Louie Austen

Meine Damen und Herren, heute auf der Showbühne: Easy Listening aus der Ausnüchterungszelle! Frank Sinatra im Säurebad! Zarter Las Vegas-Schmelz und Sci Fi-Sounds aus Wiens Elektro-Fachhandel.

»Consequences«, das Cheap-Debüt des Wiener Crooners Louie Austen, erregt international Aufsehen wie kaum ein anderes heimisches Produkt zur Zeit. Trotz dem oder gerade weil das Album so gar nicht in die noch immer gefällig dahinplätschernde Wiener Weichspüler-Welle passt. Motorisch gestörte Beats torkeln da herum, entfernt an deutsche Groove-Dekonstruktivisten à la Funkstörung erinnernd, tiefschwarz verkohlte Lounge Music-Samples zischeln aus dem Industrial-Jazz Keller, es dröhnt, brizzelt und pocht dunkel und unheilvoll. Darüber, dazwischen und manchmal nur aus dem Hintergrund ertönt eine Stimme, die Bilder von plüschigen Gürtelbars, abblätterndem Vegas-Glamour und melancholischem Frankie Boy-Charme evoziert.

Es ist dieses Aufeinanderprallen der Gegensätze, das »Consequences« so spannend macht: Ohne die konsequent kaputten Sounds, kreiert vom Cheap Posse-Mitglied Mario Neugebauer, wäre Mr. Louie Austen nur ein außerordentlicher Sinatra-Imitator unter vielen, und umgekehrt würde die Musik, minus der Vokalspur, wahrscheinlich im Ghetto des Feinelektronik-Spezialistentums bleiben. So aber entstand aus der Reibung der verschiedenen Welten etwas bis dato noch nicht Gehörtes. Die einzige existierende Schublade, in die man das Album zwängen könnte, trägt derzeit den Arbeitstitel »Techno kriegt den Blues«, und darin findet man auch Ausnahmekräfte wie Jay Jay Johannsen oder Super_Collider. Für Novelty-Junkies aller Art, die gerade ihre Drum ’n‘ Bass-Sammlung verscherbelt haben, natürlich ein gefundenes Fressen, Hypefaktor zehn. Schließlich bieten Neugebauer (jung, tätowiert, Kampfhund-Besitzer) und Austen (gereift, vom Leben gezeichnet, Sleazy Listening-Charisma) auch eine Oberfläche, die im Land der studentischen Anti-Popstars ihresgleichen sucht. Unter all dem Zuhälter-Chic liegt aber eine Substanz, die Englands Kritikerinstitution Ian Penman zurecht vom mißratenen weißen Onkel von Tricky und Barry Adamson schwärmen lässt. Womit sich Austen, der ab Herbst wieder im Wiener Marriot in »klassischer« Entertainerpose auf der Showbühne steht, in allerbester Gesellschaft befindet.

Wie kam es zu eurer ungewöhnlichen Zusammenarbeit?
Mario: Es hat angefangen in einem Tonstudio in Gablitz vor 4 Jahren, wo ich als Techniker gearbeitet habe. Der Louie hat dort Sprachaufnahmen gemacht fürs Radio. Wir waren uns sofort sympathisch, und er erzählte mir von seinem Gesang, aber darüber hinaus ist wenig passiert. Ich habe schließlich dort gekündigt, und wir haben uns aus den Augen verloren. Wir trafen uns dann ganz zufällig in einem Wiener Boxclub wieder, beim Trainieren. Wir sind dann erneut ins Gespräch gekommen, und ich habe ihn in mein Studio eingeladen. Aber es ist nichts dabei herausgekommen. Erst viel später habe ich dann einen Track gemacht, der speziell auf ihn zugeschnitten war. Als Louie ihn zum ersten Mal hörte, passierte ein magischer Moment – er hat dazugesungen, und ich bekam eine richtige Gänsehaut. Wahnsinn, genau das war es. Dieses Ereignis hat mich so angespornt, dass danach alles wie von selbst passierte. Louie kann richtiggehend meine Gedanken lesen, wir sind emotional verbunden. Er singt über eine gewisse emotionale Befindlichkeit, die ich mit meiner Musik exakt zu treffen versuche. Alles passt immer auf Anhieb, ich muss nur ab und zu einige Phrasen hin und her schieben, das ist es.

