Spaziergänge in den Randbezirken

Zur Wiederentdeckung von Maurice Merleau-Ponty.

Kritiken prägten den philosophischen Diskurs des vergangenen Jahrhunderts. Der Wilhelm Fink Verlag hat sich nun die schwierige Aufgabe gewählt, eine der wichtigsten Kritiken nachzureichen und im deutschen Sprachraum bekannt zu machen: die Werke von Maurice Merleau-Ponty (1908 – 1961). Doch so unbekannt scheint uns der Philosoph nicht zu sein; doch ist er uns eher aus zweiter Hand vertraut, oft auch als Opfer einer permanenten Fehlrezeption. So wurden seine Werke etwa in der philosophischen Ausprägung des Wiener Aktionismus einer eigenwilligen Uminterpretation unterzogen, und dies ausgerechnet um aus seinen Schriften Argumente gegen Husserl abzuleiten. Die Absurdität dieses Unterfangens wird offensichtlich, wenn man sich die Bedeutung von Husserl für Merlau-Pontys Frühwerk vergegenwärtigt.

Ist er aber wirklich der klassische Strukturalist? Insbesondere dieser Frage wird im Band »Merleau-Ponty und die Kulturwissenschaft« nachgegangen. In dieser Aufsatzsammlung, die eine hilfreiche Ergänzung zur Primärliteratur darstellt, wird die wichtige Brückenstellung deutlich, die dieser Philosoph zwischen Phänomenologie – die Lehre der Erscheinungen – und Strukturalismus – der Überzeugung unwandelbarer Grundstrukturen – einnimmt. Ohne ihn wäre die zeitgenössische Philosophie ärmer, war sein Schaffen doch wesentlich für Denker wie Lyotard oder Deleuze.

Merleau-Pontys Verbindung zu Sartre wird hier, als auch im Band »Sinn und Nicht-Sinn«, offensichtlich. Sie veröffentlichten nach dem II. Weltkrieg gemeinsam die Zeitschrift »Les Temps Modernes«. Dass Merleau-Ponty im Schatten Sartres zu verbleiben schien, war aber keine Frage der Qualität, sondern der Lautstärke. Simone de Beauvoir erkannte in ihm klar die unbequeme Kehrseite des Existenzialismus: Er interessierte sich mehr für die Randbezirke des Denkens, für die dunklen Seiten des Daseins als für den festen Kern.
Dass wir nun Gelegenheit haben, einen Blick auf diese andere Seite des Existenzialismus zu werfen, ist auch ein Verdienst der Übersetzung, die sich zuweilen einer ungerechtfertigten Kritik ausgesetzt sah. Doch es ist die sprachliche Ausdifferenziertheit, die in der dankenswerten Neuausgabe vorherrscht, die es der deutschsprachigen Leserschaft ermöglicht, diese Wanderungen durch die dunklen Randbezirke nachzuvollziehen. Die Übersetzung Merleau-Pontys hat auf sich warten lassen: doch etwas wirklich Neues, kommt es auch mit Verzögerung, kommt auf keinen Fall zu spät.

Maurice Merleau-Ponty
Das Sichtbare und das Unsichtbare, 391 Seiten
München: Wilhelm Fink Verlag 1994 (Übergänge 13)
DM 58,-; sFr 58,-; öS 423,-; EUR 30,74

Maurice Merleau-Ponty
Sinn und Nicht-Sinn, 260 Seiten
München: Wilhelm Fink Verlag 2000 (Übergänge 35)
DM 48,-; sFr 48,-; öS 350,-; EUR 25,44

Regula Giuliani (Hg.)
Merleau-Ponty und die Kulturwissenschaften, 361 Seiten
München: Wilhelm Fink Verlag 2000 (Übergänge 37)
DM 78,-; sFr 78,-; öS 569,-; EUR 41,35