Zeitkratzer © Johan Coudoux

Reinhold Friedl über das Phänomen Kraftwerk

Das Kollektiv Zeitkratzer feiert 20 Jahre Bestehen, Karlrecords hat nun auch schon 10 Jahre auf dem Buckel. Zwei Gründe für die Veröffentlichung der Kraftwerk-Cover auf dem Label. Die restlichen erklärt Reinhold Friedl im Interview.

Zeikratzer veröffentlichen nun seit zwei Jahrzehnten Musik. Der Katalog besteht aus Interpretationen von Werken avantgardistischer Künstler aus dem 20. Jahrhundert, aber auch Musik aus der »Jetztzeit«. Man ist mit Lou Reed aufgetreten, man hat Throbbing Gristle gecovert und arbeitet mit Keiji Haino. Alles große Namen und auch alles große Endergebnisse. 2017 veröffentlichten sie den atemberaubenden Tonträger »Serbian War Songs«, jetzt sind es Versionen von Songs der ersten beiden Kraftwerk-Alben, »Kraftwerk« und »Kraftwerk 2« von 1970 und 1972. Die Band selbst hatte es unterlassen, Re-Issues davon anfertigen zu lassen, und wenn man sie sich anhört, muss man schon genau hinhören, um im Kraut der Musik die späteren Elektroniker zu erkennen. Die Musik auf »Zeitkratzer Performs Songs From the Albums ›Kraftwerk 2‹ and ›Kraftwerk‹« ist gewohnt Zeitkratzer, gibt also Ausgangsmaterial ungewohnt frisch und belebt wieder. Im ersten Rutsch ihrer geplanten Wiederveröffentlichungen erscheinen die Songs »Ruckzuck«, »Spule 4«, »Strom«, »Atem«, »Klingklang« und »Megaherz« im neuen Gewand. Im Gegensatz zum Ausgangsmaterial fällt auf, dass Friedl den einzelnen Ideen wesentlich mehr Raum lässt, sich zu entfalten. Statt dem Endlosschlagzeug findet man hier auch mal Pausen, Stille, Leere o. ä. Erst bei »Klingklang« hört man mal ein durchgehendes Schlagzeug, das ja so klassisch für den Sound des Krautrocks ist. Statt Synthesizer hört man jedoch ein Harmonium, Flöte und Violine werden ebenfalls wie in den Stücken von Kraftwerk eingesetzt, diese jedoch sind hier wesentlich verspielter. Aber ebenso trippy wie das Original, mindestens.

skug: Kraftwerk weigern sich, die ersten beiden Alben neu zu veröffentlichen. Sie gelten weder für die Band, noch für den Krautrock, dem man sie genremäßig zuordnen kann, als besonders bedeutend. Was macht für dich den besonderen Reiz daran aus?
Reinhold Friedl: Ich denke, der springende Punkt ist, dass man Kraftwerk eben nicht dem Krautrock genremäßig zuordnen kann. Bei den ersten beiden Platten, die wir gecovert haben, kann man genau dieses hören: Da wird schon die elektronische Musik anitizipiert, plötzlich wird ein ganzer Track mittendrin plötzlich schneller und glissandiert einen Halbton hoch, das ist klassische elektronische Musik. Dann gibt es Stücke wie »Atem«, was ist das anderes als Neue Musik, Stockhausens Einfluss ist da nicht zu überhören. Und dann gibt es viele kleinere und größere Eruptionen, plötzlich aus dem Nichts sich aufbauende Klangeruptionen, die die schönen Oberflächen zumindest irritieren, wenn nicht gar zerreißen. Dieses merkwürdige jugendlich-charmante Alles-ist-schon-da (oder noch da) ist der große Reiz an dieser Musik. Nie ist sie wirklich einzuordnen und gräbt sich dadurch ins Gedächtnis. Ich denke, zwei der besten Platten der Gruppe!

