Sonar 2001 - The true story

Die Berichte der einzelnen Tage des Festivals, vom 14. – 16. Juni 2001, in zusammengefasster Form zum Nachlesen und drüber Lachen.

14.06.01

Schon im Vorfeld war nicht wenig los – Richard Dorfmeister und Vorgestern Ronnie Size machten schon Stimmung und Vorfreude, jetzt geht’s richtig los:

Terry Riley, Vladislav Delay, Hecker und viele Andere rocken den Nachmittag, Abends geht es mit vielen WARP Musikern (Squarepusher, Plaid, Aphex) weiter. Für etwas Ruhe zwischendurch sorgen Sigur Ros, der Knaller werden Sonic Youth mit ihrem Impro-Programm.

Soweit zum heutigen Tag, aber das steht eh in jedem Programm. Ansonsten ist das Wetter bestens, die Leute viele, es riecht an allen Ecken ziemlich gut und ist somit perfekt.

Über größere Exzesse wird morgen hier an selber Stelle berichtet, einstweilen ist eher noch chillen in der Mittagssonne angesagt – die großen Innenhöfe des Kulturzentrums CCCB laden dazu gerade ein.

Alle zu Hause gebliebenen können unter sonar.ya.com mithören, da soll das ganze Festival live übertragen werden!!

Anm: Unter dieser Adresse war während des Festivals mitzuhören, die eigentliche Sonar-Adresse ist www.sonar.es, eben jene sollte auch das ganze Jahr über aktiv sein.

SONAR – TAG 1 (14.06.01)

Sonar ist riesengroß muss gleich mal festgehalten werden – vor allem, was den Publikumszulauf betrifft. Unglaublich, wie viele Leute sich auch die schrägsten Sachen anhören!

Der Nachmittag im Zentrum zeitgenössischer Kunst im Herzen Barcelonas war doch eher enttäuschend. Und zu den interessanteren Dingen wie Vladislav Delay oder Kid 606 war kein reinkommen – die Kirche, in der diese Konzerte über die Bühne gingen, war heillos überfüllt.

Terry Riley schien dann ein wirklicher Höhepunkt zu werden, der aber auch eher flau war. Repetitive Strukturen am Piano wechselten sich mit Beats und verhallten Synthie-Sounds darüber ab, aber es kam nie so wirklich magische Stimmung auf – trotz des wirklich alles prägenden guten Geruchs.
Also eher laue Dinge an einem heißen Tag.

Großartig aber war die Nacht – Beginn um Mitternacht, um acht Uhr Früh ist meine Wenigkeit dann ins Bett gefallen.
Den Beginn und gleichzeitig Höhepunkt markierten Sonic Youth – im Septett.
Erweitert wurden sie durch Wiliam Winant (perc), Jim O’Rourke (guit, G3, Snare) und Pita (G3). Der Einstieg O’Rourkes bei Sonic Youth scheint auch Mego-Menschen Tore in diese Welt geöffnet zu haben – und das Konzert funktionierte bestens. Präsentiert wurde das Impro-Programm mit einigen Stücken der »Good-Bye 20th Century« Platte, darunter auch ein 30 minütiges Epos von John Cage.
O’Rourke war überwiegend die Gitarre würgend zu hören, Pitas Sound harmonierten bestens mit eben diesen Attacken, auch Moore und Renaldo waren manchmal gar nicht sparsam mit Lärm. In Summe aber, weil eben Kompositionen zugrunde lagen, war das doch ein sehr kompaktes Konzert, das sich nie in Beliebigkeiten verloren und Noise zum Selbstzweck erklärt hat.

Ansonsten:

Sigur Ros waren sehr schön, mit drei Streicherinnen, aber zu dieser späten Stunde (Beginn 1.30) doch eher eine Schlaftablette.
Plaid haben da schon eher für grooviges gesorgt und, Überraschung, man kann zu ihrer Musik sogar tanzen!

Selbiges musste man dann im Anschluss bei Aphex Twin. Der ist wieder mal über sich selbst hinausgewachsen und hat die Party mit Highspeed Drum’n’Bass geschmissen. Darf außer Alec Epire überhaupt wer so wahnsinnige Beats machen?
Die nötige Portion schräger Sounds war natürlich auch dabei, nur hat leider auf einer Nebenbühne inzwischen Storm angefangen aufzulegen, was man sich auch nicht entgehen lassen konnte.
Drum’n’Bass einfach, aber einfach rockend, und gerade um vier Uhr Früh kann ein bisl Partymusik nicht schaden.

