Salman Rushdie © Andrew Lih, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Gott und Teufel im Auge der Betrachter*innen

Glücklicherweise hat Salman Rushdie den dümmlichen Anschlag auf sein Leben überstanden. Der richtige Zeitpunkt für eine kritische Würdigung seines Werkes.

Klar ist, der Attentäter und seine Hintermänner wissen nicht, was Literatur ist, sonst würden sie sie nicht an der falschen Stelle ernstnehmen. Sie verhalten sich wie ein Publikum, das den Schauspieler*innen ihre gespielten Schmähungen übelnimmt. Vermutlich, weil sie spüren, dass sie das literarische Spiel für immer verloren haben, sich bei dem um die größtmögliche Unterdrückungsmacht hingegen noch Siegeschancen ausmalen. Rushdie hatte sich in seinem Roman »Die Satanischen Verse« erdreistet, sich über den Koran lustig zu machen. Eine legitime literarische Strategie. Werke verspotten einander und drücken dadurch immer auch ein wenig ihre Hochachtung füreinander aus, weil verspottet werden kann nur, was bekannt ist. Der Koran ist etwa so alt wie die Märchen aus »Tausendundeine Nacht«, literarisch etwas weniger ergiebig und macht auf ernste Literatur. Er ist gutherzig geschrieben und eine in Teilen erhebende Friedensbotschaft. Der Koran will beruhigen und zur Besinnung aufrufen. Nothing wrong with that. Leider wird er gerne gegen den Strich gelesen. Eine typische Strategie der Interpretation von Literatur. In diesem Fall eine mit furchterregenden politischen Konsequenzen, weil anderen ein Leben mit den Worten des Korans aufgezwungen werden soll. Diese Interpretationen sind meist sehr »frei«. Bevölkerungen werden geknechtet mit Maßnahmen, von denen kein Wort im Koran zu finden ist. (Mit der Bibel ist es kaum anders.) Der Prophet Mohammed, liebe Taliban, hatte nix dagegen, dass Mädchen zur Schule gehen. Er profitierte schließlich davon. Seine Frau konnte schreiben, er selbst war Analphabet. A perfect match.

Spricht der Teufel aus dir?

Der Grundgedanke des Humanismus: Nie hat Gott zu den Menschen gesprochen und der Teufel schon gar nicht. Dadurch kann die unsinnige hermeneutische Mühle der Religionen außer Kraft gesetzt werden, die sich unablässig im Kreis dreht und fragt, ob Gott oder Teufel den Menschen reiten. M. Luther, Leo X et al. spürten, wie gefährlich der Humanismus für ihr jeweiliges Projekt ist. Genützt hat es wenig, die Religion hat den Kampf in weiten Teilen der Welt (vorerst) verloren. Aufklärung als Gegenprogramm ist aber selbst wiederum begrenzt, weil sie keine verbindlichen und bewegenden Ziele geben kann. Sie muss immer nur verteidigt werden. Aktive Menschen agieren hingegen gerne voraufklärerisch, sei es, weil sie Betrüger*innen sind oder weil sie Illusionen erlegen sind. Ein aufgeklärtes Agieren ist selten oder nie geschichtsmächtig. Als die Enttäuschung über diese Weltlage ins Bewusstsein der Intellektuellen gesickert war, erfanden sie die »Postmoderne«.

Vor diesem Hintergrund schrieb der Werbetexter Salman Rushdie (»Naughty but nice« fiel ihm schlau zu kalorienreichen Schokotörtchen ein) seine »Satanischen Verse« und bemühte sich nach Kräften, Aufklärung wieder mal ein bisschen zu retten, trotz postmoderner Beliebigkeit. Rushdies Geist ist sympathisch verspult und mit viel Lust am Durcheinander ausgestattet. So machte er aus Gott und Teufel einen literarischen Ringelreigen. Immer verwandelt sich wer in irgendwas und Traum und Wirklichkeit sind nie ganz zu klärende Blickrichtungen. Das Ganze ist symbolisch aufgeladen, aber frei von »Weisheit« oder tieferen Einsichten. Die »Satanischen Verse« sind eine unterhaltsame Kollage lustvoll assoziierter Belesenheit, die wirkt wie eine Aneinanderreihung von Wikipedia-Artikeln. Die Sprache ist pseudo-prophetisch und voll überbordender Ironie. Am Ende sind alle Figuren bei Rushdie Witzfiguren, weil der Autor keinen tieferen Bezug zu seinen Erfindungen aufbauen kann. Rushdies Romane sind meist ein Stelldichein der Knallschoten.

