Neurosis

Knochenmühle der Klagemänner.
Unwürdige, fürchtet Euch! Flüchtet in Eure Neurosen und pflegt sie – oder werdet erschlagen von Gitarrenmonstern, direkt aus den sich öffenden Toren des Himmels werden sie über Euch kommen!

Feuer der Selbstreinigung! Düstervasallen mit blutverschmierten Feuersteinen! Die Party Purgatorium just has started. Nietzsche! Conan! Apokalypse Culture! Ehrengäste, die die Welt in tumorenzerfressenen Urbanlandschaften zeichnen, aus deren von hypermoderner Lebenshektik zerfressenem Dunkel Trieb, Naturgewalt und archaische Männerbünde brechen. Neurosis gestaltet sich jenseits ästhetischer oder ideologischer Festlegbarkeit als infernalisches Gesamtkunstwerk. Nicht rabenschwarz getränkter Metall. Nicht Messages röchelnder Crustcore. Nicht neo-hippieske Kammermusik. Auch nicht Wagner oder Death Ambient. Sondern eine einzigartige Kombination all dieser Elemente, subtrahiert um Pathos und Peinlichkeit.

Operas of human waste

»Hey Paul! How yer doing?« Der Pelz auf Steve von Tills Stimme klingt nicht notwendig ungesund oder depressiv knurrig. Auch mythenumhüllte Menschen plagt um acht Uhr morgens die Sehnsucht nach schwarzem Kaffee. Überhaupt klingt es nicht sehr spirituell, sondern very amerikanisch »handy«, wenn mal schnell drei transatlantische Phoner vorm Day-Job durchgedrückt werden. Wir sind eine harte, effiziente Band geworden. Die lebenden Abfalleimer des Rock’n’Roll könnten sich Professionalismus gar nicht leisten. Es ist tough, eine ganze Musikerfamilie zu managen und weiterzubringen. Auch wenn die Inspiration göttlich sein mag, das Proben, das Zielsetzen, Komponieren, das Touren, die Konzentration, ständig alles wegblasende Soundwälle zu erfinden und auf einen Punkt jenseits der gewohnten Wahrnehmung zu bringen, diese Knochenarbeit bleibt sehr irdisch. Die hippiemäßige Kommune ist zwar bei uns ein hübsches und langlebiges Bild. Falsch ist es sicher.

Trotzdem ist Community einer, wenn nicht der wichtigste Nenner in der Neurosis-Welt. Zusammenschluss von Gleichgesinnten, über die Subkulturen, über die Oberfläche tätowierter Kiffköpfe mit der Konsumvorliebe Brutalmusik hinaus. Ritualisierung und Intensivierung einer bewusstseinserweiterten Welt sind die nächsten. Auch wenn in den Texten und opulenten Bühnenvisuals Massentode unter »Larger than Life«-Ikonen und Runen gestorben werden – das oft missverstandene Hauptthema ist nicht Abfeiern des Weltuntergangs, sondern Überleben in einer Jetztzeit des voll industrialisierten No Go. Esoteriknahe Erlösung in einer Schlachtplattenrealität. Fünfzehn Jahre Bandgeschichte feiern sie heute. Die Gründung eines eigenen Labels, »Neurot Recordings«. Eine beachtliche dauertreue Fangemeinschaft. Ihre siebte Platte, mit etwas über eine halbe Stunde offiziell eine EP, heißt nicht umsonst und bewusst stolz »Sovereign«. Denke, das wird wieder Ärger geben mit ein paar überflotten Antifas. Das Cover zeigt das Irmian Sal, ein altes schamanisches Symbol. Die Sachsen, barbarische deutsche Urbevölkerung, verehrten das Zeichen, als Charlemagne sie 772 zerschlug und das Christentum triumphierend drüberziehen ließ. Das war das Zeichen der Barbaren, die sich gegen den Imperialismus auflehnten, das auch lang nach dem Kampf immer wieder auftauchte. Wir feiern jetzt so viele Jahre der Unabhängigkeit in denen wir unsere Identität behalten haben, durch die unterschiedlichsten Labels und Trends hindurch. Da ist es auch ein würdiges Zeichen für unser ständiges Wiederauftauchen, unsere Wiederborstigkeit. The Indie Spirit of our Tribe.