Squarepusher musste leider krankheitshalber absagen, was aber dem Erfolg des Abends keinen Abbruch tat. Eher war das schon die schiere Masse Menschen – dort waren auf drei Locations verteilt sicher 15.000 Besucher.
Überraschender Weise interessierten sich auch mehr davon für Aphex und Konsorten als den zeitgleich auflegenden Carl Cox – gut so!

Eben beehrte uns Steve Shelly von Sonic Youth mit einem DJ-Set, fragile Gitarren und ein bisl sehr amerikanisches, nicht weniger fragil, waren ideale Chill-Musik für den frühen Morgen, so 16 Uhr halt.

Stay tuned!

SONAR – TAG 2 (15.06.01)

Wieder mal sitze ich frühmorgens nach durchzechter Nacht schreibend im Pressezentrum – die Pflicht ruft!
Und die lange Nacht war es wieder mal wert, besonders aber der Nachmittag.

I did it! ich hab’s geschafft zu Sonar Macba zu kommen, einer kleinen Kirche mit experimentelleren Dingen am Programm, in die aber schwer reinkommen ist. Der gestrige Tag war, Elektronik zum Trotz, der Gitarre gewidmet.
a+r, die Leiter des Alku Labels, legten mehrmals auf, und wie! Ein wüster Ritt durch die gesamte Gitarrengeschichte, von Napalm Death über Naked City und Shellac bis zu Mick Harvey und Country war da alles im Mixer.

Ein Tipp sind die beiden Spanier von Shudo, die einzigen, die diesen Tag in Macba an Computern werkten – fette Bassdrones als Basis für gefrickelige bis sehr melodiöse Elektroniksounds, die Kirche hat vibriert, meine Ohren jubelten und selbst Peter Rehberg hat den Saal nicht verlassen – wie auch andere Prominenz aus Wien. Der Adabei hat unter anderen Pure und Molin gesichtet und auch Curd Duca lässt es sich nicht nehmen, das ganze Festival zu besuchen.

Kevin Drumm war ungewohnt laut und heftig, aber sonst wie gehabt: Soundscapes und Gitarrentreatments, sehr spacig und weniger kopfig als kürzlich im Wiener Porgy&Bess.

Um 21.00 rockte dann der Meister der Lärmgitarre persönlich das Haus: Mister KK Null (Zeni Geva) spielte nicht Gitarre, er zelebrierte sie. Mächtige Walls of Sound, lange Drones unterbrochen von schrillen Attacken und wieder unglaublich laut – so, dass das ganze zu Body Music im eigentlichen Sinn des Wortes wurde.
Sicher hat der Mann ein bisschen Jimi Hendrix gehorcht – schien mir sehr davon inspiriert, und das nicht nur, weil auch Null gerne mir der Zunge und den Zähnen Gitarre spielt.

Mike Dread soll sehr fein gewesen sein, an vier Laptops werkend, hab ich aber verpasst, wie vieles andere auch.

Und dann wieder mal der weite Weg ins ganz am Rand Barcelonas gelegene Messezentrum zum Nachtprogramm – das sehr Techno und daher für mich eher enttäuschend war, aber die Höhepunkte waren allemal das Kommen wert.
Bis dorthin musste ich aber einiges Schlimmes über mich ergehen lassen, besonders die Spanier Chico y Chica, schlimmster 80er Elektropop mit einer noch schlimmeren Sängerin, aber gut.

Die bald darauf folgend Leila (Arab), Freundin einer Hälfte von Plaid, entschädigte dafür.
Trotz technischer Probleme ein großer Gig, sehr bjoerkig, besonders wenn sie sang (ansonsten Live Elektronics). Aber keine Kopie, sondern sehr eigenwillig, immer wieder von fiesen Krrrchattacken zerschnitten, aber in Summe schön und vor allem sehr tanzbar. Ein heißer Tipp, von der Frau sollte man sich mal was besorgen!

Dann war da nebst erwähntem Techno (wo ist eigentlich hier Drum ’n‘ Bass, abgesehen von wenigen ausnahmen wie Storm?) mach sehr popiges und betont fröhliches wie Frankie Knuckles, für meinen Geschmack eindeutig zu viel Party und Happyniess.

Adrew Wetherall (Two Lone Swordsmen) schmiss dann wieder die Party: Beats, zum Teil gerade Technobeats, zum Teil housig, oft Drum ’n‘ Bass inspiriert wurden mit den von den Swordsmen bekannten Elektrosounds belegt, manchmal wurde das ganze sogar sehr frei und somit untanzbar, war aber dabei nicht minder interessant.
Besonders während dieses Gigs begeisterten die von der Lomograhischen Gesellschaft gestalteten Visuals, die ansonsten auch manchmal in eher platte Musikvideoästhetik abdriften.

