Downers & Milk © Manuel Gruber

»Musik darf unangenehm sein«

Rund ein Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie ist das Debütalbum von Downers & Milk erschienen. Im Interview sprachen Michael Varga und Max Eczyk mit uns über Herausforderungen für Musiker*innen während, aber auch Wege aus der Krise.

Das Album »Songs Of Fear And Flight« ‎der Band Downers & Milk ist am 26. Februar 2021 erschienen. Das Interview mit Frontmen Michael Varga und Max Eczyk wurde am 11. März per Skype-Konferenz geführt. Leider sind die Umstände, unter denen es stattfand, immer noch aktuell, ebenso wie das darin Besprochene. Trotz der teilweise sehr ernsten Themen wurde während des Interviews aber auch viel gelacht. An welchen Stellen, darf sich der*die geneigte Leser*in selbst vorstellen. Es ging um Veröffentlichen in Pandemiezeiten, Musik und Depression, um großen Ausdruck in der Musik und wie sie uns affiziert und gerade jetzt auch schmerzlich fehlt … Eine Diskussion über Unterhaltungsmusik unter Corona und über Sicherheitskonzepte bildete den Abschluss unseres entspannten Gesprächs.

Max Eczyk (ME): Am 25. Februar wäre unser Musikverein-Gig gewesen. Es war eigentlich so geplant, dass wir bei dem Gig in den Release reinfeiern, aber das ist natürlich nicht passiert. Deswegen ist es ja so eine Art »Trocken-Release« geworden.

skug: Eine Veröffentlichung unter Corona-Bedingungen …
ME: Ja, fühlt sich irgendwie unspektakulär an, weil man live eben überhaupt nichts damit machen kann. Aber irgendwann werden wir das sicher nachholen können.
Michael Varga (MV): Als jüngere Band mit dem ersten großen Release ist das sicher ein ungünstiges Timing. Wenn man grad dabei ist, die Fanbase zu verbreitern, dann ist man schon stark darauf angewiesen, live präsent zu sein. Und wenn man die Chance halt überhaupt nicht hat, genau in diesem Zeitraum, in dem man grad entsteht und beginnt, sich zu entwickeln und um seinen Bekanntheitsgrad zu ringen, dann ist das halt ein bisschen …
ME: Ja, und da sind halt selbst die kleinen, unscheinbaren Gigs wichtig, wie eh damals, als du uns im Fluc gemischt hast. Da war jetzt auch nicht die Welt los, aber trotzdem haben wir da ein Publikum gefunden und haben da auch Platten verkaufen können. Das fehlt uns jetzt natürlich alles.

Das ist jetzt das Debütalbum. Aber es gab schon eine EP …
MV: Genau, es gab schon eine EP 2018. Die ist damals tatsächlich bei mir im Wohnzimmer entstanden und das haben wirklich Max und ich zu zweit gemacht. Das ist dann zwar stem-gemixt worden und gemastert von einem Freund von uns, der jetzt auch das Album gemixt hat. Aber tatsächlich ist die EP vollständig bei mir im Wohnzimmer entstanden. Und jetzt das Album, dafür sind wir ins Studio gegangen und haben das von Grund auf neu aufgenommen und eben auch jetzt zusammen mit der ganzen Band.

Ich würde eh gern ein bisschen was in Bezug auf die Band von euch hören oder wie denn das ganzen Projekt entstanden ist. So ganz provokant gesagt: zwei Singer-Songwriter und eine Band. Aber du sagst, ihr habt die erste EP zu zweit bei dir zuhause aufgenommen. Wie ist denn das überhaupt entstanden? Sieben Leute ist ja nicht wenig als Instrumentarium für ein eigentlich sehr balladeskes Projekt.
ME: Ich glaub’, wir haben am Anfang einfach nie drüber nachgedacht, dass wir das jemals live umsetzen werden. Als die EP dann draußen war und wir allgemein an die Öffentlichkeit gegangen sind, hat es uns dann doch ein bisschen gereizt – oder mich, vor allem am Anfang …
MV: … ich hab’ davon nichts gewusst.
ME: Ich hab’ so hinter seinem Rücken die Jungs zusammengetrommelt und gefragt, wer gern mitspielen würde, und hab denen Sachen gezeigt. Und irgendwie war’s aber klar, dass wir da ein paar mehr Leute brauchen, weil wir die Arrangements halt schon so gesetzt haben, dass das sehr breit war.

