Alle Foto-(c) Thimfilm

»Sing, sing!«, schrien die Zuschauer: Amy Winehouse im Kino

Der Doku-Film »Amy. The Girl behind the Name« des britischen Regisseurs Asif Kapadia nimmt der frechen und großartigen Sängerin die Verantwortung für ihr Schicksal. Jugendliche Rebellion ist eben auch eine Art Blockade, vor allen Dingen, wenn einen der eigene Vater auf Tour treibt.

Der Film »Amy« tut eigentlich das Gleiche, was er den Paparazzis von Amy Winehouse, den sie ver- folgenden Fotoreportern, vorwirft – er bleibt ganz nah an Amy dran. Dicht auf dicht. Zum Teil sogar noch näher, da der Regisseur Filmmaterial ihrer FreundInnen beziehungsweise sogar ihr eigenes persönliches Foto-Material verwendet. Dazwischen Snapshots und Filmmaterial von JournalistInnen. Es ist nie ganz klar, was von wem stammt: auf diese Weise entsteht eine Vermischung von privaten und öffentlichen Bildern. Zusätzlich werden die O-Töne von interviewten Freunden und Verwandten zu Kamerafahrten über London eingeschnitten, ohne die Personen zu zeigen. Völlige Konzentration auf Amy Winehouse – was im Laufe des langen Filmes zu einer Art Verzweiflungsstrudel führt. Eine Ansteckung sozusagen, die eventuell intendiert ist.

 

Schmerzmittel und Punk Amy1_1400.jpg

Gegen Ende ihres kurzen Lebens scheint es zu einer öffentlichen Vernichtung gekommen zu sein, einer Hinrichtung mit Witzen, die TV-Moderatoren über ihre Drogensucht rissen. Wie die Geier. Pleitegeier. Sie konnte sich gar nicht mehr wehren und niemand verteidigte sie.

Schrecklich, wie sich Amy den Schmerzmitteln ihres Liebhabers so hingab und öffnete und außer seinen Drogen auch noch seine Selbstverletzungen mit dem Messer nachahmte. Ihm überallhin folgen wollte, wie ein kleines Kind, das stecken geblieben ist, in seiner Liebe und Verehrung eines Elternteils und sich weigert, auf eigenen Füßen zu stehen. Das sich völlig aufgibt. Sie fing sich wohl immer wieder, holte sich heraus aus dem Sumpf am eigenen Schopf, doch der angerichtete Schaden war bereits zu groß. Wie die Geier setzten sich Männer auf ihren Erfolg drauf, hackten drauf und zerstückelten das erbeutete Stück Mensch. Vampire! Schrecklich. Aber sie wollte auch gefallen und geliebt werden und war eine Schönheit.

Ich sehe sie eher als eine Punk-Sängerin. Vor allen Dingen die ersten Songs, bei denen sie sich staccatomäßig rhythmisch selbst auf der Gitarre begleitete, sind roh und anklagend. Lustvoll vor- wurfsvoll, wobei sie damals noch gar nicht so viele bewusste Inhalte hatte. Allein wegen dieser Songs lohnt es sich, den Film anzuschauen.

 

Nur ein neues Album

Süß ist sie und sie weiß es, aber dass sie erst komplett absaufen muss, um ihre Ruhe zu haben, die Maschinerie der ständigen Auftritte zu stoppen, sieht man im Film ganz deutlich. Dabei will sie eigentlich nur völlig verzweifelt ein neues Album machen. Und überhaupt nicht mehr touren. Bis sie ausgerechnet in Belgrad auf der Bühne steht und dermaßen betrunken ist, dass sie sich nicht nur zu singen weigert, sondern dass jeder vernünftige Mensch auch einsehen muss, dass es einfach nicht mehr geht. Aus. Pause. Amy Winehouse starrt mit leerem Blick in die Ferne. Doch die ZuschauerInnen brüllen: »Sing! Sing!«

»Alle wollten ein Stückchen von ihr«, sagt jemand im Film. Aber man erkennt nicht genau, was es ist, das Amy dermaßen aufreibt und andere so stark anzieht, dass sie zu einem Symbol geworden zu sein scheint – denn auszucken und sich hingeben tun viele Jugendliche oder auch Rockstars. Aber sie war etwas Spezielles.

