Steffen Basho-Junghans - Unknown Territory

»…und das ist eine Sache, die mich immer beschäftigt hat. Die Nuancierung, die Vibration, wie sie auch in einer scheinbar eintönigen Farbfläche da ist. Wenn man sich zum Beispiel auf eine Wiese legt und in den Himmel schaut, ist das zwar blau, man könnte jedoch nicht sagen, ob das jetzt tausend oder eine Million verschiedene Blau-Nuancen sind. Aber der Gesamteindruck ist natürlich erst mal Azur.« (Steffen Basho-Junghans)

»Waters In Azure« ist auch der Titel der bis dato letzten Veröffentlichung von Steffen Basho-Junghans auf dem amerikanischen Strange Attractors Audio House, und nur eine von vier CDs die der deutsche Eigenbrötler in den letzten zweieinhalb Jahren herausgebracht hat. Allesamt Solo auf akustischen 6- bzw. 12-String Steel Guitars eingespielt, erschienen drei davon auf US-Labels, eine, »Landscapes In Exile«, auf seinem eigenen Blue Moment Arts Label. Ausgelöst hat diese wahre Veröffentlichungsflut die Idee zum »Virgin Orchestra No. 1«. »Ich bekam eine 12-saitige von der Reparatur ohne Saiten wieder, zog einen kompletten Satz Saiten auf, und in dem Moment, in dem ich anfangen wollte zu stimmen, schoss mir plötzlich dieser Gedanke durch den Kopf: Das ist ja jetzt quasi ein jungfräuliches Orchester; die Saiten haben untereinander und mit der Gitarre noch nie etwas miteinander zu tun gehabt, die Gitarre und ich haben in dieser Form noch nie etwas miteinander zu tun gehabt, und da bin ich Nachts um zwei ans Aufnahmegerät gegangen und wollte einfach nur mal ausloten, ob sich aus diesem, noch vorhandenen Chaos irgendwas interessantes musikalisches machen ließe.« Selber verblüfft über die spannenden, fast lyrischen Momente, die sich auf der ersten Stunde des Materials befanden, folgten weitere Aufnahmesessions. »Nach zwei Wochen hab ich damit aufgehört, denn auch wenn’s eine völlig chaotische Nicht-Stimmung ist, hat sich das Ohr so daran gewöhnt, dass man irgendwann mitkriegt: hier verstimmt sich langsam was, und das heißt dann, das jungfräuliche Orchester No.1 ist beendet. Ich habe auch festgestellt, dass sich während dem Entstehen eine Dramaturgie entwickelt hat, also dass man bei dem ganzen Ausloten dieses unbekannten Territoriums schon dramaturgisch denkt.«

Veröffentlicht wurden diese Aufnahmen noch nicht, Grund dafür ist in erster Linie die mit dreieinhalb Stunden sehr hohe Spieldauer dieser Stücke, was jedoch folgte waren »Song Of The Earth« auf Sublingual Records und »Inside«, eine rhythmusbetonte Introspektion der akustischen Steelstring-Gitarre, erschienen auf dem von Chris Scofield gegründeten Strange Attractors Audio House. »Chris wollte damals, nachdem ihm Glenn Jones von Cul De Sac einige Stücke von mir zukommen ließ, eine Single in den USA herausbringen. Nachdem ich ihm weiteres Material schickte, meinte er, dass wir da ein Album machen müssten, und bot mir dies auf dem zur selben Zeit von ihm ins Leben gerufenen Strange Attractors Label an«. Ein Ausloten der Möglichkeiten dieses Instruments in alle Richtungen, der Blick über den Tellerrand hinaus. Nur kurze Zeit später erscheint auf dem selben Label die zu Beginn schon angesprochene Platte »Waters In Azure«, auf der sich neben einer Meditation über die verschiedenen Charaktere des Elements Wasser auch ein nur mit einem Finger der linken Hand eingespieltes Stück befindet, schlicht »One No.1« betitelt. »Bei vielen ???klassischen‘ Gitarrenscheiben sind ja auf den Coverfotos diese ganz komplizierten Akkorde, die gerade gegriffen werden, drauf und da hab ich aus Jux gesagt, ich mach mal Musik für nur einen Finger. Und da hab ich dann relativ schnell gemerkt, dass das nicht nur ein Witz ist, sondern dass man durchaus neugierig ist auszuloten, was sich aus so einem Gedanken machen ließe. Was mich im Nachhinein verblüfft hat, war, dass es ja dann teilweise gar nicht mehr einfach ist. Für den einen Finger war’s dann auch wirklich harte Arbeit. Und beim Hören des Endergebnisses dachte ich mir: ???Schau mal einer an, da hat mich dann doch so ein gewisser forschender Ehrgeiz erwischt.’«

Geboren 1953 in Vielau in Sachsen, beschäftigte sich Steffen Basho-Junghans schon relativ früh mit Malerei und Musik, den Griff zur Gitarre tat er mit 18 Jahren. Tiefe Spuren hinterlässt die Begegnung mit Yes, sowie die Musik von Leo Kottke, John Fahey und Robbie Basho, dessen Namen er dann sieben Jahre nach dessen Tod auch übernimmt. »Was wahrscheinlich für mich auch prägend war: Ich bin in so einem kleinen Dörfchen im Südharz groß geworden, etwa 500 Einwohner. Und wenn man da als Jugendlicher im Garten gesessen ist, das Kofferradio an, wenn’s geht irgendein fremdländischer Sender – nur nichts verstehen, das macht viel neugieriger – dann hat man auch die Geräusche der Umgebung mitgehört, die Geräusche von den Feldern, vom Wald, der bellende Hund im Nachbarort, und nach einer Weile warst du wie in einem Klangraum. Dieses totale, spirituelle Naturerlebnis, mit Alltags- und kulturellen Geräuschen hat sich da zu einem ganz speziellen Klangerlebnis vermischt.«