Aus welcher Stimmung oder Begebenheit hat sich denn das Arbeitsverhältnis zwischen euch entwickelt?
MV: Wir haben uns mal in einer Bar kennengelernt über gemeinsame Freunde.

Ich find ja bemerkenswert, dass sich gerade zwei Sänger zusammentun.
MV: Ja, das war auch nicht geplant! Ursprünglich war es so, dass wir uns getroffen haben und einfach – aus Spaß daran – Musik gemacht haben. Am Anfang war’s eigentlich so, dass wir Maxis Ideen aufgenommen haben. Maxi hat halt schon ein paar Ideen auf der Gitarre gehabt, eben schon aus vergangenen Jahren. Und ich hab’ die mit ihm ausarrangiert und ausproduziert, weil das ist, was mir liegt und viel Spaß macht, anderer Leute Musik quasi zu produzieren. Das haben wir dann irgendwie regelmäßig gemacht. Am Anfang haben wir’s nur probiert und es hat Spaß gemacht. Die Woche drauf nochmal, die Woche drauf nochmal, und dann irgendwann war’s fix, immer am Dienstag war das. Da hat es Bier, Fernet und Musikmachen gegeben. Daraus ist dann irgendwann Maxis vorige Band entstanden: Vicious. Parallel dazu sind dann aber auch Sachen entstanden, die für Vicious zu düster oder zu langsam waren. Weil Vicious doch eher rockiger war. Und nachdem Vicious dann tatsächlich sich aufgelöst hat, ist im Raum gestanden: Hey, eigentlich, was ist mit dem ganzen Zeug, das wir jahrelang aufgenommen haben? Und Maxi hat dann ohne mein Wissen tatsächlich eine Band zusammengetrommelt und mich dann irgendwann vor vollendete Tatsachen gestellt und gesagt: Übrigens, nächste Woche Freitag haben wir Bandprobe! Und dann hab’ ich gewusst, dass wir eine Band haben.

Du hast schon angesprochen, dass eure Musik düster ist. Als ich mir das Album angehört habe, musste ich an das ganze düstere Umfeld um Nick Cave, Mick Harvey und Konsorten denken, vielleicht aber auch Tindersticks. Was sind denn da eure maßgeblichen Einflüsse?
ME: Na ja, Nick Cave, das hört man immer. Das ist einfach so die Galionsfigur von düsterer Musik und einfach eine Legende mit unglaublichem Kultstatus. Aber ich würde Nick Cave jetzt nicht zu meinen größten Einflüssen zählen. Und ich glaub’, der Michi auch nicht.
MV: Überhaupt nicht! Einfach überhaupt nicht! Ich mag Nick Cave und alles schön und gut, aber ich bin kein Nick-Cave-Fan.
ME: Also wenn man so in Americana-Richtung geht, dann wären Einflüsse eher so etwas wie Calexico oder für mich, vom Songwriting her, würd ich sagen, Leonard Cohen ist einer meiner Helden. Mittlerweile auch Serge Gainsbourg, auch wenn ich kein Französisch kann, aber von den Stilelementen her.
MV: Ich wüsste jetzt gar nicht, wo ich groß beeinflusst bin. Ich hab’ irgendwie die letzten zehn Jahre so gut wie gar keine Musik gehört. Hab’ sehr wenig Musik gehört, ich hab das nicht so gut vertragen. Aber bei mir wären Einflüsse vielleicht sowas wie Low, Dirty Three oder Alain Johannes. Das ist vielleicht in den letzten zehn Jahren dazugekommen. Oder PJ Harvey … Ich glaub’ nicht, dass ich Musik höre, die sich so anhört, wie unsere Musik.
ME: Es ist auch seltsam, wenn man viel unterschiedliche Musik hört und dann wird man danach gefragt, dann passt man das irgendwie so in die Richtung an, was man eigentlich schon gehört hat von anderen. Aber eigentlich, wenn ich jetzt auf Spotify oder so schaue, dann ist da mein meistgehörter Track zurzeit ein Song von Barry Manilow. Das hat überhaupt nichts mit der Band zu tun.