Laurent Garnier beschloss den Abend, war mir aber zu sehr House, die Stimmung aber war bestens.

(Anm: wie später erfahren, war das gar nicht der erkrante Laurent Garnier, sondern Christian Vogel, aber ich Technobanause und Jazzfundamentalist kenn die halt einfach nicht auseinander…, sorry)

Mich rufen jetzt Rune Grammofon, John Peel und nicht zuletzt Techno Animal, somit bis zum nächsten und letzten Bericht aus Barcelona, vermutlich Montag Nachmittag online.

SONAR – TAG 3 (16.06.01)

Gestern, Sonntag, war das Pressezentrum des Sonar geschlossen, somit erst hier und jetzt, da ich wieder in Wien weile, der letzte Bericht.
Von den vorangegangenen bin ich gerade ein bisschen schockiert, man mag meine Ergüsse verzeihen, aber so mitten unter einer Party kann das mühsam sein – und außerdem gab’s keine Umlaute auf der spanischen Tastatur…

Nun denn, was war so los?
Noch mehr Besucher als an den vorangegangen Tagen (in Summe waren es knapp 60.000 während des gesamten Festivals) und noch mehr Sonne, sprich notgedrungen auch mehr Bier.

Musikalisch wurde der Tag interessant mit Rune Kristoffersen, der Platten seines Labels »Rune Grammofon« spielte. Der Beginn war sehr noisig, der Rest etwas dezenter – ambientöse Soundscapes und gebrochene, aber verhaltene Beats entführten in andere Dimensionen.

Anschließend verlegte eine der Legenden schlechthin Platten, Mister John Peel hat den Boden Barcelonas geweiht – oder auch entweiht,, ist Ansichtssache. Denn in den rund 15 Minuten, die ich mir antat, gab es nur Coverversionen diverser Popklassiker unterlegt mit sehr dumpfbackigen Technobeats zu hören. Frage mich niemand, was da kaputt war, aber es war Peel, ich hab mich extra noch mal zur Bühne gekämpft, um das mit eigenen Augen sehen zu können.

Auf eben jener Bühne, dem Sonar Lab, waren anschließend Laub und Rechenzentrum vom Berliner Label »Kitty yo« zu hören und angeblich auch sehr hörenswert, während ich Banause mir ein Bier und, die Arbeit rief auch, die Pressekonferenz der Festivalorganisation zuführte.

Deutschland war überhaupt stark vertreten, die Sonar Village, wo die Hauptbühne und viele Tausend Leute zu finden waren, wurde am Nachmittag von »Compost« Artists beschallt. Fauna Flash, Beanfield, Rainer Trüby und Jazzanova sorgten für flockige Beats und relaxte Grooves, waren gut besucht, laut und sicher sehr nett, aber wie schon gesagt, zu viel parallel und dann auch noch Bier trinken müssen…
Besonders im Anschluss waren die Überschneidungen wieder mal sehr ärgerlich, denn in der Sonar Village war Dj Vadim & The Russian Percussion mit einem Live-Set zu hören, während gleichzeitig die im Keller des CCCB gelegene Hall von Techno Animal gerockt wurde. Ungewohnt leise (was bei Techno Animal ohnehin sehr relativ ist) und manchmal ein wenig zahm (was genau so relativ zu sehen ist), aber natürlich wieder mal großartig. Spielten sie vor einigen Monaten in Wien das Flex fast leer, so war das Publikum in Barcelona hartnäckiger, es war kaum Platz zum Tanzen.

Was es dann für mich auch schon fast war, denn zu Matmos und People Like Us, die in der Kirche (Sonar Macba) spielten, war wieder mal kein reinkommen, schade.
Dafür noch ein bisschen shaken zu Mo und ihrem Partner El Puma, einem Berliner Duo, das »Elektro Music Department« Platten verlegte und sehr Spaß machte: Von Elektropop bis House, die Masse war vom Tanzbeinschwingen nicht abzuhalten.

Das Nachtprogramm viel aus meiner Sicht sich selbst zum Opfer, zu viel Techno und sonst nix. Kollege Deisl berichtete, dass es erwartungsgemäß sehr böllerte, Höhepunkt soll, was Wunder, Richie Hawtin gewesen sein.

That’s it, einen vernünftigen Bericht, ohne rauschiges Geschwafel, dafür mit Hintergrundinformationen zum Festival, gibt’s im nächsten skug (Vol. 47).