Solare Korrespondenz

Hanno Millesis Kurzgeschichten kreisen um das Universum des Schriftstellers – ein intertextuelles Spielfeld von Schaffen und Scheitern. Eine Rezension von Barbara Wakolbinger. 

In Hanno Millesis Sonnensystemen dreht sich alles um das Leben und Schaffen als Schriftsteller. Im Mittelpunkt, im innersten Zentrum, steht die Figur des Protagonisten, der sich seinen Weg aus einer Schaffenskrise zu bahnen versucht. Im äu&szligeren Kreis zirkulieren die unterschiedlichsten intertextuellen und intermedialen Bezugssysteme, über die der Protagonist versucht, die Flucht aus der Schreibblockade zu gestalten. In jeder der »Geschichten, Behauptungen und Gedankengänge« verknüpft Millesi geschickt reale Gegebenheit und Fiktion, Körperlichkeit und Sprache und biographische Ereignisse seines Protagonisten mit literarischen Persönlichkeiten und Filmszenerien.

Da meldet sich Sylvia Plath per Telefon aus dem Jenseits, der Surrealist André Breton gibt sich per geisterhafter Nachricht über einen Kassettenrecorder zu erkennen und gibt Anweisungen. Mit dem Beatnik Jack Kerouac wird ein Katalog mit Handlungsanleitungen für ernstzunehmende Schriftsteller durchgearbeitet. Zwischendurch werden die Geburts- und Sterbetage von Literaten gebührend gefeiert, um etwas von deren Genie zu erhaschen. Immer wieder verwendet Millesi dabei auch Versatzstücke anderer Texte, so z. B. in »Snail Mail«, wo die Beziehung des Protagonisten zu seiner Freundin mittels Zitaten zu musikalischer Zusammenarbeit von Nirvana bis zu den Sex Pistols aufgeschlüsselt wird. In »Methode Mensch« wird schlie&szliglich das Phänomen Kapitalismus mit Aussagen von RAF-Mitgliedern durchexerziert. Seine Vorgehensweise beschreibt Millesi im selbstreflexiven »Ich durchsuche Feldcharakter«, in dem der Schriftsteller sich per Telefonbuch auf die Suche nach einem Hauptcharakter für sein neues Werk begibt: »Anders als die bildende Kunst verleibt sich die Literatur nicht alles, wirklich alles ein, um es zu verdauen und mit dem Etikett Kunst versehen wieder auszuspeien. Der Text entspinnt sich um Phänomene herum, geht Symbiosen ein, schlie&szligt Bekanntschaften, erklärt sich mit Arrangements einverstanden. Zuweilen tritt er vollkommen in den Hintergrund.«

Millesi verpackt den Kampf um die Sprache und literarisches Schreiben gekonnt in gro&szligteils liebevoll neurotische Kurzgeschichten, deren Bezugssysteme zwar zum Teil etwas willkürlich gewählt erscheinen, aber dennoch einen witzigen und sprachlich gekonnten Verlauf nehmen. Selten war es so unterhaltsam, das Scheitern und wieder Anlauf nehmen eines Autors zu beobachten.

Hanno Millesi: »Das innere und das äu&szligere Sonnensystem«, Wien: luftschacht 2010, 176 Seiten, EUR 19,00