Nels Cline

»Room«

Mack Avenue Records

Man muss sich die beiden Saitenartisten als glückliche Menschen vorstellen. Dazu ist aber zuallererst zu beschreiben, welcher ästhetische Raum bei »Room« überhaupt geöffnet wird. Denn der Titel ist Programm und zugleich künstlerischer Rahmen. Julian Lage, einst als Gitarrenwunderkind gefeiert und sonst eher im traditionellen Jazz und sogar im Bluegrass unterwegs, trifft auf Nels Cline, dem die konventionellere Songform zwar – Wilco sei Dank – auch bestens vertraut ist, der sich aber auch immer recht weit in die freie Improvisation hinauswagt. Cline, immerhin schon 58 Jahre alt, kann ohne Ûbertreibung als alter Meister auf der Gitarre beschrieben werden, während Lage mit seinen 26 Lenzen einer ganz anderen Generation angehört und im Moment von jedem, der irgendwie Ahnung von Jazz hat, als Offenbarung gefeiert wird. Was passiert, wenn diese beiden Musiker aufeinandertreffen und sich ganz auf das konzentrieren, was sie am besten können, nämlich auf das Gitarrespielen? Nun, sie legen auf das erste Hören das ab, was ihnen ansonsten zugeschrieben wird: Cline verzichtet auf übermäßigen Einsatz von Effektgeräten und Lage klingt so gar nicht nach traditionellem, mit Blues und Country infizierten Jazz, wie er es sonst oft tut. Cline wird fortan erzählen, dass er ständig versucht, diesem jungen, hochmusikalischen Virtuosen Julian Lage hinterher zu eilen, während Lage anmerkt, dass er sein Gegenüber bewundere. Es ist in jeder Note hörbar, dass sich die beiden gegenseitig inspiriert und motiviert haben, ihren angestammten ästhetischen Raum zu verlassen und gemeinsam einen neuen zu kreieren. Insofern ist das Cover, auf dem sie sich gegenübersitzen nicht nur Pose, sondern musikalische Grundhaltung. Wie hier die Ideen, die Motive, die Akkorde und die Skalen in Ping-Pong-Manier hin und her gespielt werden, bis niemand mehr weiß, wer Cline und wer Lage ist, ist schon erstaunlich. Die Aufnahme ist dabei, trotz der klanglichen Brillanz, denkbar einfach inszeniert: Cline ist am rechten Kanal zu hören, Lage am linken. Die Gitarrenspuren fließen nicht, wie sonst so oft üblich, ineinander, sondern bleiben stets getrennt. Das erhöht das Hörvergnügen immens. Der Kohärenz dieser Aufnahme tut es darüber hinaus mehr als nur gut, dass sich beide auf einen großen Meister der sanften und subtilen Improvisationskunst einigen können: Jim Hall. Diesem widmen sie kurzerhand die gesamte Aufnahme. Der Geist von Jim Hall schlägt jedenfalls an mehr als nur einer Stelle durch, auch wenn es hier teilweise unerwartet ruppig und manchmal gar freitonal zugeht. Mit Hall verbindet diese Musik aber der unglaubliche musikalische Reichtum und die Fähigkeit, musikalische und spielerisch-technische Grenzen leichtfüßig und lächelnd zu überwinden. Auch Lage und Cline lächeln sich, man überprüfe das eine oder andere Live-Video der beiden, immer wieder an. Ganz so, als ob sie wüssten, dass sie zu zweit zu so gut wie allem fähig sind: Free-Jazziges, Rockiges, Folkiges, dezent Bluesiges, aber auch Einflüsse aus der zeitgenössisch-klassischen Musik lassen sich ausmachen.
Das Beste aber kommt noch: Nicht nur Cline und Lage hatten bei dieser Aufnahme Spaß, sondern auch die Hörerin und der Hörer haben diesen beim Anhören. Das liegt daran, dass das keine typische Gitarrenplatte ist, in der sich zwei Musiker unter Beweis stellen müssen, wie virtuos und außergewöhnlich sie spielen können. Cline und Lage sind sich ihrer Mittel jederzeit bewusst, schöpfen diese aber nie als Selbstzweck aus, sondern stellen sie in den Dienst des Abenteuers und der Schaffung von außergewöhnlichen musikalischen und klanglichen Situationen. Allein zu verfolgen, wie sensibel die beiden Musiker aufeinander reagieren, wie sie in einen musikalischen Dialog treten, der zum Besten, Differenziertesten und Avanciertesten gehört, das ich in den letzten Jahren gehört habe, kann schon glücklich machen. Somit: Glückliche Musiker, glückliche Hörer. Eine Win-Win-Situation. Und eine der besten Platten in diesem und jedem Bereich der jüngeren Vergangenheit.