Clemens Band Denk

»s/t«

Totally Wired Records

Für seinen Namen kann Clemens Denk (falls er wirklich so heißt) natürlich nichts. Ihn seiner Band überzustülpen, wäre aber trotzdem vermeidbar gewesen. Da sie aber nun einmal so heißt, lässt sie auf den ersten Blick an Grabbelkisten-Found-Objects regionaler Bands denken, die sich ähnliche Liebestöternamen geben (und die ich gerne mitnehme – circa jede siebte ist nämlich interessant bescheuert). Das hübschhässliche Cover wiederum könnte eine Parodie auf Popmusik-will-was-mit-bildender-Kunst-zu-tun-haben-Selbstdarstellungen sein. Im Eröffnungssong springt mir gekonnt ausgewalzte Wave-Monotonie ins Gesicht (auf halber Höhe zwischen »Der Goldene Reiter« und – so heißt ja auch das Label – »Totally Wired« von The Fall), bis der konsequent neben die Spur gesetzte Gesang (mit leicht angesoffenem schwerem österreichischem Zungenschlag) einsetzt und das solide stampfende Grundgerüst aus dem Tritt wirft. Immerhin, er beschwert sich – über »die Musik«: Der Sänger hat’s nicht drauf, der Bass keinen Groove, das Plattencover gefällt nicht, die Leute vom Label sind gar nicht »so super wie sie glauben, dass sie sind«. Um gleich darauf in die refrainartige Gegenthese zu verfallen: »Aber der Sound ist gut!«. Wir hören also entweder den Kreisky-Fanclub Eisenhüttenstadt oder Wesley Willis‘ Geist ist in eine dieser Post-Punk-Fan-Kapellen gefahren. Das wird dann wohl für die Dauer dieser Veröffentlichung so weitergehen … Tut es aber nicht! Ab Stück zwei kippt das ganze in Bonsaikrautrock und beherzt unmotiviertes Gedaddel, das nach S.Y.P.H.-Outtake von circa 1985 klingt. Später gibt es noch die eine oder andere Austropop-der-1970er-Fehlgeburt, einen Hauch Mutter, unscharfe Pearls Before Swine-Einflüsse und jede Menge psychisch auffälligen Text (»Ich mach ein Lied/Und flieg dahin/Zum Sinn«; »Ich sag‘ Radioairplay/Okay«). Außerdem huschen der singende Hypnosearzt Dr. Paul Bernard, Hansi Orsolics potscherte Lebensbeichte, Post-NDW-Weirdos wie die Dukes Of LSD (of »Thurston Moore empfiehlt«-fame) und die österreichische Antipsychatrie-Platte »Wo sind denn da die Kranken?« über den Assoziationsschirm. Incredibly Strange Music also, vermutlich selbstverordnet, aber sie funktioniert. Ich jedenfalls fühle mich amüsiert. Der Wir-wollen-alles-richtig-machen-Ekel zeitgenössischer deutschsprachiger Indieplatten stellt sich nicht ein; die Clemens Denk Band kann und will klassische Anti-Hits schreiben, bei denen ich gar nicht so genau wissen möchte, wie ernst (also z.B. konzeptuell) das alles gemeint ist und in welchem Schrank ihnen leider welche Tassen fehlen.
dd.jpgDot Dash lehnen sich nicht so weit aus dem Fenster, auch wenn Clemens Denk hier Schlagzeug spielt und manchmal schleppend singt. Lieber reproduzieren sie in gepflegter Atmosphäre die eigene Plattensammlung, wie schon der Bandname (eine klassische Wire-Single) nahelegt. Sie schaffen es, den historischen Post-Punk-Sound halbwegs einzufangen (statt ihn wie vor ein paar Jahren Franz Ferdinand oder Interpol bloß zu Umsonstmagazin-Leser_innen-Charts-Britpop zu vermatschen). Ihre Joy Division-Bässe und Wire-Riffs kriegen sie ungefähr so gut hin wie jene damals obskur gebliebenen Wire-Klone und italienischen Joy Division-Nachbauten, für die sie heute vermutlich ihr Geld auf Discogs ausgeben. Die verarbeiteten seinerzeit (wie Dot Dash heute) die unüberbückbare Entfernung zum Original zu ein paar halbwegs packenden Eigenwilligkeiten. Ein oder zwei Stellen scheinen mir sogar von Dry Rib geklaut (fantastische britische DIY-Einsingleband; holt euch die CD-Retrospektive auf hyped2death), wofür es natürlich ein Fleißbildchen gibt (mit dem Heiligen John Peel drauf). »Dot Dash« ist eine nicht unokaye Wiederbetätigungsplatte, die für die Selbstverständigung der entsprechenden Wiener Miniszene durchaus bedeutsam sein mag, die sich aber (wie alle Retroplatten) die Frage gefallen lassen muss, was sie dem Original eigentlich hinzufügen zu können glaubt – abgesehen von ihrer Liebeserklärung (die fallweise durchaus berührt).