Wenn wir von Downers & Milk sprechen, dann ist das eine große Band für ein sehr balladeskes Projekt. Dann ist also Pathos ein Stichwort, oder?
ME: Ja, auf jeden Fall.
MV: Anscheinend. Nicht beabsichtigt. Aber anscheinend doch, ja.

Also es ist alles sehr breit arrangiert …
MV: Ja, das ist meine Schuld, glaub’ ich. Ich neig’ dazu, zu übertreiben, und da könnten wir noch das dazu machen und da könnten wir noch das dazu machen …
Ich weiß gar nicht, aber …

Ist ja durchaus ein Ausdrucksmittel, muss man ja nicht kleinreden.
MV: Das hat sich so ergeben, es hat sich stimmig angefühlt.

Mich hat das ja mit ziemlicher Wärme erfüllt beim Hören. So innerhalb der Corona-Depression hab’ ich mir gedacht: Boah, es gibt echt noch Schönes.
MV: Das ist sehr nett. Ich bin tatsächlich seit der Corona-Zeit das erste Mal seit über zehn Jahren aus meiner Depression herausgekommen. Hat aber nichts mit Corona zu tun.
ME: Das ist schön zu hören, weil ich glaub’, vielen ist es dann doch zu düster. Aber mir geht es genauso: Mich macht solche Musik auch mehr glücklich als traurig.

Mich macht auch so offensichtlich fröhliche Musik immer ein bisschen grantig.
MV: Ja, das kenn ich. Aber wie gesagt, ich war in den letzten zehn Jahren einfach so feinhäutig, was meine Stimmung angegangen ist, dass ich so gut wie gar keine Musik anhören konnte, die mir gefallen hat, tatsächlich. Musik war für mich ein Trigger. Ich hab’ nach dem Aufwachen ein falsches Lied gehört und der Tag war done. Ich hab’ nichts mehr machen können, ich war wie eingefroren vor Schmerz. Das ist ein bisschen ein seltsamer Zustand als Musiker, wenn man keine Musik hören kann.

Sachen also, die dir sonst gefallen hätten?
MV: Ja, das hat sicher damit zu tun, dass Musik tatsächlich einfach einen direkten Zugang zu Emotionen hat. Viel mehr als jede andere künstlerische Veräußerung, sag ich einmal. Weil es auch die einzige Kunstform ist, die quasi nicht fassbar, nicht greifbar ist. Und die auch nur bedingt logisch umreißbar ist und automatisch einfach einen unmittelbaren Zugang zum Gefühl herstellt.

Ja, was jetzt nicht über symbolische Verweise funktionieren muss, sondern einfach ganz direkt eintreffen kann.
MV: Genau. Was sehr schön ist, aber manchmal auch sehr unangenehm sein kann. Und Musik darf auch ab und zu mal unangenehm sein.
ME: Oh ja.

In Bezug auf euer Album ist es so diese tröstende Melancholie.
MV: Das ist nett formuliert.
ME: Find ich gut.
MV: Vielleicht wollen wir uns selber trösten.
ME: Wobei, ich würd’ sagen, in den Texten ist schon immer so unterschwellige Hoffnung mit dabei. Es ist nicht nur die Wiedergabe von etwas darkem.
MV: Ganz aufgegeben scheinen wir noch nicht zu haben.
ME: Ja, sonst würden wir das nicht machen.

