© Strep72/Flickr, CC BY-NC-ND 2.0

Postcoronale Schambereiche

In unserer Serie »The New Normal« blicken wir diesmal in die Zukunft, die ungewisse. In einem literarischen Versuch über die dystopischen Folgen von Umwelt- und Coronakrise zeigt sich: Selbst bei optimalem Mundschutz steht die Menschheit untenrum nackert da.

Die Saison der Sandstürme hatte sich gelegt und in den Nächten kühlte die Luft soweit ab, dass sich das Nachtvolk wieder aus den vollklimatisieren Arkologien herauswagte. Terrassen und Balkons wurden freigeschaufelt, Soundsysteme aufgestellt, es gab Barbecue mit synthetisierten Beefburgern und Schaumguss-Buns. Wer einen Drink brauchte, stöpselte einfach den Trinkgürtel ein und zapfte sich eine Margarita aus dem Nescocktail-Automaten.
Als Robert auftauchte, war die Party bereits im Gang. Er mied prinzipiell die ersten zwei Stunden eines Gatherings. Das schleppende In-Gang-Kommen, der holprige Smalltalk, weil es in jeder Runde einen gab, der zu dumm war, die Atemmaske zu synchronisieren – das brachte ihn leicht aus dem Konzept. Er mochte es, in einen Raum voller Leute zu treten, die schon ganz freimütig gestikulierten, um sich langsam – und anonym – unter die schallende Menge zu mischen. Ein Gefühl für den Ort und die Blickachsen zwischen den Gästen entwickeln, sich allmählich in Gespräche und soziale Bezüge verwickeln lassen. In einer gesicherten Stimmung konnte er leichter dort ankommen, wo er sich trotz allem immer noch unwohl fühlte.
Er trat aus der Luftschleuse hinaus, erkannte auf den ersten Blick mehrere Bekanntschaften: Dr. Rivierac an ihrer Birnen-Silhouette, ihre Doktorandin Karla mit den stacheligen, kampflustigen Beckenknochen und Martin, einen ehemaligen Mitarbeiter, an zwei schwammigen, stark behaarten Oberschenkeln. Die drei grüßten ihn mit einem Winke-Icon, weil sie ihrerseits Robert an bestimmten Merkmalen erkannt hatten – doch Robert, die Begrüßung nur flüchtig erwidernd, steuerte die nächste Nescocktail-Maschine an.
Mit fahrigen Bewegungen wählte er einen Drink aus, während er die Umgebung aus den Augenwinkeln musterte. Im Gegensatz zu den meisten, die hier im Raum standen, allesamt Bio-Ingenieure, Mikroatmosphären-Techniker und Agrar-Genetiker, war er nicht in der Arkologie aufgewachsen, sondern hatte sich hocharbeiten müssen. Noch immer überforderte ihn die Menge an unbedeckten Schultern, freigelegten Nacken und entblößten Bauchnabeln, auf die man auf so einem Event stieß.

Kaum hatte er seine erste Margarita ausgeschlürft, stand auf einmal ein Spitzbusen mit blauem Venengeflecht vor ihm und funkte ihn an: drei scharfe Pieptöne. Wer war das? Robert gab sich einen Ruck, presste den Knopf links auf seiner Atemmaske, bis die elektronische Stimme im Earbud sagte: »Verbindung mit Pamela Tikila hergestellt.« Tikila? War das die Tochter seiner Abteilungsleiterin? Dunkel erinnerte er sich an dieses hochformelle Dinner in den Privatgemächern der Tikilas …
Ihm perlte eine angenehme, leicht ironische Stimme entgegen: »Ich dachte, du kommst nie aus deinem Labor heraus. Vermisst du schon deine Algen?«
Es war ihm unangenehm, wie sie ihn ansah. Sie spürte das und sah ihm erstmals in die Augen: »Beinahe frisch hier draußen. Ich denke, das ist der kühlste Winter seit Langem. Schau!« Sie deutete auf die eigenen Brustwarzen, die sich gerade in Kügelchen zusammenzogen. »Man bräuchte fast ein Kleid.«
Robert atmete flach und presste hervor: »Ich wollte mir gerade noch eine neue Margarita holen.« Sein Penis verhärtete sich, wie peinlich. Er hatte es noch immer nicht ganz im Griff.
»Er gefällt mir.«
Robert presste die Oberschenkel zusammen, als ob das helfen würde. Sie folgte ihm zum Automaten und weil ihm kein Gegenkompliment einfiel, klagte sie beiläufig: »Das mit dem Salzrand bekommen sie leider nie hin bei den Margaritas. Ich bleibe wohl bei Haribo-Vodka, aber …«
Robert sah sie mit großen Augen an. Weil er aber keinen Laut herausbekam, beschrieb sie eine vage Geste mit der freien Hand und meinte sehr klug: »Ja, tatsächlich hatte der traditionelle Margarita einen Salzrand am Glas. Also in der Epoche, als man noch ohne Masken trank. Wusstest du, dass ich Geschichte studiere?«
Er hätte nicht mal mehr ihren Namen gewusst. Die Nonchalance gebürtiger Arkologist*innen brachte Robert leicht aus der Fassung. Er suchte nach einer verbindlichen Aussage, gleichzeitig stieg ihm das Blut ins Gesicht.
»Ich finde es toll, dass du nicht pflichtschuldig meine Brüste kommentiert hast wie alle anderen.« Dann bedachte sie ihn mit einem sonderbaren Blick: »Ich interessiere mich für Gesichter.«
Robert schluckte und korrigierte sie pflichtschuldig: »Ja, ich finde, Augen können so ausdrucksvoll sein.«
»Ich finde Grübchen sexy …«
»Auf historischen Fotografien meinst du?«
»Da auch, wenn mir nichts anderes übrigbleibt. Aber lieber welche zum Anfassen.«
»Für mich sind das dunkle Kindheitserinnerungen …«
Jetzt blickte sie verdutzt.

