»Rebellisches Barcelona«

Ein gelungener Reiseführer der anderen Art begleitet durch die katalanische Hauptstadt.

Barcelona kennt man als Stadt der Architektur und des Designs. Neben Bauten Gaudis gibt es hier aber auch Viertel wie das Raval, das die Musik dieser Stadt bekannt gemacht hat. Einige bekannte MusikerInnen haben in der Stadt ihre Basis, Manu Chao ist wohl der berühmteste unter ihnen. Doch neben Che Sudaka agiert auch der brasilianische Musiker, Produzent und DJ Wagner Pá – der übrigens heuer schon im Wiener Klub Ost zu Gast war – von der Stadt am Mittelmeer aus. Während der argentinischen Wirtschaftskrise der 1990er Jahre haben viele MusikerInnen ihre Heimat in Barcelona gefunden.

Barcelona bei der Frankfurter Buchmesse

Auf eine ganz andere Weise kann man sich der Stadt, die heuer auch inmitten des Katalanien-Schwerpunktes bei der Frankfurter Buchmesse stand, mit dem Buch »Rebellisches Barcelona« annähern: Denn in der Geschichte der Stadt sind deren Bewohner immer wieder entschlossen gegen Unterdrückungen wie Kinderarbeit, Zwangsverpflichtungen durch das Militär und unmenschliche Arbeitsbedingungen vorgegangen. Das Buch beschäftigt sich insbesondere mit den letzten 100 Jahren, in denen es auch starken Widerstand gegen den Franquismus gab.
Doch das Buch belegt auch rebellische Aktionen in jüngster Zeit: Als rund 1 Million Menschen gegen den Irakkrieg und damit gegen George W. Bush in Barcelona auf die Strasse gingen, bezeichnete Bush Barcelona als die »Hauptstadt des Widerstandes gegen den Irakkrieg«.

Strassenbahnboykott und Busentführung

Die Bewohner der Stadt leisten sowohl in globalen als auch in regionalen Zusammenhängen Widerstand: Als im Jahr 1951 die Preise der Strassenbahnfahrscheine um rund 40 Prozent erhöht wurden, kam es zu einer friedlichen und wirksamen Art des Protestes: Die Öffis wurden boykottiert und fuhren leer durch die Stadt. In Flugblättern wurde zum Fuß gehen aufgerufen. In Zeiten vor Rundmails und SMS-Aufrufen wurden die Flugblätter per Hand abgeschrieben und weitergereicht – mit folgendem Vermerk: »Wenn du ein Ehrenbürger sein willst, dann mach 8 Abschriften oder mehr.« Die Aktion hatte Erfolg, die Preiserhöhung wurde wieder rückgängig gemacht. Rebellische Aktionen gegen Preiserhöhungen bei den Öffis würde man sich manchmal auch in Österreich wünschen.
Das Herausgeberkollektiv beschreibt auch den Fall des stets benachteiligten Viertels Roquetes Mitte der 1970er Jahre: Weil hügelig war es nicht an das Verkehrsnetz angebunden. Also stürmten rund 60 Menschen einen Bus in einem anderen Viertel und zwangen den Fahrer all jene Punkte in Roquetes anzufahren, die ihrer Meinung nach eine Busverbindung bedurften. Auch in diesem Fall hatte die mehrfach wiederholte kleine Rebellion Erfolg: Wenige Tage später wurden die Buslinien 11 und 112 eingerichtet, die das Barrio an das Busnetz der Stadt anknüpften.

Migranten und Toleranz

Die musikalische Multikulturalität Barcelonas deutet aktuelle Probleme an: Migranten wie Illegale sehen sich dem üblichen Spannungsfeld aus Integration und Toleranz gegenüber. Doch wenn man sich die wechselvolle und vitale rebellische Tradition mit Hilfe des vorliegenden Buches vergegenwärtigt, kann man sicher sein, dass die Bewohner dieser Stadt auch diese Phase gut meistern werden.

Manel Aisa, Paco Madrid, Dolors Marín, Abel Rebollo, Carles Sanz, Quim Serera, Miquel Vallès (Hrsg.): »Rebellisches Barcelona« (Edition Nautilus), 288 Seiten, mehr als 100 SW-Fotos. 19,90 Euro.

>> www.edition-nautilus.de