Warum geht’s also bei Downers & Milk?
MV: Ich glaub’, da gibt es keine klare Linie. So wie die Musik selbst, sind auch die Texte immer Momentaufnahmen, gedankliche, emotionale Lebensausschnitte. Kann mal ein Traum sein, kann mal ein Erlebnis sein, kann mal eine Fantasie sein oder einfach ein Trotztext. Es ist wirklich unterschiedlich. Also ich glaub’, jeder einzelne Text ist sowohl zwischen uns als auch unter uns ein wenig anders. Ich glaub’, da gibt es eigentlich überhaupt keinen roten Faden.
ME: Ich würd’ sagen, früher war das für mich schon so eine Art Ventil, um jetzt irgendwas Negatives umzuwandeln, oder auch um sich vielleicht einfach abzulenken, aber mittlerweile macht’s eigentlich am meisten Spaß, wenn man es aus einem Euphorie-Moment heraus macht. Einfach, dass man eine kleine Idee hat und die findet man super und an der arbeitet man dann weiter und das macht dann richtig Spaß. Dass der Künstler leiden muss, das seh’ ich eigentlich nicht mehr so.

Leonard Cohen hat sich mal in einem Interview gegen den Mythos des leidenden, melancholischen Künstlers gewandt, der dann die schöne, traurige Musik gebiert. Er meinte, das wäre alles kompletter Nonsens, denn wenn man depressiv ist, dann schafft man nichts.
MV: Ich kann das bestätigen.

Er meinte, die Zeiten, in denen er Musik gemacht hat, waren die Momente, in denen es ihm wieder gut ging.
MV: Genau, das ist der Moment, in dem man aus der Depression rauskommt. Aber natürlich, wenn’s einem schlecht ging, dann hat man dann, wenn es einem wieder besser geht, mehr zu berichten, beziehungsweise das, was man zu berichten hat, hat dann automatisch fast mehr Tiefe, weil Leid hat immer eine größere Erlebnisqualität als Freude.

Ich glaub’ ja auch, Leid ist besser erzählbar.
MV: Wenn man über Leid berichtet, dann können Menschen sich damit vermutlich schneller identifizieren. Weil der Mensch ein bisschen dazu neigt, negativ behaftet zu sein. Irgendwie bleibt einem das mehr im Gedächtnis. Wenn ich einen Menschen frag’, erinner’ dich mal an ein paar Momente im Leben, wo es dir schlecht gegangen ist, dann hast du sofort eine Barrage von Momenten, in denen es dir schlecht gegangen ist. Und wenn man denselben Menschen fragt, und jetzt erinner’ dich an positive Momente, das ist dann meiner Erfahrung nach fast ein bisschen schwieriger. Vielleicht hat das auch nur mit meinem Leben zu tun und ich rede kompletten Blödsinn.

Das ist ja dieser Aspekt der Erzählbarkeit, den ich vorhin meinte. Ich kann sagen, mir ist da das passiert und deswegen ging es mir da nicht gut usw. Aber bei diesem »Ach, ich bin einfach fröhlich!«, da muss ich ja auch nicht gleich Gründe finden. Ich glaub’, das sarkastischste Beispiel aus der Popkultur, wo eine Band das verarbeitet hat, waren R.E.M. mit »Shiny Happy People«. Es gibt überhaupt keinen Grund, fröhlich zu sein, aber wir tun’s halt jetzt mal für knappe vier Minuten Pop.
MV: Oder wie man in der heutigen Musikindustrie gern textlich sagt »Oho, oho!« Aber was die Texte angeht: Der Max ist bei uns der textaffinere. Für mich war oft – nicht immer aber oft – Text eigentlich nur eine Notwendigkeit zum Musikmachen. Und beim Max ist glaub’ ich der Text oft auch schon vor der Musik dagewesen und bei mir kommt der Text fast ausschließlich nach der Musik oder zur Musik dazu.