Auch auf seinen letzten Veröffentlichungen ist es dieser spezielle, spannende Kontrast, der diese Aufnahmen so reizvoll macht. Indische, asiatische und indianische Einflüsse sowie amerikanische Folk-Wurzeln werden da in ein modernes, avantgardistisches Gerüst eingebaut, die Arbeit mit so genannten »Open Tunings« verleiht vielen Stücken einen »Alien-haften« Charakter. Improvisation, Inspiration und das Arbeiten mit »Spielfehlern« (ein Gegenstück zu den digitalen Glitches?), vermischen sich mit einem tiefen Verständnis für die indische und indianische Kultur, die Stücke besitzen sehr oft eine Raga-artige, hypnotische Grundstimmung. »Ich bin ja auch Maler. Manchmal rumort es unbewusst, auch wochenlang. Das merkt man erst dann, wenn man die Gitarre wieder mal nur so zum Klimpern in die Hand nimmt, und relativ schnell draufkommt, dass da ein Faden ist. Das heißt also, es ist nicht ausschließlich improvisiert, sondern der Kopf hat schon wochenlang vorher einiges dazu getan. Es beginnt gewissermaßen mit einer Inspiration, fängt dann wie eine Improvisation an, aber dann spielt eben das eigene musikalische Verständnis eine Rolle und die ganze Musik breitet sich in diesem Moment vor einem aus. Du bist in dann eben nicht nur der Ausführende, sondern auch selber die Musik. Du bist also gewissermaßen mittendrin. Das ist dann so, als wenn du vor einem Bild stehst, es wochenlang ansiehst, nicht so recht weißt, wo es lang geht und am nächsten Tag plötzlich ist der Punkt da und du machst noch die wesentlichen Sachen und es läuft.«
»Große Teile dieser Musik entstehen in erster Linie ohne Hintergedanken. Sie entsteht in dem Moment für mich. Wie wenn man ein Bild malt; in erster Linie malt man dieses Bild um sich zu befriedigen, um irgendwas aus sich raus zu lassen. Vorsätzlich ist da gar nicht immer eine Botschaft dabei. Es gibt Stücke, die muss ich mir hinterher anhören, um festzustellen: wo bin ich gewesen? Zum Beispiel die drei Stücke von ???Inside‘, die sind ja kurioserweise am 1., 2. und 3. Januar 1999 aufgenommen worden, und am 3. hab ich die dann alle drei zum ersten Mal hintereinander gehört und mir gedacht: ???Scheiße, schon wieder ein Album eingespielt.‘ Als ich die drei so hintereinander gehört habe, war mir das sofort klar, dass das zusammen gehört. Aber als die einzeln entstanden, sind die einzeln entstanden.«

Einerseits Forscher, der in bisher unbekanntes Terrain vordringt, bleibt Steffen Basho-Junghans aber auch seinen Wurzeln treu und bringt voraussichtlich im Februar des kommenden Jahres ein wieder etwas traditionelleres Album mit dem Titel »Rivers And Bridges« auf Strange Attractors heraus, eine im Grunde etwas orchestralere Beschäftigung mit seinen herkömmlicheren Stilistiken. »Ich freue mich bei dem Gedanken, nicht endgültig nur in diesem Avantgarde-Topf drinzusitzen, weil das wäre ja dann nur eine weitere Kategorie. Für mich gehören ja eigentlich diese beiden, scheinbar verschiedenen, Seiten schon irgendwie zusammen. In einem Moment bist du quasi so eine Art Entdecker, Forscher, ziehst in für dich noch unentdeckte Territorien und in anderen Momenten willst du aber deine Empfindungen und Erfahrungen auch teilen und austauschen. Und da benutzt du eine Sprache.« Weiters wird im nächsten Jahr, wieder auf diesem Label, auch eine Doppel-CD, »7 Books«, für die Basho-Junghans mit dem in der Schweiz lebenden Cheyenne-Autor Lance Henson zusammengearbeitet hat, veröffentlicht werden. »Der schreibt interessanterweise Gedichte, die sehr zeitbezogen sind, nicht diese klassischen, spirituellen Geschichten. Er ist Cheyenne, aber auch ein Mensch, der in der heutigen Zeit lebt und mit seiner Kunst auf das, was ihn heute beschäftigt, reagiert. Und da bin ich noch am überlegen, wie man das am besten zusammenbaut, weil ich nicht will, dass das eine das andere in irgendeiner Form bloß illustriert.«

Bleibt nur zu hoffen, dass Steffen Basho-Junghans in absehbarer Zeit auch im deutschsprachigen Raum kein »Unknown Territory« mehr darstellt, sich selbst jedoch weiterhin in solche vorwagt und so mit weiteren außergewöhnlichen Alben aufwarten kann. »Vor ein paar Jahren wurde ich im Sommer gefragt, was ich so den ganzen Tag mache, und ich antwortete: ???Na ja, schönes Wetter, da setz ich mich in den Park und warte darauf, dass das Universum vorbeikommt.‘ Und wenn das Universum der Meinung ist, es hat einem etwas mitzuteilen, dann kommt es auch, da kann man sich drauf verlassen.« Schaut gut aus.

Alle Veröffentlichungen von Steffen Basho-Junghans sind über No Man’s Land zu beziehen (www.nomansland-records.de).

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