Darüber hätte sich niemand aufgeregt, außer jenen, die sich voll Kalkül aufregen wollen. Rushdie hatte das unendliche, lebensbedrohende Pech, dass sie die »richtigen« Leute über die im postmodernen Roman angerissenen Fragen des Moslemseins aufregten. Unnötig, sie hätten aus Tausenden anderen »blasphemischen« Werken die Wahl gehabt. Im Leben ist es genauso leicht ein Moslem zu sein wie ein Nicht-Moslem, sofern im entsprechenden Umfeld aufgewachsen. Sein Vater benannte Rushdie nach Ibn Ruschd (Greatest Hit: »Abweichende Interpretationen des Koran sind kein Unglaube – yeah!«.) Wer als Moslem diesen Aufklärer des 12. Jahrhunderts überhaupt nur kennt, hält die iranischen Mullahs für die Kabaretttruppe die sie sind. Nur leider betreiben sie ein humorloses, tödliches Theater, das Rushdie nun beinahe das Leben gekostet hätte.

Ansichten eines Migranten

Für eine große Anzahl Moslems in dieser Welt ist die Überwindung ihrer Religion eine überflüssige Fleißaufgabe. So wie es sich Christ sein lässt ohne Schmerz und Nachteil. Einfach Weihnachten (manchmal) in die Kirche gehen und Steuern zahlen, der Rest ist Privatsache. Ja, so schmeckt die Postmoderne ganz lecker. Wer gerne Flugreisen macht, einer leichten, wenn auch sinnlosen Erwerbsarbeit nachgeht, prima isst und immer im Warmen sitzt, erwartet sich keine überweltliche Entgeltung für das durchlittene Lebensleid. Wer hingegen im Dreck liegt, sieht, wie das eigene Land seiner Reichtümer beraubt wird, und dann von den Dieb*innen noch zugeflötet bekommt: »Ach übrigens, eure Religion ist ein Schas! Nur was für die ganz Doofen!«, der wird ein bisschen übellaunig. Trotz ist die Reaktion und es wird versucht, mit dem Smartphone in der Hand zu leben wie im 8. Jahrhundert.

Genau darin hat Rushdie sein bestes Thema. Er behandelt das Leben der Migranten, die niemals ankommen. Die sich von der alten Kultur ausgestoßen und von der neuen nie aufgenommen fühlen. Sie irren herum und bleiben sich und den anderen immer fremd. Sie können sich verwandeln, in Engel oder Teufel, so oft sie wollen, sie werden immer nur ausgestoßen. Minutiös listet Rushdie die Gemeinheiten der Mehrheitskultur auf, die das Fremde für Tiere hält, deren Genitalien unter die Lupe genommen werden müssen. Der Westen hat keinen echten Begriff von »Menschheit«, er nimmt Dinge für sich und die eigenen Leut’ in Anspruch und fährt über alles andere drüber.

Pech ist, dass die Mullahs und Taliban die gleiche Empfindung mit offenbar größerem politischem Erfolg bedienen. Die Analyse des postmodernen Aufklärers Rushdie und die der Zauselbärte ist nicht unähnlich: »Die wollen euch nicht, sie werden euch immer wie Menschen zweiter Klasse behandeln«. Die Schlussfolgerung der Religiösen: »Also bleibt bei uns im Zelt sitzen und betet fleißig, dann gibt es eines Tages märchenhaften Lohn – Ali-Baba-mäßig und ganz in echt!« Die Schlussfolgerung des Aufklärers Rushdie: »Macht postmoderne Witze und holt euch den Applaus der New Yorker und Londoner Eliten.«

Witze des Genesenden

Aufzulösen ist dieser Widerstreit kaum. Die Ratlosigkeit herrscht hüben wie drüben. Religion ist immer auch Betrug, »fromme Lüge«, denn jede Weltbeschreibung hat Lücken und Widersprüche. Religiöse halten dies nicht gut aus. Manche versenken sich in den Widerspruch, andere leugnen ihn. Rushdie fand dies kurios genug, um daraus ein postmodernes, literarisches Spiel zu machen, das den Widerspruch genüsslich auswalzt.

Das hat ihn im Leben weit gebracht. Rushdie wurde ein Celebrity und stand neben dem Investor und Entwickler von Anlageprodukten zur Steuervermeidung Bono auf der Bühne vor hunderttausend jubelnden Menschen. Rushdie war schlau genug, die ganze Verlogenheit und Dummheit um ihn herum zu erkennen und zu benennen (was niemand der Gescholtenen interessierte – so geht nämlich auch Postmoderne). Von ganzem Herzen hat er sich gewünscht, den Zinnober wieder abzublasen, der nie so gemeint gewesen war. Er beteuerte, ein guter Moslem zu sein, nur, damit die Mörder von ihm ablassen. Genützt hat es nichts. Sind einfach sehr nachtragend die Mullahs, wenn es ihnen nutzt. Rushdie hoffte auf die Kräfte der Mediengesellschaft und Aufmerksamkeitsökonomie, die doch immer alles wieder sogleich vergisst. Leider zu Unrecht, der religiöse Wahn, der nicht verstehen kann und will, was ein guter postmoderner Witz ist, hatte einen jahrzehntelang währenden Atem. Zumindest befindet sich Rushdie aktuell auf dem Weg der Besserung und macht – laut seinem Manager – auf dem Krankenbett schon wieder Witze.