Robert war draußen, bei den echten Menschen in der harten Realität aufgewachsen, wo man noch mit den eigenen Nasenlöchern atmete. Nur die Arkologist*innen verdeckten Mund und Nase bereits ab der Geburt, teilten nicht einmal mit der eigenen Familie ungeschützt die Atemluft. Er aber träumte noch immer davon, ungefilterte Luft zu atmen, die heiß in die Nebenhöhlen steigt. Manchmal stand er im kühlen Labor und hatte auf einmal den Geschmack von Sand auf der Zunge.
Er wurde nicht oft darauf angesprochen, deswegen sprudelte es jetzt nur so aus ihm heraus. Pamela Tikala hing an seinen Lippen, also entkam ihm schließlich ein Satz, den er sofort bereute: »Ich kann mir meine Kindheit nicht vorstellen, ohne an das Gesicht meiner Mutter zu denken.«
Der Funkkontakt brach plötzlich ab. Jetzt war er es, der ihr drei scharfe Pieptöne schickte. Während er auf die Verbindung wartete, suchte er ihre Augen, fand darin Verurteilung. In solchen Momenten kam es heraus, dass er einen anderen Erfahrungsschatz hatte … Sie nahm seine Einladung an. Nun raffte er sich zusammen und seufzte: »Haha, alles nur ein Scherz.«
Sie schaute kurz ungläubig, dann ein Blick voller Dankbarkeit, schon prustete sie los: »Wie geil! Solche Witze traut sich hier sonst niemand, Alter!«
Als Robert seinen Drink verstaut hatte, fasste sie ihn am Handgelenk und zog ihn hinter sich her zu einem abgelegenen Bereich der Party.
»Ich finde dich süß. Die Leute, von denen du kommst … wie nennen sie das, wenn sie einmal zu zweit sein wollen?«
»Liebe?«
»Nein, anders.«
»Privatsphäre.«
»Du willst sagen, du hattest sowas schon mal? In deiner Kindheit?«
»Dort ist das normal …«
»Ihr wart ständig nackt? Also auch obenrum
»Nein, also eigentlich waren wir nur obenrum nackt … aber es hat nicht viel bedeutet.«
Das schien sie zu enttäuschen.
»Heute wäre das natürlich anders«, setzte er hinzu.
Worauf zum Teufel wollte sie hinaus?
»Ich habe neulich im Seminar ›Geschichte des Spätkapitalismus‹ einen Film gesehen und da waren tatsächlich alle nackt. Und die Leute wirkten alle ganz ruhig und gelassen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das gehen soll.«
»Warum nicht?«
Jetzt errötete sie. »Na ja, vielleicht ist das ein bisschen so wie bei dir untenrum … mir wird da ganz heiß ums Gesicht … so als ob ich selbst … die Maske … abnehmen wollte …«
Robert war zwar nicht sattelfest in den Gepflogenheiten der Arkolog*innen, aber das war eindeutig zu viel, so viel wusste er. Sollte er sie melden?
Vielleicht hörte gerade jemand über die Maskenmikrofone mit und es war seine Verantwortung, ja geradezu Pflicht, sich um die allgemeine Sicherheit zu sorgen. Besonders als eingebürgerter, nicht-gebürtiger Arkologe waren alle Augen und Ohren auf ihn gerichtet. Man musste zeigen, dass man es ernst meinte mit der solidarischen Gesundheitsgemeinschaft … Er wollte es trotzdem lieber auf die charmante Weise versuchen.
»Pamela, was sagst du da? Hast du vielleicht schon zu viel getrunken?«
Für einen Sekundenbruchteil stach ihm ein vorwurfsvoll enttäuschter Blick entgegen, dann synthetisierte sie ein besorgtes Smiley (Augenbrauen und O-Mund) auf ihr Maskendisplay. Ihre Stimme war plötzlich ernst und hatte einen leicht blechernen Klang, was darauf hindeutete, dass sie einen Stimmensynth hinzugeschaltet hatte. Vermutlich, um etwas zu verbergen.
»Danke, bester Robert. Ich weiß wirklich nicht, was ich da gerade von mir gegeben habe.« Nach einer Animation des Emojis, welches sich bedrückt eine Träne aus dem Gesicht wischte und mit flehendem Blick um Vergebung bat, fügte sie hinzu: »Möchtest du mich vielleicht zu meiner Schlafkoje begleiten? Ich muss dir etwas zeigen.«
So einfach entging er ihr also nicht. Wollte sie ihn bloßstellen? Prüfen? Oder war sie wirklich so heiß auf ihn? Warum?
Er suchte nach Möglichkeiten, dieser brenzligen Situation noch zu entgehen. Sah sich in der sich lichtenden Partycrowd um, doch fand keine bekannten Gesichter mehr. Er musste antworten: »Gerne, liebe Pamela.«

