Karies

»Seid umschlungen, Millionen«

This Charming Man

Dass Karies mehr als nur ein weiteres Die-Nerven-Nebenprojekt sind, haben sie schon letztes Jahr mit ihrer Kassetten- und Bandcamp-EP »Fun ist ein Stahlbad« klargemacht. Und das nicht nur, weil sie damit ein Adorno-Zitat in die Popkultur einführten, das doch eigentlich schon Anfang der 1980er auf eine Plattenhülle gedruckt gehört hätte. Sondern auch, weil sie offensichtlich verstanden hatten, was Adorno damit meinte, und eben keinen abhärtenden Fun ablieferten, sondern kompromisslose, aber im Gegensatz zum verhöhnenden Spaß eben – gerade wegen des lauten Neins zu den gesellschaftlichen Zuständen – mitfühlende Musik. Weniger war aber eigentlich auch nicht zu erwarten von einer Band, in der (u. a.) Die-Nerven-Schlagzeuger Kevin Kuhn am Schlagzeug sitzt, in der (u. a.) All-diese-Gewalt-Bassist Benjamin Schröter singt und Gitarre spielt und bei der (u. a.) Die-Nerven-Sänger Max Rieger am Studiomischpult sitzt. Mit dem Debütalbum »Seid umschlungen, Millionen« ist jetzt außerdem klar, dass Karies mindestens genauso gut, ernst und ernstzunehmend sind wie die allseits gefeierten Nerven. Denn die insgesamt vierköpfige Band macht allerfeinste angry young man Music zwischen düsterer Früh-1980er-New Wave bzw. NDW und Früh-1990er Diskursrock. Den Retro-Vorwurf müssen sich Karies zudem nur auf musikalischer Ebene gefallen lassen, denn anders als sonst transportieren sie die mit dieser Musik verbundene Haltung mit und stellen sie in aktuelle Kontexte. Kein Hauch von Nostalgie hier, nichts, das wärmt. Bei Karies passt alles zusammen, von der unterkühlt-freundlichen Bühnenpräsenz über das trostlos-dunkelgraue Plattencover bis zur druckvollen, dunklen Musik und den schroffen, deutschen Texten. Unglaublich zudem der nervöse, gejagte, hysterische Gesang Schröters, der damit manchmal – auch das passt ins Bild – wie der junge Peter Hein klingt. Die noch etwas knapperen, noch etwas direkteren und noch etwas dringlicher gesungenen Texte sind dann auch der größte Unterschied zu den Nerven. Schön, wenn sich unter all der Wut und Fassungslosigkeit dann auch noch ein paar eingängige Melodien verbergen, wenn ein paar längere Instrumentalpassagen und -Stücke Gelegenheit zum Erschnaufen bieten und wenn sich die Texte spätestens beim zweiten Hören entschlüsseln lassen. »Das Salz der Erde gibt’s bei Rewe für 19 Cent« heißt es zum Beispiel in »Paradies«. Das Gegengift, wenn an der Sache mit der subversiven Popmusik noch etwas dran ist, gibt es bei This Charming Man Records für 15 Euro.