Strings of cleansing

1985 sah noch wenig vom epischen Charakter und der Epochalität ihrer späteren Inkarnation. Bandgründer Scott Kelly (Gitarre, düster bissiges Zerberus-Grollen) und Dave Edwardson (Bass, kratzig gepitchtes Proto-Metal Gottgepflüster) waren noch die düsteren Skatejungs in den Oaklander Suburbs, der etwas gewalttätigeren Untere-/Mittelschicht Vorstadt von San Francisco. Sehr straighter Crossover-Punkcore, wenn auch nicht so sauber wie die ebenso metalloid geneigten Kollegen von den Fartz, Fang oder Corrosion of Conformity, sondern wie viele Crustcoreler der S.F.-Szene von der Rohheit englischer Punks wie Crass, Rudimentary Peni und den in ihrer Verliebtheit in schwarzen Mystizismus sicher nahestehendsten Amebix. Das 87er »Pain of Mind«-Debut auf dem Seattler Alchemy-Label war entsprechend braves Genre-Gepolter, sympathisch unfreundlich wie unerheblich. Als Jason Roeder an den Drums und Gitarrist Steve Von Till als dritte vokale Druckwelle (Sprechbeschwörung und sphinxisches Gestöhne) das Quartett kongenial umbesetzte, fuhr der Bandwagen schon deutlich individuellere Züge. Die Lyrics wankten durch schon sehr pathologisches Schmerzbewußtsein. Die Songs plusterten sich zu Fünfminütern auf, in deren Crossover-Midspeed die Gitarren bereits Rasierklingen spuckende Klanglandschaften mit auskosteten. Songtitel wie »Obsequious Obsolence« machten gleichzeitig klar, dass man das Metallerbe nicht mehr diffus im Raum hängen ließ, sondern damit deutliche Akzente setzte. So schmeckte die depressive Rohheit nach Celtic Frost, der seriös gestikulierende Death-Ethos nach Venom und das Reinheitsgebot musikalischer Gewaltneigung nach Slayer. Lookout, kleines Stammlabel des Happy EmoCores, das viel später der Chartswelt denTurnhallenpunk der Green Day kredenzen durfte, war entsprechend schlechte Heimat für das 89er Album »The Word As Law«.

Mit den Neunzigern konvertierte man zu dem Bild, das man von Neurosis heute hat: die US-Untergrundfarm voller Kapuzenpullover tragender Geheimbündler, die den ganzen Tag am Rand der Drogenbelastbarkeit nur daran feilen, mittels schmiedeeisern epischer Songwalzen den Hass auf die hypermoderne Gesellschaft auszukotzen. Dazu schlossen sie Flower Power-Ähnlichkeiten mit ProgCore und Industrial kurz: Seit Kraut- und Progressive-Rock konstant verachtete Songlängen jenseits der zehn Minuten, die sie zusätzlich mit Synthesizer-Sphären, Vokalsamples und einem Klanginstrumentarium von Geige, Glockenspiel bis zum Dudelsack auffetteten. Cannabis umspülte Tribal-Zeichen als Embleme sowie Konzerte, hautnah an den Kollektivhappenings der Sechziger. Das Erleben der öden Krawattenträgerwelt als Lovecraftsche Nachtmahr. Wobei Neurosis die absichtlich Heimatlosen, Aussätzigen, bittere Nomaden in Sound, Thought and Spirit sind . Ihre Konzerte sind Rituale, die von straighten Rockstrukturen immer mehr in Breitwand-Psychedelik ausuferten. Nur lose von Riffschwere getragen, um sich in bis zu mehreren Stunden langen Tribal Drum-Ekstasen, umweht von Gitarrendistortion, hymnischen Totenschreien, aufzulösen. Ein an Intensität kaum zu überbietender Mindfuck. Nur eben nicht das stumpf affirmative »Mal gleiten lassen« mit dem die Soundexperimentierer der 60er zu den Studiobeamten der 70er wurden. Sondern diszipliniertes Zuarbeiten auf einen gemeinschaftlichen Trance-Zustand reinigenden Nihilismus‘. Eine Nietzscheanische Messe, wenn man so will. Jedoch ohne Wagner und nordische Maskenträger, die das Werk mit affirmativ schwerfälligem Kitsch zukleistern. Zen-Ruhe, Aug in Aug mit der Selbstzerstörung, der Selbstauslöschung.

