»Jojo Rabbit« © Viennale

Sei ein Hase!

In »Jojo Rabbit« konfrontiert uns Taika Waititi mit der Absurdität des Zweiten Weltkrieges in satirischer Überzeichnung und gewährt damit einen kindlichen, aber nicht kindischen Blick auf ein dunkles Kapitel der Menschheitsgeschichte.

Das Jahr 1945 ist »definitely not a good time to be a Nazi«. Dem 10-jährigen Johannes Betzler, kurz Jojo (Griffin Davis), ist das allerdings (noch) nicht bewusst und so engagiert er sich mit fanatischem Eifer in dem Club namens Hitlerjugend, trägt stolz seine Pimpfuniform und beteiligt sich an spielerischen Kampfübungen und Bücherverbrennungen. Das Bild der letzten Kriegsmonate, das Regisseur Taika Waititi in seinem Film »Jojo Rabbit« zeichnet, ist in erster Linie ein kindlich verklärtes, in dem man sich Poster des Führers an die Wand hängt, den sozialen Regeln Gleichaltriger gerecht zu werden versucht und auf gar keinen Fall als Feigling gelten will. Doch vor die Aufgabe gestellt, einem Hasen den Hals umzudrehen, versagt Jojo und hat damit seinen Spitznamen – und den Filmtitel – weg. Sein imaginärer Freund Adolf Hitler (Taika Waititi) tröstet ihn: Ein Hase sei nicht feige, er sei stark und schnell und schlau und ein durchaus gutes Spirit Animal, denn er habe allen Gefahren zum Trotz seine Familie täglich mit Karotten zu versorgen. Wenig später sprengt sich Jojo in seinem Übereifer mit einer Handgranate in die Luft und bekommt die dunkle, »erwachsene« Seite des Krieges zum ersten Mal am eigenen Leib zu spüren.

Die folgenden Monate verbringt er zur Genesung daheim, umsorgt von seiner Mutter Rosie (Scarlett Johansson), die sich heimlich im Widerstand engagiert, und stößt auf das jüdische Mädchen Elsa (Thomasin McKenzie), das von seiner Mutter im Haus versteckt wird und sein Weltbild gehörig durcheinanderbringt, denn sie entspricht so gar nicht dem Bild des hörnertragenden Klassenfeindes, wie es ihm die nationalsozialistische Propaganda vermitteln will. Während sich aus der anfänglichen Pattsituation zwischen den beiden (Elsa kann Jojo nichts anhaben, ohne ihre Deckung aufzugeben, und er kann sie nicht verraten, ohne seine Familie zu gefährden) eine vorsichtige Freundschaft bzw. Schwärmerei entwickelt, geht das Dritte Reich langsam, aber sicher, seinem Ende entgegen. Die Gräuel des Krieges werden immer mehr auch für Jojo spürbar, sein bester Freund Yorki (Archie Bates) wird eingezogen und verabschiedet sich in einer Papieruniform, seine Mutter kehrt nach einer ihrer »Erledigungen« nicht nach Hause zurück und als die Russen und Amerikaner vor der Tür stehen, erfährt Jojo, dass der Führer himself den feigsten aller Abgänge gewählt hat.

Taiki Waititi meistert den schmalen Grat zwischen Kriegsdrama und Coming-of-age-Komödie mit sicherer Hand, indem er die reale Absurdität des Zweiten Weltkrieges und ihre satirische Überzeichnung einander gegenüberstellt und sie gegeneinander ausspielt. Das Lachen kann einem dabei schon einmal im Halse stecken bleiben – und doch wird das ernste Thema nie ins Lächerliche gezogen. Nach Vorbild von Charlie Chaplins »The Great Dictator« und Roberto Benignis »La vita è bella« versucht auch Taiki Waititi in »Jojo Rabbit«, mit der Fackel des Humors eines der dunkelsten Kapitel der Menschheitsgeschichte zu erhellen, und schafft es mit kindlichem Mut, der grausamen Realität die Stirn zu bieten.

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