Und wie ist dein Zugang zu diesem Album, Louie?
Louie: Mario löst mit seiner Musik irrsinnig viel bei mir aus, er berührt mich. Ich höre 4 Sekunden von einer Komposition und bin schon in eine Geschichte verstrickt. Ich habe sehr viel Freiraum, sowohl vom Text als auch von der Melodie her. Es gibt keine Vorgaben, kein Arrangement, das dich behindert.
Mario: Oft nimmt er nicht einmal Text ins Studio mit, der entsteht einfach spontan innerhalb von 10 Minuten. Dann singt er ein Lied ein, und ich kann gleich den ersten Take davon fast zur Gänze verwenden. 80% unserer Musik entsteht einfach so aus der ersten Stimmung heraus.

Meine erste, naheliegende Assoziation dazu war filmischer Art. Bilder von knisterndem Neo-Noir und David Lynch-artigen Szenarien tauchen auf, aber schon mit einem Wiener Touch behaftet…
Mario: Das passt perfekt, denn wir wollen ja auch ein Video drehen, das in diese Richtung gehen soll. Aber ich möchte noch nicht zuviel verraten.

Dein Background, Mario, liegt in der ganz frühen Cheap- und G-Stone-Szene, oder?
Mario: Ja, ich kam als 17jähriger als Backgroundtänzer zu den Moreaus, der früheren Band von Rodney Hunter, Peter Kruder und DJ DSL. In deren Studio lernte ich damals den Patrick Pulsinger kennen und bin mit ihm dann ewig abgehangen. Im Laufe der Jahre ist dann auch bei mir die Liebe zur Elektronik gekommen. Von Kruder, der sein Studio unmittelbar in der Nachbarwohnung hatte, lernte ich viel über die Technik.

Und dein Background, Louie? Ich nehme an, da könntest du sehr viel erzählen.
Louie: Kurz zusammengefasst – ich bin ausgebildeter Sänger und Schauspieler und wanderte nach meinem Studium zuerst nach Australien, dann nach Amerika aus. Anfang der 80er tingelte ich mit schwarzen Bands durch New York. Seit 1984 führe ich durch die Heirat mit einer Amerikanerin ein Doppelleben, wo ich die Hälfte in Wien und die andere Hälfte in New York verbringe. Ich lebe unter anderem davon, dass ich Dean Martin und Frank Sinatra originalgetreu, inklusive Kostüm, nachstelle. Ich habe auch so Las Vegas-artige Shows für Europa konzipiert. Elvis Presley imitiere ich auch, aber sehr schlecht, der liegt mir nicht so. Mich reizt aber immer das Neue, ich möchte nicht in Bad Schallerbach als alternder Entertainer enden, der für 4 alte Damen den Sinatra macht.

Was für Bilder schweben dir im Kopf vor, wenn du deine Texte schreibst?
Louie: Ich denke da an einige Beziehungskisten, die ich durchgemacht habe. Ich sehe einen Menschen vor mir, der im Begriff ist, zu zerfallen, sich aufzulösen. Es geht um Extreme. Ein Typ, der durch eine Frau zum ewigen Scheitern verurteilt ist. Diese Phase, wo man an jemand anderem zerbricht, hat eine ewige Faszination für mich. Liebe ist nicht bloß ein Wort, es geht um Taten. Liebe ist ein Fulltime-Job. Ich bin da halt ein Extremist wie in allen anderen Bereichen meines Lebens. Ich investiere mich da 100%ig, oft bleibt also Frust zurück, Blut, Tränen, das alles. In dieser Hinsicht hat mir Mario Stimmungen und Töne abgerungen, die ich vorher noch nie preisgegeben habe.

Ihr seid beide ganz weit weg vom gängigen Wiener Soundklischee.
Mario: Ja, diese shmoove, dahingleitende, britisch angehauchte Wiener Welle ist überhaupt nicht unser Ding. Dieser Sound erzeugt bei mir keinerlei Gefühle, weder Aggressivität noch Leidenschaft. Deswegen stehen auch so viele Leute drauf, weil es einfache Musik ist, ohne Risiko.

Ihr steht ja nicht alleine da im Moment. Es gibt jetzt wieder mehr radikale Elektronik mit Stimme, ich denke nur an Super_Collider oder Funkstörung. Sind Emotionen wieder im Kommen?
Mario: Die Ära des Techno und der geraden Bassdrums ist erst einmal vorbei. Die Jahrtausendwende steht bevor, und da sollte man neue Wege gehen.

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