Die gewächshausartige Messehalle in Leipzig bietet viel Luft für angeregte Diskussionen © Leipziger Buchmesse

Rechte Publicity oder gelebte Meinungsfreiheit?

Wie die Leipziger Buchmesse mit der Initiative »Verlage gegen Rechts« zu einem Symbol politischer Streitkultur wurde, von der man in Österreich nicht einmal zu träumen wagt. Sie hielt, was sie versprach: politisch brisant zu sein.

Die Buchmesse Leipzig, die heuer von 15. bis 18. März 2018 stattfand, stellt neben jener in Frankfurt die wichtigste deutsche Buchmesse dar. Die Vielzahl an Präsentationen, Lesungen, Diskussionen und Preisverleihungen kann im 400 Seiten dicken Programmheft nachvollzogen werden. Kaum zu schaffen war die Erstellung eines eigenen, individuellen Terminplans für die Messe, wo doch zu jedem Zeitpunkt über 100 Programmpunkte gleichzeitig stattfanden bzw. zur Auswahl standen. Leider ist die Website der Leipziger Buchmesse auch nicht unbedingt userInnenfreundlich und half kaum, im Vorfeld einen klaren Plan zu fassen. So entging mir der Rumänien-Schwerpunkt leider komplett und wegen der widrigen Anreise – überfüllte Züge, Leipzig im Schneechaos – verpasste ich leider auch die Lesung des niederösterreichischen Autors Mario Schlembach.

»Verlage gegen Rechts«
Als ich es am Samstag endlich in die riesige, helle Messehalle geschafft hatte, war ein Thema, das im Vorfeld der Messe schon durch die Mainstream-Medien gegeistert war, nicht zu ignorieren: Linke Verlage gegen rechte Verlage. Zur Vorgeschichte: Die Frankfurter Buchmesse im Herbst 2017 positionierte linke und rechte Verlage direkt nebeneinander, was zu Krawallen und Übergriffen führte. In Frankfurt wurde gegen die rechten Buchstände direkt auf der Messe demonstriert. Die Leitung der Leipziger Buchmesse hatte ein anderes Konzept: Schon vor der Eröffnung fand am 14. März im Gewandhaus Leipzig eine »Demo gegen Rechts« statt, aber nicht innerhalb der Buchmesse, sondern »draußen«, auf der Straße in der Innenstadt. Von Links wurde Kritik daran geübt, dass rechte Verlage nicht von der Messe ausgeschlossen wurden. Der Leiter der Buchmesse, Oliver Zille, argumentierte, dass sich im Sinn der Meinungsfreiheit auch die rechten Verlage präsentieren können sollten. Ein breites politisches Spektrum war zugelassen. Eine räumliche Trennung fand auf der Buchmesse Leipzig dennoch statt: Rund 70 linke Verlage waren mit der Initiative »Verlage gegen rechts« in Halle 5 zu finden. Dort lauschte ich u. a. der Podiumsdiskussion »Alles Antifeminismus? Antifeminismus als wichtiges Bindeglied rechter und reaktionärer Bündnisse«. Die rechten Verlage waren dagegen auf der Buchmesse Leipzig – neben etlichen anderen, wie z. B. den antiquarischen – in einer Ecke der Halle 3 in einem Block zusammengefasst: Die Junge Freiheit hatte ihren Stand abgesagt, aber Antaios, Tumult und Compact fanden sich dort.

Hunde im Harnisch auf der Buchmesse, etwa so stellen wir uns die wehrhafte Demokratie vor © Dominika Krejs

Tumulte im rechten Eck
Ich wagte es, mit meiner Freundin auch dorthin zu schauen, und erlebte an diesem Ort die aufgeladenste, angespannteste Stimmung all meiner Messetage: Wir gerieten in die Antifa-Demo anlässlich einer Compact-Lesung von Akif Pirinçci, der wegen Volksverhetzung verurteilt ist. Das Polizeiaufgebot war in überdimensional großem Ausmaß eingesetzt. Als wir die Veröffentlichungen der rechten Verlage durchblätterten, war die Atmosphäre für mich fast unerträglich. Die anwesende Autorin der Neuen Rechten, Ehefrau des Rechtsextremen Götz Kubitschek und Mutter von sieben Kindern, Ellen Kositza, stellte ihr Buch »Das war’s. Diesmal mit Kindern, Küche, Kritik« vor, von dem sie behauptete, dieses Kleinformat sei »leichte Kost« im Unterschied zu beispielsweise Roger Devlins »Sex Macht Utopie«. Unverdächtige Titel auf den ersten Blick. So lavieren die rechten Autor*innen an der Grenze der Legalität dahin; raffiniert genug, um nicht z. B. für Wiederbetätigung belangt zu werden. Anzuzeigen wagt scheinbar kaum jemand, denn das Risiko, die Kosten für einen etwaig verlorenen Prozess tragen zu müssen, ist hoch.

Wie verhielten sich die Verlage im Disput von Links gegen Rechts? Suhrkamp distanzierte sich beispielsweise vom publizierten Autor Uwe Tellkamp, der im Dresdner Kulturpalast in einem Gespräch mit Durs Grünbein ausländerfeindliche AfD- und Pegida-nahe Aussagen getätigt hatte. Ist diese Reaktion des Suhrkamp-Verlags symptomatisch für eine Verunsicherung? Fazit: Rechte Verlage wie Antaios erhielten durch diese Streitaustragungen große Publicity, die ihnen hoffentlich nicht noch mehr Aufmerksamkeit und Bedeutung einbringen. In diesem Kontext ist die Verleihung des Buchpreises zur Europäischen Verständigung an die Norwegerin Åsne Seierstad für ihr Buch »Einer von uns« eine willkommene Entscheidung. Die Kriegsreporterin schildert darin Intoleranz und Gewalt anhand der Geschichte/Studie des Massenmörders Anders Breivik.

Trotz der zeitweilig schwer erträglichen, aufgeladenen und tumultartigen Stimmung fühlte ich mich durch die  Buchmesse Leipzig belebt und sogar inspiriert. Ich habe mir vorgenommen mich in Österreich jetzt verstärkter gegen die Politik der schwarz-blauen Bundesregierung zu engagieren. Dies scheint mir das Gebot der Stunde zu sein.

Link: www.leipziger-buchmesse.de

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