Seid ihr beide ausschließlich Vokalisten in dem Projekt?
MV: Nein, Maxi spielt live Gitarre und ich in der Produktion, da hab ich bisher so ziemlich alles gespielt. Eigentlich bin ich auch Gitarrist und kann halt auch ein bisschen an den Tasten klimpern und hab’ halt quasi dann mit dem Max bei mir zuhause die ganzen Arrangements gemacht, die dann von der Band im Studio umgesetzt worden sind. Natürlich adaptiert. Aber im Live-Kontext spiel’ ich nichts.
Und mit den Backings wechseln wir uns ab, je nachdem, wer grad singt.
ME: Ja, damit haben wir uns ein wenig ins eigene Fleisch geschnitten …
Beide: Überall Backings!
ME: Überall Backings, die glaub’ ich für unsere Songs auch brutal wichtig sind, aber die live umsetzen ist immer schwierig.
MV: Wir werden in Zukunft einfach noch mehr unsere Band in Anspruch nehmen und für Backings einspannen. Das müssen wir jetzt einfach machen.

Oder noch eine größere Band!
MV: Noch mehr Leute!
ME: Einfach noch ein Gospel-Chor oder so. Das wär’ fein!
MV: Im Idealfall wär’ unsere Band sicher nochmal um zwei Personen größer. Aber: Das Budget hat nur für sieben Leute gereicht. Aber mal eine Gegenfrage, weil das Album ja an und für sich sehr getragen ist: Was sagst du zu »Out of the Dark« als kleinem Ausreißer im Gesamtkonzept oder im Gesamtbild?

Sorry, das wird jetzt schwierig, weil ich das Album noch nicht so genau erforscht hab’, dass ich da einzelne Nummern benennen könnte …
MV: Okay, das ist diese eine Happy-Nummer, unter Anführungszeichen, die einzige Dur-Nummer, es ist auch keine Happy-Nummer, aber die einzige Nummer in Dur. Weil das wird die Nummer sein, die am ehesten Interesse beim Radio usw. finden wird, und das ist die eine Nummer, wo Maxi und ich lange gesagt haben: Wir wollen die nicht machen. Aber alle anderen haben gesagt, die müssen wir unbedingt machen.

Ja, da ging’s auch schon einigen Bands so …
MV: Nein, es ist nicht so, dass wie sie nicht mögen, aber sie war uns halt vom Gefühl her zu happy.

Sind ja schon oft genau diese Songs zu Hits geworden. Gibt’s da auch Single-Pläne?
MV: Ja.
ME: Wir wollen dieses Jahr noch zwei Videos drehen oder machen. Je nachdem, was möglich sein wird. Die Nummer, die der Michi jetzt angesprochen hat, die find’ ich im Album-Kontext sehr wichtig, weil eigentlich liegt uns das Konzept Album sehr am Herzen, deswegen wollten wir schauen, dass wir da ein rundes Paket haben. Irgendwie find’ ich das super, dass da auch immer irgendwas anderes auf dem Album drauf ist.
MV: Es hat dadurch einen schönen Spannungsbogen bekommen, letztendlich. Das Lied hat dann auch seinen berechtigten Platz auf dem Album gefunden, auch im Laufe des Ausarbeitens vom gesamten Album.

Der Opener des Albums, »Islands« hat es ja schon zu Video-Ehren gebracht. Ein sehr schönes Video, mit dem Stoffmännchen on fire.
ME: Ja, finden wir auch. Das hat tatsächlich der Michi zusammen mit seiner Freundin gemacht. Das war auch wieder so eine DIY-Sache, weil halt nichts anderes möglich war. Aber ich find’ es super, dass es der Song geworden ist. Weil er auf dem Album eben auch ein wenig raussticht und ganz gut zeigt, was wir als Band sind und was wir in Zukunft auch noch weiter ausbauen können.
MV: Max und ich waren uns sehr einig darüber, dass wir das Lied gerne als erstes nehmen wollen. Es ist nicht das eingängigste Lied, aber für uns hat es uns als Band am besten repräsentiert. Wenn wir uns eines aussuchen müssten, wäre es glaub ich, das, wo wir sagen, hey, das sind wir, ich glaub’, das bringt es ganz gut auf den Punkt.

