Palmbomen II

»Memories of Cindy«

Beats in Space Records

Palmen gehören nicht zwingend zu jener Art von Gewächsen, die in den Niederlanden die Straßenzüge säumen. Die Abwesenheit der schattenspendenden Riesen wurde mancherorts gar durch billige Plastikkopien kompensiert. Ein zweifelhaftes Surrogat, dessen ästhetische Symbolik der niederländische Produzent Kai Hugo, besser bekannt unter seinem Pseudonym Palmbomen I + II, immer wieder als Inspirationsquelle genutzt hat. Mittlerweile im goldenen Westen der USA lebend, zeichnet sich für ihn dort ein völlig anderes Bild ab. Die Palmen sind erschreckend real, die eigene Vergangenheit und die Erinnerungen aber, die blieben. Auf »Memories of Cindy«, seinem zweiten, von Beats in Space Records veröffentlichten Album, deutet vieles auf diese persönliche Vergangenheit hin, während sich die Vorstellung davon in einer Utopie der Sinne verschleiert.

Kai Hugo ist sicherlich ein exzellenter Atmosphäriker. Er versteht es, Bilder in den Köpfen der Menschen zu erzeugen, ohne dabei konkrete Anhaltspunkte vorauszusetzen. Auf seinem 22 Stücke starken, über eineinhalb Stunden andauernden Album »Memories of Cindy« gelingt das großteils grandios. Natürlich rumpelt es mitunter wieder heftig. Stücke wie »Are You Friends With Amber?« sowie das katatonisch-repetitive »Seventeen« sind elegant arrangierte, mit quietschenden 303-Sequenzen vergoldete Hymnen. Seine House-Wurzeln hat der Niederländer, der in der Vergangenheit auch auf 1080p und Non Records veröffentlichte, offensichtlich nie verloren. Allein: Es wirkt alles vage verschwommen und verwaschen. Die Beats, ein oft zurückhaltendes, manchmal aber auch strikt nach vorne preschendes Gewitter aus quarzend-übersteuerten Kicks, Snares und Hi-Hats. Dazwischen elegisch leiernde Synthesizerflächen, einzeln distanzierte Arpeggien und das einsame, schemenhaft verhallende Hauchen und Schmachten einer Stimme, vielleicht jener von Cindy?

»Memories of Cindy« kann – und sollte vielleicht – als vermeintliche Verschiebung der Realität gehört werden, als die konturlose Erinnerung an eine vergessene Vergangenheit, die nie wirklich stattgefunden hat und dadurch etwas Neues schafft, das gänzlich außerweltlich und entfernt wirkt, während immer wieder einzelne Passagen dazu anregen, diese Erinnerungen für eine wirkliche Gegebenheit zu halten. Ganz so, als tanzten wir in einem utopischen Club zu unwirklicher Musik und schleierhaften Rhythmen, die zwar in unserer Vorstellung, aber nie in unserer Realität existieren. Damit stellt Hugo eine ideologische, nicht aber zwingend musikalische Nähe zum Output des Ghost-Box-Labels her. In gewisser Weise ist das Album konzeptuell mehr an die Arbeiten von LRNDCRY (»Much Less Normal«) sowie an Alex Zhang Hungtais »Waterpark« angelehnt. Indem es wirkliche Emotionen mit etwas offenbar Fiktivem hervorruft, erzeugt es eine eindrückliche Tiefe.

»Memories of Cindy« ist Musik für vergessene Erinnerungen aus einer imaginären Vergangenheit. Dabei stechen viele der 22 Stücke nicht unbedingt aus musikalischer Sicht hervor. Intermezzi wie »Cyber Tears« mit unkenntlich verhallten Stimmverwirrungen sowie »Peter Accepts Death« funktionieren vielmehr aufgrund des dahinterstehenden Konzepts. Ob Cindy jemals existierte, ob sie als fiktive Person das Konstrukt einer diffusen Vergangenheit ist oder gar die bildliche Metapher für etwas darstellt, das nur emotional evoziert werden kann, bleibt mit dieser Reminiszenz jedenfalls eine unbeantwortete Frage. Großartige Empfehlung!