Mauro Hertig © Christian Kettiger

Mille Structures – Zum Schaffen Mauro Hertigs

Einen radikalen Strukturalismus verfolgt der junge Schweizer Komponist Mauro Hertig. Am 2. Mai widmet ihm Jeunesse ein Porträtkonzert mit dem Ensemble Platypus im ORF Radiokulturhaus.

Nein, »Tandem Trapez«, »Vektorium« oder »Tempong« sind keine utopischen Sci-Fi-Maschinen, sondern Werktitel von Stücken des Schweizer Komponisten Mauro Hertig. Doch liegt die Assoziation gar nicht so daneben: Mauro Hertig ist Konstrukteur, Handwerker, Architekt – kurzum: Tonsetzer. Er baut Strukturen und füllt sie mit Klängen. Mit erfundenen Klängen, mit geklauten Klängen oder mit den Musizierenden selbst überlassenen Klängen. Er will »bauen am Grundwerk von Leben, so billig und einfach das tönt«. In den Stücken tönt das ganz und gar nicht billig und einfach. Improvisieren ist für ihn dabei ein unerlässliches Tool, zumeist auf der Gitarre. So entstehen Stücke mit Werktiteln, die Fantasie und Bewegung implizit anregen. Wie etwa »Ping Pol« (2015): Über ein Jahr lang dauerte hier der langwierige Prozess des Komponierens. »Ping Pol« ist eine Art lebendiger Katalog von Reibelauten. Ein Elaborieren der Potenziale mittels Metal Slide. Eine kleine Metallröhre schleift über die Saiten und generiert ein klangliches Kaleidoskop von feinem Rauschen bis zu lautem Kratzen, eingespannt in ein System von rabiaten Rhythmen, die einen festen Puls umkreisen. Nach und nach werden feinste harmonische Anteile entschleiert. Die Bewegung ist kreisend – eine Art Kontraktion, die sich auch performativ vollzieht, in Differenz und Wiederholung, um noch einmal auf Deleuze anzuspielen.

Hören ist Chef
Die Wahrnehmung der minimalen Differenzen ist zentral. Hören ist dabei oberste Prämisse. Mauro Hertig will eine Sprache finden, in der Musik ohne Partitur auskommt. Zu der Musik selbst soll vorgedrungen werden, so gründete er 2015 das Forum of Applied Abstraction. Es ist ein hörphänomenologischer Versuch, Klang explizit zu analysieren, wider den Fetisch der Partitur. »Nicht die Eigenschaften der Partituren sollen gezeigt werden, sondern nur mehr die Strukturen, die sich in der Aufnahme oder im Konzert zeigen«, so Hertig. Ein »strukturelles Hören« der etwas anderen Art mit völlig neuen, digitalen Möglichkeiten. Ein Diskurs, der sich nur um Klang bewegt, habe bislang zu wenig Platz. Er plädiert für mehr Streitkultur, zumindest diesem Punkt würde Adorno wohl auch zustimmen. Die Streitschrift lässt nicht mehr lange auf sich warten – noch dieses Jahr wird im Wolke Verlag sein Buch hierzu erscheinen.

Gut, dann hören wir mal weiter: Das Ensemblestück »Flugmagnet« (2017) etwa beginnt mit klar abgesteckten, vakuumartigen Feldern, zäsiert von harten Schnitten des Schlagzeugs. Dazwischen schwebende Momente, die sich pneumatisch entfalten. Und auch hier wieder ist das Moment der Bewegung bedeutungsschwer. Gleich einem temporären Kontrapunkt sind die Stimmen organisiert, die sich in ihren divergenten Tempi annähern, austauschen, fortschreiten. Oszillierende Wellen, die aufpeitschen und abflauen.

Tonalität von hinten
Das interagierende Spiel mit Tempi und Puls ist bezeichnend für Mauro Hertigs Œuvre. So auch in seinem neuen Stück »Triad Hihat«, das am 2. Mai im Radiokulturhaus uraufgeführt wird. Im Zentrum steht ein fast schon prähistorisches Konstrukt – die tonale Kadenz. Hertig behandelt sie auch wie ein archäologisches Fundwesen. »Mich interessiert an der Kadenz, dass sie gleichzeitig alles und nichts sein kann: Sie trägt die gesamte Tonalität in sich, aber die Tonalität an sich ist ein historisches Gefüge. Man kann heute kein neues Stück mehr mit ihr als pure Erscheinung machen.« So rollt Mauro Hertig die Tonalität von hinten auf: Er seziert sie, macht sich ihre Eigenschaften zu eigen und zeigt ihre inneren Verhältnisse im Stück explizit auf. Die Struktur, der Rhythmus und der Kontrapunkt der Kräfte werden ausgestellt. Ihre impliziten Tempi werden gestreckt und gedrückt, bis ins Extreme.

»Nie zuvor war Filzstift auf Papier so sehr Musik in meinen Ohren«, heißt es in einer Kritik über sein Stück »Stift & Papier III«. So ist der in Wien und New York lebende Mauro Hertig gleichsam Klangarchitekt wie Klangforscher, der Rhythmus zu exponieren vermag. Im undurchsichtigen Morast von Medien-, Konzept-, oder Performancekunst etwa ist seine Selbstbeschreibung als »Komponist zeitgenössischer Musik« klar, konsequent und beinahe schon verwegen. Doch geht es hierbei weniger um den akademischen Hintergrund (so hat er bei klingenden Namen wie Isabel Mundry und Beat Furrer studiert), sondern um die Kunstform: Zeitgenössische Musik ist Konzertmusik, das heißt: Musik, die nur im Jetzt stattfindet. Im Konzert versammeln sich Menschen mit ihren Geschichten, kommen zusammen und treffen sich im Jetzt. Man wird im Konzert zur Zeitgenossin. Der Komponist ist Architekt des Konzerts und unsichtbare Hand dahinter.

Konzert: Porträt Mauro Hertig, Ensemble Platypus, 2. Mai 2018, 20:00 Uhr; ORF Radiokulturhaus, Großer Sendesaal, Wien; Eintritt: € 10.00/14.00

Link: https://maurohertig.com

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