Nick_Shymansky.jpg 

© Nick Shymansky/Thimfilm

Erst beim Begräbnis sieht man Männer mit weißen Kippot auf dem Kopf weinen, doch ihre »Jewish- ness« wird im Film eigentlich überhaupt nicht angesprochen – entweder weil sie bei einer armen, alleinerziehenden Mutter aufwuchs, die mit ihrer starrköpfigen Prinzessin angeblich nicht klar kam, oder weil sich ihr Vater wie ein Ausbeuter verhielt und zum Beispiel ein TV-Team auf ihre Insel mitnimmt, als sie sich gerade zu erholen beginnt. Als dicker, feister Mensch benutzt er seine Bulimie-Tochter, die er verließ, als sie sieben Jahre alt war, finanziell. (Es gibt viele Arten von Miss- brauch.) Wo ihre Trauma-Attraktion und Anziehung genau her kommt, erfährt man nicht. Und das Jüdische Museum Wien wird sich in der Ausstellung nächstes Jahr schwer tun, dies zu fassen.

Ihr Freund, der eventuell nicht nur so dumm und grässlich war, wie er im Film dargestellt wird, fragte sie, ob sie das Opfer einer sexuellen Traumatisierung als Kind wurde, und deswegen so obsessiv sei? Nein, nur durch das Verlassenwerden und den Betrug wäre sie so geworden, antwortete Amy.

P31971_JW_Young_Amy_beach.jpg 

Keine Zeit mehr

Walter Benjamin glaubte, dass jeder Mensch seinen Engel hätte, der zornig auf einen sein kann, wenn man ihn genau in dem Moment anruft, wenn er mit Gott redet. Benjamin glaubte, das sei mit seinem Engel passiert, schreibt Gershom Sholem. Dieser jeweils eigene Engel kennt den geheimen Namen des Menschen. Insofern benennt der Film in seinem Untertitel ganz richtig »den Namen«, aber auch »The Girl behind The Name«. Amy scheint ihren Engel zu oft angerufen zu haben und ihr Engel scheint sie wirklich im Stich gelassen zu haben, denn sie wusste genau, wenn sie weitersäuft, wird sie an Herzversagen sterben. Kurz vor ihrem Tod verabschiedete sie sich noch von ihrer besten Freundin aus Kindheitstagen. Sie wusste, dass ihr keine Zeit mehr bleibt.

Schade, dass der Regisseur keine eigenen Bilder gefunden hat, um seine Ideen über Amy Winehouse auszudrücken – à la Bollywood oder etwas ganz Verrücktes, Surreales. Das hätte dem Film gut getan. So bleibt »Amy« ein Film über öffentliche Selbstvernachlässigung. Aber Amy Winehouses Erfolg beruhte wirklich nicht darauf, dass viele erste Reihe fußfrei zusehen konnten, wie sie Selbstver- letzungen für andere austrug, sondern auf den kleinen Melodien, die ihrer Erfahrung und ihren Erlebnissen entsprachen und die sie auf ganz eigene und eingängige Weise vermusikalisieren konnte. Man denke nur an »Back to Black«, das sie am Schluss gar nicht mehr singen wollte. Es bleibt eine Gemeinheit, dass verhindert wurde, dass sie sich ihrem nächsten Album widmen konnte, denn als Musikerin war sie ein Weltstar und kein Opfer.

Amy5_1400.jpg 

»Amy. The Girl behind the Name« Regie: Asif Kapadia, UK 2015, 127 Min., Thimfilm