M.I.A.

Riot Girl, Kulturheldin der »Beautiful People«
live im Gasometer, 30. 11. 2010

Die englisch-tamilische Sängerin M.I.A., geborene Maya Arulpragasam, hat ihr Mitte Juli erschienes Album mit »Maya« mehr oder minder nach sich selbst betitelt. Es ist ihr drittes Album nach »Arular« (benannt nach ihrem Vater) und »Kala« (ihrer Mutter gewidmet). M.I.A. bleibt ihren politischen Äu&szligerungen wie gewohnt treu und thematisiert ausführlich das Webzeitalter, inklusive iPhones, Twitter und Facebook.

Aufsehen erregte sie in den letzten Monaten jedoch nicht nur musikalisch sondern auch mit schockierenden Gewaltvideos, Verschwörungstheorien und einer Auseinandersetzung mit der Journalistin Lynn Hirschberg von der »New York Times«.

»America is killin‘ it’s youth« 
Mit dem geplant skandalösen und tabulosen Splatter-Clip zu ihrem elektro-punkigen, gesangshallenden und auf einem Sample von Suicides »Ghost Rider« basierendem Track »Born Free« schlug sie weite Wellen der Empörung in der Webwelt. Der unter der Leitung von Regisseur Romain Gavras (bekannt u. a. für sein »Skandalvideo« zu »Stress« von Justice) entstandene neunminütige Kurzfilm veranschaulicht detailliert Hinrichtungen per Kopfschuss und durch Explosionen bedingte, zersprengende Körper. Auch hier hält die Kamera immer genau dann drauf wenn es unangenehm wird – intensiviert durch Zeitlupenaufnahmen der Schauerbilder. Angesprochen werden also Diskriminierung, Rassismus, Völkermord, ethnische Säuberungen (die zu eliminierenden Subjekte sind alle rothaarig) und polizeiliche Willkür. Nicht umsonst liefert Suicides »Ghost Rider« weit mehr als nur ein klasse Sample. Dessen Slogan »America is killin‘ it’s youth« liefert den Subtext von »Born Free«.

Neben diesem prächtigst inszenierten Skandal und demzufolge einem der wohl wichtigsten Popvideos des Jahres 2010 wirbelte M.I.A. weiterhin Wind auf als sie nach einer eher wenig schmeichelnden Cover-Story im »New York Times«-Magazine die private Telefonnummer der Journalistin öffentlich twitterte, einen Song darüber aufnahm (»I’m A Singer«) und die originalen Interview-Aufnahmen auf ihrer Website veröffentlichte. Was war geschehen? Die Journalistin hatte die Glaubwürdigkeit des politischen Gehalts in der Musik von M.I.A. in Frage gestellt und sah eher radical-chic am Werken. Laut M.I.A. wurden zudem Zitate aus dem Kontext gerissen und allzu viel Privates (etwa ihre Vorliebe für Pommes mit Trüffelgeschmack) in die Üffentlichkeit gezerrt. Nun ist M.I.A. jedoch kein Untergrund-Phänomen mehr, sondern, nach Grammy- und Oscar-Nominierungen, ein weltberühmter Star, für den sich eben auch die Gossip-Üffentlichkeit interessiert. Diesen Durchbruch hat sie schon länger hinter sich, ihr zweites Album »Kala« verkaufte sich um die drei Millionen mal; heute lebt sie ein durchaus schickes Leben mit Ehemann Ben Bronfman (Sohn des Warner-Music-CEOs Edgar Bronfman Jr.) und dem gemeinsamen Sohn. Die gro&szlige Herausforderung besteht eher darin, trotz ihres erlangten Starstatus kompromisslos zu bleiben und die Musik möglichst unmittelbar mit ihren politischen Anliegen zu verbinden, damit diese weiterhin ernst genommen werden.
Auf »Maya« ist ihr das – provokativ und kontrovers wie eh und je – wieder einmal gelungen. Es ist nichts Neues, ihre Aussagen hallen schlichtweg nach.

Sound & Social Networking
Die zum Träumen verleitende und futuristische Ballade »Space« schlie&szligt »Maya« ab. Nach einem kurzen Sirenenauftakt durchdringt ein angenehmer spielkonsolenähnlicher Beat den Track und man darf einer leisen, sü&szlig-hauchenden Stimme zuhören: »My lines are down, you can’t call me.« Das ganze Album ist mit Reflexionen über unsere digitale Infotainment-Gesellschaft durchzogen. Auch auf dem mit Synthesizer versetztem, R&B-poppigem Track »XXXO« wird Social Networking im Internet thematisiert. Dass der Webwelt ein gro&szliger inhaltlicher Platz auf »Maya« eingeräumt wird, macht schon das Cover klar, auf dem M.I.A.’s Gesicht bis auf die Augenpartie hinter YouTube-Bedienungsleisten versteckt ist. Auch der Album-Titel »Maya« ist auf einer Apple-Schaltfläche erkennbar. 
»Maya« ist ein noch experimentierfreudigeres und dennoch zugänglicheres Werk als die vorherigen. Die Songs verweigern sich einer Formel und sind sehr unterschiedlich zueinander geordnet. Abwechslung rules.

Die Aufnahmen fanden überwiegend an ihrem derzeitigen Wohnort Los Angeles unter Mitwirkung treuer Wegbegleiter wie Switch, Diplo und Blaqstarr statt. Zwar hätte sie nach Kooperationen mit Timbaland und Jay-Z auch mit Leuten aus dieser Liga arbeiten können, aber scheinbar braucht M.I.A. einen familiären, vertrauten Kreis, um ihre Musik machen zu können. Auch entkräftet sie dadurch den radical- chic-Vorwurf (zumindest wird sie weniger angreifbar). Die wenigen neuen Kollaborationen ging sie dann auch mit Sleigh Bells‘ Darek Miller und dem aus Leeds stammenden Rusko ein, der kürzlich von Diplos Label Mad Decent unter Vertrag genommen wurde.

Auch ihr eigenes Label N.E.E.T. möchte sie expandieren. Von einer gewöhnlichen Plattenfirma soll es ihrer Meinung nach zu einem kreativen Kollektiv umgewandelt werden, welches auch Platz für visuelle Kunst und Fotografie machen soll. Rye Ryes Debüt-Album »Go! Pop! Bang!« soll dieses Jahr hinzukommen und auf N.E.E.T. veröffentlicht werden.

M.I.A.: »Maya« (N.E.E.T./XL Recordings/Edel/Indigo)
M.I.A. live: Gasometer Wien, 30. 11. 2010, 20 Uhr