Es veranschaulicht auf sehr gute Art und Weise das breite Spektrum der Band, mit all dem Bombast.
ME: Ja, da sind sogar noch mehr Personen beteiligt.
MV: Posaunen.
ME: Da wurden noch Posaunen aufgenommen und Cello. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Irgendwann müsst ihr dann in den Bandnamen »Orchestra« aufnehmen …
MV: Genau. In fünf Jahren: Downers & Milk Orchester.

Wollt ihr noch verraten, was der Bandname bedeutet? Weil ihr vor dem Interview angemerkt habt: Die Frage kam bisher am häufigsten.
MV: Konstant bei jedem Interview natürlich.

Ja, dann soll sie auch jetzt nicht fehlen.
MV: Maxi hat da schon eine Antwort-Routine …
ME: Das ist jetzt nicht befriedigend, weil wir einfach keine Antwort haben. Das war einfach so vom Michi eine Aussage von wegen Downers & Milk wär’ ein super Bandname, weil das ist ja sooo eine super Kombination. Und als ich ihn gefragt hab’, warum das eigentlich eine super Kombination ist, hat er irgendwie nur gegrinst und gemeint: ja, nicht, oder? Und irgendwie kam dann noch eine Demo dazu, wo das auch drin vorkam. Also in dem Text. Und deswegen sind wir uns da nicht zu 100 Prozent sicher, was da zuerst war.
MV: Entweder gab es eine Demo von uns beiden, ein ziemlich durchgedrehtes, das dann Downers & Milk hieß, beziehungsweise wo das im Text vorgekommen ist. Oder die Idee im Bandnamen war schon vorher da und dann hat das so seinen Weg in den Songtext gefunden. Man weiß es nicht. Der Mythos ist nicht zu klären.
ME: Aber unsere Musik ist damit ganz gut beschrieben.
MV: Und es ist tatsächlich eine hervorragende Kombination!
ME: Ja, so wie wir beide.
MV: Ja, genau.

Wer ist der Downer und wer ist die Milch?
MV: Ich bin der Downer.
ME: Und ich hab’ gar keine andere Wahl, als Milch zu sagen.
MV: Der Max ist das »und«.
ME: Ich bin das »und«, das Bindeglied.

Dann ist die Band die Milch?
MV: Die Band ist die Milch? Ja, nein … vielleicht ist die Band das »und«? Und dann musst du aber die Milch sein, dann hast du keine andere Wahl.

Momentan bleibt euch ja Corona-bedingt außer Plattenverkäufen nicht viel.
MV: Das Einzige, was wir jetzt so in Aussicht haben ist, dass wir mit Anfang des Jahres in den INES-Pool aufgenommen wurden. Das ist wie das Waves in Wien ein Showcase-Festival. Diese Festivals gibt es in ganz Europa und das Ober-Konsortium ist quasi das INES. Und da kann mal nur spielen, wenn man in diesen Pool aufgenommen wird. Und das Waves hat uns nominiert und wir sind aufgenommen worden und jetzt haben wir zwei Jahre die Möglichkeit, in ganz Europa quasi bei diesen Showcase-Festivals zu spielen. Das ist programmatisch das Einzige, was wir jetzt vor uns hätten, aber auch da stellt sich die Frage: Was, ab wann und in welcher Form wird es stattfinden? Und dann gibts natürlich darüber gute Möglichkeiten in England, Spanien, Italien, Holland, einfach in ganz Europa, aber auch im Osten, womit wir tatsächlich auch ein bisschen liebäugeln. Wir würden durchaus gern mal nicht nur in diesen Prestige-Locations spielen, sondern auch gern einmal in Polen oder war da nicht glaub’ ich in Moldawien ein Festival? Sowas wär’ mal toll. Oder in Russland zu spielen …
ME: Ja, die sind über ganz Europa verteilt. Also auch Baltikum oder so. Aber das ist eher für nächstes Jahr eine Geschichte. Dieses Jahr merkt man ja, die großen Festivals haben alle schon angefangen abzusagen. Da wird einfach nicht viel passieren.
MV: Höchstens im Herbst vielleicht oder im Winter. Wenn wir Glück haben … sonst haben wir halt noch ein Jahr verloren.