Non-conformism ist heavy

»Souls at Zero«(1992) und »Enemy of the Sun«(1994), zwei ungeschliffene Meilensteine, dokumentieren ihre wüsten, größenwahnsinnigen Mini-Opern in inhaltlich härtester Konsequenz und ideenreichster Zügellosigkeit. Mit Alice Donut, Grotus, Zeni Geva und Nomeansno zählten sie zur Speerspitze von Jello Biafra’s »Alternative Tentacles«-Label, das sich, vom Hardcore distanziert, erfolgreich darum bemühte die innovativsten Untergrundbands jenseits der Genreboxen zu sammeln. In dieser Zeit eskalierten aber auch die inneren Dämonen. Während die Band musikalisch immer mehr erstarkte, Keyboarder Noah Landis und Visual Artist Pete Inc. als fixe Mitglieder neben unzähligen Gästen dazukamen, nahm die im Klang beschworene Negativität das wirkliche Leben in die Hand. Scott Kelly, der sich beim grandiosen 1993er-Konzert in der Wiener Arena während des Finales die Stirn blutig geschlagen hatte, ohne es überhaupt zu bemerken, verschwand suizidgefährdet und zerfressen von einer kaputten Beziehung für zwei Monate in die Wüste ohne Nachricht zu hinterlassen. (Seine geschiedene Frau starb 1995 dann tatsächlich an einem wahrscheinlich selbstherbeigeführten Unfall). Eine Distanz zur Vision von Neurosis musste jedoch her. Sie sollte in Professionalisierung und Zweitband ihr Gesicht bekommen. Die Möglichkeiten von Tentacles erwiesen sich als zu beschränkt wie auch deren Stammklientel als zu limitiert (Biafra, dem ja mit einer Metalband wie Neurosis Ausverkauf vorgeworfen wurde, sollte ja später deswegen von Gilmann Street Punks eine Kniescheibe zertrümmert werden). Also rannte man in die Arme der Heavy Metal-Szenerie, die durch das Nirvana-Phänomen inspiriert mittels Bands von Helmet bis zu den Stone Temple Pilots ohnehin immer offener gegenüber dem Alternative agierte. 1996 sah mit »Through Silver in Blood« ihr erfolgreichstes und bestverkauftes Album, einer präziseren, schweren Version ihrer Vorgängerplatten. Touren mit Pantera, dem Ozz-Fest und Van Halen machten ihre neuen Labels Relapse (US) und Play It Aain Sam (Europa) glücklich, sicherten ihnen keine Chartsposition, aber einen sicheren Platz im Massenpublikum. Gleichzeitig klammerte man das Industrial Ambient-Projekt Tribes of Neurot aus, das mit minimalen Tristesse-Soundscapes und Trommeleskapaden, die gesamte experimentelle Seite in sich einte (schon 1995 beginnend mit dem Soundtrack des Films »Hoch Zeit« und dem Album »Silver Blood Transmissions«). Mit dem Stress des Erfolgs brannten aber teilweise Energien und Motivation aus. Eineinhalb Jahre des Dauertourens zwang die Gruppe auch ihr Leben zu professionalisieren. Dave ging nach Frisco. Scott zog in ein Gebirgskaff um seinen Sohn sicher aufwachsen zu lassen. Die Songs wurden Produkte aus der Fabrik Neurosis.

