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My House in Montmartre

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Zuerst fand ich es nur dumm. Jetzt finde ich es auch süß. Märkte wirken nach eigenen Mechanismen. Die einen funktionieren zwangsläufig, die anderen stillen Bedürfnisse, die Sie nie wirklich gehabt haben. Spüren Sie nicht auch, wie hinter Ihrem Rücken alles vermarktet wird? Ja, jetzt gibt es auch das: Nach Pigalle, dem Eiffel-Turm, Moulin Rouge und französischen Cancan begrüßen wir den French Touch! Wahrscheinlich kennen Sie das Dream-Team bereits: zuerst Daft Punk, dann Air, Cassius, Mr. Oizo, Alex Gopher und so weiter. Sie sind noch nicht so weit gegangen, Akkordeon- oder Valse-Musette-Samples zu verwenden, aber haben Sie Geduld, das kommt schon noch. Als alles begann, registrierte ich, dass es seit Jean-Michel Jarre niemand so weit die Instrumental-Charts hinauf geschafft hat (jetzt einmal abgesehen von Soundtracks wie »Bilitis«, Francis Lai, John Williams etc.). Madonna surfte geschickt auf dieser Welle und machte aus dem Genre Songs (oder: »Music«), doch Mirwais kommt aus einer anderen Szene und Generation (Ihnen steht der Sinn vielleicht eher nach Jacno, Daniel Darc, Taxi Girl, Françoise Hardy, Lio, Etienne Daho oder Marquis de Sade). Es gibt allerdings ein Problem. Für mich ist diese Szene nicht exotisch, eher schon chauvinistisch (Bonjour la France!). Ich finde sie billig, arrogant und etwas naiv (man braucht nur darauf zu achten, woher die Samples stammen). Eine selbstgefällige Mittelklasse. Sehr französisch, könnte man sagen. Oder aber: sehr leer. Nur weil sich etwas wie warme Semmeln verkauft, wird gleich ein ganzes System darübergestülpt. Jeder möchte ein Stück vom Kuchen, jeder braucht es, jeder mag es. Es stinkt mehr nach Globalisierung und Regionalstolz als nach irgend etwas anderem. Dabei ist es nicht mehr als gute Tanzmusik. Natürlich bin ich nicht ganz fair, es ist auch meine Generation, und zum Teil gibt es sogar Berührungspunkte. Aber es ist auch ein gutes Geschäft, und es rechnet sich, da mitzuspielen. Die Zusammenstellung von »My House in Montmartre« ist ebenfalls recht symptomatisch. Sie sollten wissen, dass dieser Pariser Stadtbezirk auch seine Eigentümlichkeiten hat, eine davon ist das breite Spektrum der Wohn- und Lebenshaltungskosten, das von sehr nieder bis zu sehr hoch geht. Grob gesagt findet man oben einige reiche Leute und unten die Armen und Immigranten, und das in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Unten wohnen dicht gedrängt Menschen aus Nord-Afrika, Schwarze und alte Leute. Das berühmte Viertel »La Goutte d’Or« erinnert eher an den Gaza-Streifen als an eine hipe Wohngegend. Militär und Polizei sind mit ihren Bussen ständig vor Ort, drehen Tag und Nacht ihre Runden und sind bei Personenkontrollen nicht gerade zimperlich. Das Problem besteht aber auch darin, dass, wie im Rap, diejenigen, die am meisten benachteiligt werden, immer auch am liberalsten sein wollen. Kill the system to kiss it better. Im letzten »Coluche«, einem Satiremagazin, gab es einen guter Witz: Wissen Sie, warum der Hahn das französische Nationalemblem ist? Weil er das einzige Tier ist, dass selbst dann noch kräht, wenn es mit beiden Füßen in der Scheiße steht. Ein gutes Beispiel für den Stil des French Touch findet sich auch im Pressetext:
»Wenn die USA die House-Musik erfunden haben, dann hat Großbritannien dafür gesorgt, dass in der Ecke Pillen verkauft werden und Acid House das Licht der Welt erblickte, während Italien das Ganze mit einem Piano schmirgelte und glättete. Aber erst als Frankreich die Fackel schnappte, wurde alles wieder funky.« Unterschrieben von einem zu bestimmten Monsieur Rob da Bank. Ein sehr guter Schreiber, einfühlsam und so weiter, plus: eine gute Übersetzung, oder etwa nicht? Genug. Oder wollen Sie wirklich noch mehr Zeit an einen Vogel verschwenden, der in einer Wurst singt?