Martin Kippenberger: »Mirror for Hang-Over Bud«, 1990 © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Foto: Lenbachhaus

Oberwasser, Unterwasser

Einsame Augen, leere Spiegel, Blickpunkte, Lichtpunkte: Unbekannte, späte Werke von Maria Lassnig sind Installationen von Martin Kippenberger gegenübergestellt. Im Münchner Kunstbau.

Das gezeichnete Alter Ego von Maria Lassnig zieht mit einem grünen Handschuh ihr Auge aus der Augenhöhle heraus. »Materialisation des Auges« (ohne Jahrgang) heißt das Bild. Auf dem nächsten Bild hält diese nackte Figur ihr Auge hoch über sich mit zwei Händen. Muskeln, Busen. Ihre Augenhöhlen sind geschlossen. »Das Optische Zeitalter« (1985/86), ist der Titel. Gegenüber stehen die Stämme eines Birkenwaldes mit Lampen, deren hängende Oberteile rote Lichtpunkte aussenden. Ständig wird man an Brainspotting erinnert, eine Therapiemethode, die sich auf die angeblich hinter den Augen gespeicherten Schmerzpunkte konzentriert und über die Augen behandelt. Ressourcenpunkte gibt es auch.

Die Münchner Ausstellung »Body Check«, die Kunstwerke von Martin Kippenberger solchen von Maria Lassnig gegenüberstellt, könnte genausogut »Eye Check« heißen. Im unterirdischen Kunstbau des Lenbachhauses direkt neben der Untergrundbahn, ist es schön kühl. Hoch sind die Räume. Eine breite Rampe führt hinunter auf die Ausstellungsebene. Die nächste Kippenberger-Lampe hängt um eine Betonsäule, ebenfalls mit rotem Lichtpunkt. Wie vernäht schaut das Kabel aus.

Maria Lassnig: Der Verstand hat Angst/Der Arzt sagt: Die Welt loslassen, ca. 2000–2005 © Maria Lassnig Stiftung/Foundation, Foto: Lenbachhaus

Die Welt loslassen
Eine Nackerte in einem dunkelgrünen Meer, mit Rotweinglas in der nach oben gestreckten Hand. Unter ihren Füssen ein gesunkener Dampfer, ein kleiner, hellgrüner Fisch beißt sie in den Fuß. Bewegte See. Aber Kopf über Wasser. Die Frau hat Oberwasser. »Die Lebensqualität« (2001) heißt das grüne Bild. Maria Lassnig war schon eine Nummer, dreimal durfte ich sie interviewen. Im Vorbeilaufen. Immer in Bewegung, die alte Dame, immer flott. Einmal vor dem 21er Haus wollte ich ihr ein Taxi bestellen, sie lief mir davon – zur Straßenbahn. Ich, nicht faul, hinterher. »Wolken umzäunen«, hieß dann mein Text.

Nicht wenige Werke in München erstaunen wieder, Maria Lassnig muss im hohen Alter noch erfrischend frei und ungebändigt-ungebärdig gemalt haben, denn unbekannte späte Bilder tauchen auf. Zum Beispiel ein Altersbild auf Orange namens »Der Verstand hat Angst/Der Arzt sagt, die Welt loslassen«. Die Figur klammert sich an einen dünnen Ast. Herstellungsdatum ca. 2000 bis 2005. Oder die Zeichnung »Memento Mori« aus 2006.

Nachdem es das Museum Essl in Klosterneuburg nicht mehr gibt, in dem Maria Lassnig im rosa Kimono dem Essl-Chef einen rosa Schlips verpasste (»Rosa dient der Feindabwehr«, sagte sie dazu), erbte nun der Albertina-Großchef die Sammlung ihrer Bilder. Man wird sehen, was dieser »Großprokurator« aus den frechen Werken macht. Die alte Feministin wäre sicher nicht erfreut über den Verwalter. Aber da hatte sie nichts mehr mitzuentscheiden. Ihr damaliger Liebhaber Arnulf Rainer im Film-Interview: »Ich hab’ sie Maria genannt, sie mich Butzerl, das sagt schon alles.«

Martin Kippenberger: »Jetzt geh ich in den Birkenwald, denn meine Pillen wirken bald«, 1991 © Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain, Foto: Lenbachhaus

Auge in Gefahr
In München ist es ein ganz eigener kuratorischer Ansatz, der den dreissig Jahre jüngeren Künstler der Künstlerin gegenüberstellt. Zwei ganz eigene Universen, mit jeweils ganz eigenem Stil treffen aufeinander. So ist das Bild »Sprechzwang« von Maria Lassnig, auf dem sie den Mund aufreisst und man ihre Zähne sieht, stumpfen Spiegeln von Martin Kippenberger gegenüber gehängt. Die Spiegel haben rundherum Lampen aus bernsteinfarbenem Glas. »Mirror for Hang Over Bud« (1990). Passt hervorragend zusammen.

Mysterien werden nur angedeutet und nicht ausgeführt, zum Beispiel Kippenbergers Bild »Heil Hitler, ihr Fetischisten« aus 1984. Der ausgestreckte Arm nach oben trägt einen Gipsarm. Folterwerkzeuge aus Wachs sind darauf gemalt. Warum Lassnigs frühe Bilder schon als »entartet« galten, erklärt niemand. Die waren doch viel braver?

Dann folgen weitere Lassnig-Augen-Werke: »Sehschärfe« zum Beispiel, man sieht nur ein rechtes Auge im Gesicht einer Art Bugs-Bunny-Figur oder »Auge in Gefahr« (1993), in Grün auf Gelb, das wieder nur ein einziges Auge zeigt.

Maria Lassnig: Ohne Titel (Untitled), ca. 1995–2009, © Maria Lassnig Stiftung/Foundation Foto: Lenbachhaus

Die Ausstellung »Body Check: Martin Kippenberger – Maria Lassnig« ist noch bis 15. September 2019 im Kunstbau, München, zu sehen.

Link: https://www.lenbachhaus.de/ausstellungen/body-check/