Er griff ihr stützend unter den Arm und langsam näherten sie sich dem Eingangsbereich. Da standen, wie üblich bei großen Gatherings, Sitten- und Hygienewächter. Er könnte sie einfach verpfeifen, melden – und schon wäre er raus aus der Bredouille und könnte beruhigt und einsam seinen Weg nach Hause antreten. Wie sehr er sich nach diesem Alleinsein plötzlich sehnte. Doch es war die Tochter seiner Vorgesetzten …
Sie hatte ihren Kopf sanft an seine nackte Schulter gelegt und schien leise ein Lied zu summen.

Sei verborgen
Reinheitsbringer
Wir für alle
Zusammenhalt

 Mäuler, Gifte
Winde, ätzend
Atemlüfte
Teures Gut

Auf einmal lachte sie schallend auf. Die Sitten- und Hygienewächter betrachteten sie argwöhnisch und traten zwei Schritte näher. Das schien sie zu Besinnung zu bringen.
»Mir ist nur gerade ein Wiegenlied aus meiner Kindheit eingefallen.«
»Bitte verhalten Sie sich angemessen«, sagte einer der Wächter. Der andere wandte sich an Robert: »Haben Sie Probleme mit ihrer … Tochter?«
Robert räusperte sich – sah er wirklich schon so alt aus? »Das ist nicht meine Tochter, das ist Pamela Tikila. Sie hat mich um Hilfe beim Heimweg gebeten, da sie etwas zu viel getrunken hat …«
»Tikila sagen Sie? Die Tochter von Tiziana? Die ist doch eben erst vorgefahren … Tatsächlich, da fährt sie ja!«
Der silbermonochrome Elektrowagen fuhr mit leisem Summen vorbei. Auf das Winken des Wächters hielt er an und ließ die vollverspiegelten, dunklen Seitenfenster herunter.
»Frau Tikila, der Herr hier wollte ihre Tochter heimbegleiten. Aber es wäre doch viel einfacher, wenn Sie sie mitnehmen.«
»Robert! Sind Sie es? Wie nett, dass Sie sich an meine Tochter erinnern und sich so lieb kümmern!«
Sie verluden die sich nun gänzlich betrunken gebende Pamela auf den Hintersitz. Mit den Händen zog sie Robert heran und maulte laut, er solle mitkommen. Tiziana musste kichern: »Die Kleine ist so ungehalten und kennt kaum Respekt vor Regeln und Abstand. Ich sollte sie ja zurechtweisen, aber mich erfrischt das manchmal in dieser harten und so langen Zeit. Ich kann mir ja kaum vorstellen, wie es ist, ein Teenager in dieser Zeit zu sein … Wie dem auch sei, kann ich Sie mitnehmen, lieber Robert?«
Was war das für ein seltsamer Blick in ihren Augen? Was sollte das kryptische Zwinker-Smiley auf ihrer Maske sagen? Die verspiegelten Fenster des Autos waren verschlossen. Hier konnte geschehen, was wollte. Der Status der Tikilas war in der Arkologie schließlich unantastbar …
»Ich denke, ich spaziere lieber noch durch die frische Nachtluft, um wieder etwas wach zu werden.«
Sie blickte ihn verständnislos an.
»Sie klingen wie ein Roman aus dem 20. Jahrhundert, so wie sie sich ausdrücken.«
Natürlich machte »frische Luft« in der Arkologie nur mehr wenig Sinn. An manchen Redewendungen würde man ihn wohl immer als Fremden und Außenseiter erkennen können.
»Jetzt machen Sie es sich doch mal gemütlich. Nehmen sie sich ein Beispiel an Pamela …«
Pamelas Kopf war bereits wieder auf Roberts Schulter gesackt. Das Auto fuhr leise los. Er sah die Sittenwächter dunkel hinter den Scheiben. Doch die Wächter sahen ihn nicht. Sie gingen weiter und ließen ihren ordnenden Blick über die Menge schweifen. Es fühlte sich an wie beim Filmschauen.