»Times of Grace«, in Europa inzwischen auf »Music For Nations«, inkarnierte darauf in kompakten kratzigen Rocknummern, deren Exzess sich in einzelnen Synthieläufen erschöpfte. Anders als ihr vormaliger Producer Billy Anderson, der die komplexen Klangwelten in eine erfrischend diffuse Unschärfe trieb, verlegte Noisemeister Steve Albini die Spuren mit viel Platz für schmerzhafte Zwischenräume, die der geradlinigen Gangart nicht unbedingt immer gut tat (Rolling Stone-Rockkritiker mit BMW-Anlagen aber entzücken ließ). Das Bündeln und Filletieren in radiokompatiblere Drei-Minuten-Hauer überlebten nur zwei der Tracks als intakte Vision (»Last You’ll Know«, »Away«) . Mit »Sovereignity«, das die Journaille fast einhellig mit »More of the Same« und »Wie oft kann man die Apokalypse toppen« nach der üblich blöden Schneller-Höher-Stärker-Manier des Zeilenschlagens begrüßte, geht die Metamorphose weiter. Nicht nur wegen der CD-Rom-Extras hin zum multimedialen Heimgenuss. Die Kompositionen wurden wieder länger ohne Zusatzinstrumente (mit Ausnahme einer hinreißenden Trompete zur Schlusselegie) aufzufahren. Während die Shout+Noise-Phrasierungen die gewohnte Wand servieren, wuchert das weitläufige Zwischenspiel in fast-folkloristisch grübelnden Mantras und meditativ minimalistischen Riffwällen. Von Till bestätigt es als Akzente, mit denen man das bewusste Mehr aus Weniger setzen will. Und obwohl noch viel Appeal für Headbanger vorhanden bleibt, ist es ein gewichtiger Schritt Richtung einer anderen Subkultur, die mit Bands wie Slint und Tortoise eine zeitgleiche Parallelentwicklung durchmachte, Post-Rock und New Instrumentalism. Ohne dabei einen Deut Identity abzugeben. Am nähesten ähnelt es der Schule Glenn Brancas oder den in ihren Lärmrockcollagen noch immer begnadet fragilen Don Caballero. Ein introvertiertes Klagelied. Ein frisches Ufer.

Uns hat immer nur emotionelle inspirierte Musik interessiert. Etwas das intensiver, gewaltiger als das menschlich Wahrnehmbare ist. In unseren Händen ist das vor allem als zermalmender Soundwall möglich. Crushingly heavy disturbing music. Die Monster loslassen. Jetzt haben wir Raum in unserer Musik gesucht. Wollten nicht mehr alles mit Sounds zumachen, um uns selbstgefällig auf dem bisher Geschaffenen auszuruhen. Unsere besten Momente haben wir immer durch Zufall gefunden, durch »freeform experiments« von Leuten die sich unerklärbar nah fühlen. Das mag wieder viele desorientieren. Aber wir waren immer die »Oddballs out«. Für den Punkrock waren wir zu seltsam und ausgereift. Für die Hardcore’ler waren wir Tabu-Thema. Für die Metaller sind wir zeitweise zu arg.
Und trotzdem finden auch ohne rammsteinernem Sekten-Scheck immer mehr zu dieser Spiritualität. 1998 sollte das ins Jenseits geschossene Roskilde-Volk noch stundenlang die Trommelorgien auf Zeltdächern und Müllcontainern fortsetzen. In New York rhythmisierte man in einem abbrennenden Club bis zum letzten Moment weiter. Und mit dem eigenem Label züchtet man sich ein Netzwerk ähnlich gearteter Künstler (neben einem Solo-Album von Steve von Till findet man künftig die ungarischen Schamanenrocker Vagtazo Halotkemek, die Godflesh-Seitenprojekte Final und Vitriol, die Thrones von Ex-Melvins-Basser Joe Preston, Japans Noiserock-Götter Zeni Geva und die Neulinge Tarantel und Isis), um die letzten Tage dieser Menschheit noch intensiver zu durchleben und hinter sich zu lassen. Und kündigt das nächste Studio-Epos genauso an wie eine (lange für Man’s Ruin geplante) mehrteilige Symphonie aus Insektengeräuschen. Exit Plans from a Dying Machine. Pantha Rei, Fucker!

Neurosis‚ »Sovereign«-CDEP/CD Rom ist über Music for Nations erhältlich.
Von Neurot Recordings gibt es bislang: Neurosis‘ »Pain Of Mind«-Debüt-ReRelease incl. Demo-Tape-Bonus-CD. Steve von Till: »As the Crows fly«, Tribes of Neurot: »60 Degrees«, Vagtazo Halotkemek »Dancing with the Sun«.