisten mehr, als er sie kritisieren würde. Sein Männerfokus ist dagegen durchaus über die Suche nach Stellvertretern des eigenen latenten Größenwahns erklärbar.

Wer zumindest den Anfang einer echten Rezeption dieses so bedeutenden künstlerischen Werks erleben will, die sich aus der Interpretationshoheit des Autors selbst etwas befreit, sollte die Deutsche Kinemathek in Berlin besuchen. In der mit ihren faszinierenden filmhistorischen Dokumenten, Ton- und Filmcollagen sehr unterhaltsamen Ausstellung arbeiten die Kurator*innen vernünftig heraus, wie Herzog im Verlauf seines Werks immer mehr zur zum Teil kultigen »Persona«, aber auch ästhetisch zum Mittelsmann des Erlebens, zur markierten Subjektivität des Filmemachers wird.

Was Herzogs Memoiren angeht: Wer vor kleineren Schönheitsfehlern nicht zurückschreckt, dem muss dieses Buch vom ersten bis zum letzten Wort immensen Spaß bereiten. Ohne Weiteres können wir diese Erinnerungen im Regal neben die »Chronicles« stellen, denn Herzog und Bob Dylan sind sich ebenbürtig als große Grenzenlose und als großer Leser im Übrigen auch. (Bob liest Thukydides, Herzog liest Livius.) Herzogs Autobiographie verdient deshalb eine Würdigung als grandioser Kaminfeuerbericht eines glückselig-wahnsinnigen »Soldaten des Kinos«, als Heldenepos eben, aber auch: als literarischer Ersatz-Porsche für gescheiterte Großträumer in der Midlife-Crisis. Herzogs Leben ist das eines Helden der Kunst, eines Mannes, der getan hat, wozu wir Sterblichen nicht fähig sind – immerhin bleiben uns die Eishöhlen und Mosquitos erspart.

Werner Herzog: »Jeder für sich und Gott gegen alle«, Hanser Literaturverlage

Link: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/jeder-fuer-sich-und-gott-gegen-alle/978-3-446-27399-3/