Peter Henisch

»Blues Plus«

Rossori Music

Dass jemand im Abstand von 43 Jahren zwei Alben veröffentlicht, ist mindestens sensationell. Vielleicht ist der als Literat wesentlich bekannter gewordene Peter Henisch (»Die kleine Figur meines Vaters«, »Morrissons Versteck« etc.) weltweit der einzige, dem das gelungen ist. Anstoß für den nun erschienenen Songzyklus »Blues Plus« war nicht zuletzt ein Ranking im deutschen »Rolling Stone«-Magazin, das Henischs Debütalbum »Alles in Ordnung« von 1975 sinngemäß als unbekannten musikalischen Schatz klassifizierte. »Mürbe und melancholisch wie ein proletarischer, wienerischer Leonard Cohen« klinge Henisch laut »Rolling Stone«. Mit Franz Haselsteiner (Tasten), Peter Strutzenberger (Bass) und Hermann Posch (Gitarre) hat der Autor Mitstreiter, die ihm mit großer Spielfreude den instrumentalen Teppich ausrollen. Entstanden sind 15 Stücke, die stilistisch dem am nächsten kommen, was man früher schnarchig als Liedermacher bezeichnete. Allerdings naschen diese Songs sowohl formal als auch inhaltlich über weite Strecken intensiv am herben Blueskuchen.

Mit für seine 75 Jahre noch erstaunlich kräftiger Stimme eröffnet der Alt-68er Henisch mit dem wunderbar trotzigen »Hallo Welt«, einem Song, der wie »Kumm und lass di falln mit mir« und »Mutschila Ferdl« (aktuell eindringlich von H. Posch gesungen) bereits vor 43 Jahren auf LP gepresst wurde. Die Neuvertonungen dieser zeitlosen Songs sind jedenfalls schwer gelungen. Mit dem »Lenau-Blues« und dem »Vogelweide-Blues« verneigt sich Henisch vor zwei seiner Literaturheroes, den vor einigen Jahren verstorbenen Cantautore Gianmaria Testa würdigt er zweisprachig in einem beseelten »Polvere di Gesso/Kreidestaub«. In »Skyline« wird gar der Horizont privatisiert – ein (nicht nur) satirischer Kommentar Henischs zu den seit Jahrzehnten um sich greifenden Privatisierungsbestrebungen eigentlich öffentlicher Güter. Der Song ist allerdings thematisch eher ein Ausreißer. Vor allem werden in den Stücken die großen, universellen Themen Liebe, Tod und Vergänglichkeit verhandelt. Der Introspektion des Individuums widmet sich mit sanfter Renitenz das weise »Immer wann i ham kumm«, das in der luziden Erkenntnis »Oba de Haut, aus der ma fohrn kann, muass erst erfunden wern« gipfelt. »Blues Plus« ist für 2018 eine ungewöhnliche, sehr leiwande Platte, vielleicht geht da ja noch was?