Im Herbst eher noch Wien, Österreich oder die nähere Umgebung.
ME: Österreich, Deutschland, wird schon gehen …

International wird wohl noch ein wenig dauern.
ME: Ja.

Erstmal in Schwaz, weil da sind dann mal alle durchgeimpft.
MV: Ja, genau! Erstes großes Konzert in Schwaz! Hey, das wär’ aber wirklich eine Sache. Der einzige Ort, wo man spielen könnte im Moment.
ME: Die Band Dicht & Ergreifend, das sind so bayrische Rapper, die haben ein Konzert gemacht in Passau. Die haben davor für ein Klinikum Spenden gesammelt und haben das Ganze dann quasi als Spendenübergabe ausgeschildert und durften dadurch dann ein Konzert dort spielen. Das war aber nur für die Mitarbeiter*innen und auch draußen und mit Abstand, aber es war halt möglich. Also man musste halt nur ein wenig kreativ werden.
MV: Man könnte auch sagen: Eintritt ist 15 Euro plus die Kosten für einen Test. Und am Eingang wird einfach jeder einzelne getestet, der auf dieses Konzert kommen will, und fertig. Es würde ja Möglichkeiten geben, wenn man die Mehrkosten und den Aufwand akzeptieren würde, wäre vieles möglich. Und ganz ehrlich: Wenn ich auf ein Konzert gehe, dann zahl ich die 15 Euro für einen Test oder was auch immer.

Diese Art von Konzepten sind wie z. B. im Fall vom Werk in Wien seit Oktober fertig konzipiert und vorgelegt. Aber es interessiert die Regierung einfach nicht.
MV: Nein, ganz ehrlich: Alles, was U-Musik ist und Party und für die Jugend, das hat keinen kulturellen Wert! Die wollen einfach ihre Tatü-Tata-Musik hören und alles andere ist keine Kultur. Und das ist ein Verbrechen! Es ist ein Verbrechen, dass U-Musik nach wie vor wie Kunst zweiter Klasse gehandhabt wird, wo das in Wirklichkeit 90 Prozent aller Menschen in Anspruch nehmen. Im Gegensatz zur E-Musik. Das ist einfach widerlich.
ME: Wenn du die Politiker*innen über Kultur reden hörst, dann sind Kulturbetriebe Theater, Oper, Musikverein …
MV: Und was ist mit den 90 Prozent anderer Menschen, die richtige Musik hören wollen? Oder was heißt richtige Musik? Es ist ja nicht so, dass ich keine klassische Musik mögen würde. Ich steh auf klassische Musik! Ich bin ein riesen Bach-Fan. Aber ganz ehrlich, wie das nicht mal stiefmütterlich … es wird überhaupt nicht behandelt! Das ist einfach absurd.
ME: Ich find’ es wirklich eine Frechheit, wie man solche Orte wie das Werk oder das Rhiz oder so einfach komplett im Stich lässt. Das ist nicht nur für unsere Szene brutal wichtig, sondern auch für die nachfolgenden Generationen. Was soll sonst passieren?
MV: Und für das Publikum! Es geht ja nicht nur um die Musiker*innen! Die spielen die Auftritte ja nicht für sich selbst. Ein Musiker ohne Publikum ist nichts, nicht vorhanden, wie der Klang von einer klatschenden Hand.