Die ikonischen Stücke von Kraftwerk habt ihr somit gänzlich außen vor gelassen. War das auch eine bewusste Entscheidung?
Nein. Weglassen war keine Überlegung, aber »Autobahn« zu covern wäre schon extrem langweilig. Umgekehrt war es: Wir dachten, die Musik der ersten beiden Platten ist so reizvoll, dass es einfach musikhistorisch notwendig ist, sie der Geschichtsklitterung ihrer eigenen Urheber zu entreißen. Kraftwerk waren ja auch nie die elektronischen Saubermänner, die sie nun vorzugeben versuchen, immer gewesen zu sein. Sie sind und waren Musik, haben Gitarre gespielt oder gar Querflöte, wie lustig und menschlich und befreiend!

Seht ihr eure Arbeit an diesem Projekt als Cover-Versionen oder Neuinterpretationen der Stücke? Was würde das bedeuten?
Das sind ganz klar Cover-Versionen. Das Interessante an der Vorlage aber ist, dass, je näher man an das Original kommt, desto neu interpretierter wirken die Stücke. Und wir haben uns natürlich ein paar Späße und kleine Verbesserungsvorschläge erlaubt: Beispielsweise benutzen wir ein echtes Harmonium und ein elektronisch simuliertes.

Musik mit akustischen Instrumenten hat oft den Vorteil, in Zeiten schnell fortschreitender Technik und Mode zeitloser zu wirken, wohingegen elektronische Musik schnell von neuer abgelöst wird und veraltet wirkt. Kannst du dem zustimmen?
Die Frage finde ich sehr lustig: Bis vor Kurzem hat man uns immer die Frage gestellt, ob wir uns mit unseren akustischen Instrumenten im Gegensatz zur angesagten elektronischen Musik nicht sehr veraltet vorkommen. Nun, weder noch. Wir spielen unsere akustischen Instrumente verstärkt, also machen wir mit unseren akustischen Instrumenten elektronische Musik, wir reisen mit unserem Soundman, der seine Finger immer an den elektronischen Reglern hat.
Ansonsten finde ich es keine besonders interessante Kategorie, zeitlos zu wirken. Selbst scheinbar zeitlos zu sein, kann vermutlich unendlich langweilig werden …

Kraftwerk ist – gegenüber der Musik von John Cage, Terre Thaemlitz oder Keiji Haino – weitaus leichter zugänglich. Gibt es da wesentliche Unterschiede für euch bei der Herangehensweise?
Wenn man sich unsere zahlreichen Veröffentlichungen anschaut, merkt man gleich, dass wir selten zweimal dieselbe Herangehensweise haben, an welche Projekte auch immer. Bei Kraftwerk war die interessante Frage auch: Was ist hier das Stück? Wir hatten ja nur akustische Vorlagen und keine Noten und wir haben dann entschieden, indem wir verschiedene Versionen der Stücke verglichen haben (insbesondere gibt es da ein vom WDR mitgeschnittenes Live-Konzert), herauszufinden, wie unterschiedlich Kraftwerk selbst mit seinen eigenen Stücken damals umgegangen ist. Daraus haben wir gewissermaßen die Invarianten gefiltert und das dann versucht umzusetzen. Eine Weile lang dachten wir dann, das Besondere sei auch unser neuer Mut zur musikalischen Oberflächlichkeit – man denke nur an »Ruckzuck« – aber dann haben wir schnell festgestellt, dass die klangliche Oberflächlichkeit trügt.

Vor Kurzem habt ihr auf dem Roskilde-Festival in Dänemark gespielt. Unterscheidet sich für dich der Auftritt vor tausenden feierlaunigen Jugendlichen von andächtig lauschenden »Avantgarde-Fans«?
Wir spielen immer schon vor völlig unterschiedlichem Publikum, wir sind mit Lou Reed aufgetreten, haben als erste Phil Niblock gespielt, wir sind bei Noise-Festivals aufgetreten, als die meisten noch gar nicht wussten, was das ist. Gleichzeitig haben Nuova Consonanzas Mario Bertoncini, Sonic Youths Lee Renaldo oder Jim O’Rourke und Carsten Nicolai für uns komponiert. Auf gut Deutsch: Wir haben immer schon einfach das gemacht, was musikalisch interessant erscheint, und das musikalisch Reizvolle hält sich nicht an Genregrenzen. Nach dem Konzert in Roskilde schrieb uns der Festivalleiter, dass einige im Publikum geheult hätten vor Ergriffenheit, als wir Merzbow gespielt haben. Das soll mir mal einer erklären.

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