Im Rhiz, im Werk, Im Fluc und im Chelsea gab es Einlass mit Platzzuweisung, Getränke nicht an der Bar, sondern zum Tisch. In keinem Supermarkt gibt es jemanden am Eingang, der kontrolliert, ob ich die Maske aufhabe oder dergleichen …
MV: Es wird einfach ignoriert. Es wird so getan, als wär’ das kein Ding. Und das sind einfach Hunderttausende von Menschen, denen einfach ein wesentlicher Teil ihres Lebens vorenthalten wird, obwohl es schon – wie du sagst – ausgearbeitete und fertige Gesamtkonzepte gibt, an denen fähige Menschen gearbeitet haben. Und trotzdem wird es so behandelt, als wäre es kein Thema, als wäre es kein Problem. Als wär’ es nicht vorhanden. Und das find ich einfach sehr bedenklich.

Ist nicht »emotionale Nahrung« auch wichtig?
MV: Genau das!

Als würd’s nur darum gehen, man müsse das retten, was man im Supermarkt fressen kann.
MV: Und das erste, was dann behandelt wird, ist, ob die Pensionist*innen ihren Kaffee trinken dürfen … Das ist ja alles gut und schön. Aber warum? Die Risikogruppen schicken sie dann zuerst Kaffeetrinken und die jungen Leute, die genauso eingesperrt sind seit einem Jahr, die werden einfach ignoriert, obwohl es schon fertige Konzepte gibt, müssen die zuhause bleiben, während dann die ältere Generation Kaffeetrinken geht unterm Tag? Als ob man sich am Tag im Kaffeehaus nicht anstecken könnte. Nur in der Nacht? In der Bar?

Grad im Kaffeehaus, wo die einzige Lüftung das Fenster ist …
MV: Was soll denn das? Hustet der Kellner und das ganze Lokal ist tot!

Dabei sind die Lüftungsanlagen der Wiener Club bereits sehr hoch dimensioniert und tauschen die Luft in weniger als einer halben Stunde vollständig aus.
MV: Wir haben ja auch in dem leichten Lockdown letztes Jahr ein kleines Konzert im Rhiz gespielt, ein kleines Unplugged-Konzert. Das war das einzige Konzert, das wir im ganzen Jahr gespielt haben. Und das hat wunderbar funktioniert! Das war toll organisiert, es war bestuhlt. Es hat überhaupt keine Probleme gegeben, die Leute haben ihre Masken aufgehabt. Es war alles einwandfrei.
ME: Weil die Leute einfach danach dürsten. Die brauchen das und das merkt man einfach. Sobald irgendwas möglich ist, werden die alle hinstürmen und jede Maßnahme in Kauf nehmen. Weil das machen wir ja sowieso schon den ganzen Tag.
MV: Am Anfang haben sich die Gastronom*innen noch aufgeregt, wer soll denn das kontrollieren? Mittlerweile möchte ich gern, dass die Frage nochmal gestellt wird, weil jeder Gastronom wird sagen: Was soll ich tun? Klar, machen wir das! Hauptsache, wir können wieder aufsperren! Und es ist jeder bereit, die Gastronom*innen wie auch die Kund*innen oder das Publikum, jede Hürde zu nehmen, um endlich wieder rauszukommen! Und wenn eben schon wohldurchdachte und funktionierende Konzepte vorgelegt werden, dann sollten die auch endlich bedacht werden.

Eben. Jeder wäre bereit, die Eintrittskarte plus Test zu zahlen.
MV: Plus Test! Wo ist das Problem? Von mir aus auch Test plus Maske! Das wäre auch noch egal. Hauptsache raus aus dem Haus endlich!

Weil zuhause gehen die Depressionen nicht weg …
MV: Nein, zuhause wird das Problem eher schlimmer…
ME: Das war ein guter Abschlusssatz: Zuhause wird das Problem eher schlimmer, stay at home!

Link: http://www.downersandmilk.com/