»Vivarium« © Mongrel Media

Lockdown forever

Mit »Vivarium« gelingt Regisseur Lorcan Finnegan und Drehbuchautor Garret Shanley durch Zufall der Film des durch Corona dominierten Frühjahres 2020. Ein junges Paar kann aufgrund unsichtbarer Kräfte ein Reihenhaus nicht mehr verlassen. Aber damit nimmt der Schrecken erst seinen Anfang.

Gemma (Imogen Poots) und Tom (Jesse Eisenberg) sind ein herzhaft durchschnittliches Paar. Sie ist Grundschullehrerin und er im Begriff, eine Art Gartenbaufirma aufzubauen. Natürlich tun sich die beiden schwer damit, ein geeignetes Haus zu finden, bei der aktuellen Marktlage in Großbritannien. Durch Zufall gelangen sie in den Showroom eines Anbieters von Einfamilienhäusern und erliegen dessen merkwürdigen Überredungskünsten. Der Herr ist gelinde gesagt merkwürdig und Tom muss mehrmals unwillkürlich lachen, aufgrund der grotesken und unwirklichen Art des Verkäufers: Aus Not, endlich ein gemeinsames Heim zu finden, willigt das Paar aber ein und folgt dem Verkäufer in die Reihenhaussiedlung des endlosen Schreckens.

Willkommen im Horrorhaus
Bald stellt das Paar fest, dass es nach dem plötzlichen und unerklärlichen Verschwinden des seltsamen Verkäufers das Haus nicht mehr verlassen kann, und zwar aufgrund einer sehr gruseligen, besonderen Beschaffenheit dieses Ortes. Die Kraft, die sie in dem Haus hält, bekommt den ganzen Film über kein Gesicht und keine Form. Jede Konkretisierung wäre auch banal, wie etwa ein zähnefletschendes Monster, das sie ins Haus zurücktreibt. Nein, die Lage der beiden ist noch verzweifelter. Sie können das Haus zwar verlassen, sie können auch mit ihrem PKW, so lange dieser noch Benzin im Tank hat, wegfahren, aber sie fahren die immer gleichen, endlos langen Straßen, an den immer gleichen, nagelneuen und noch unbezogenen Häusern entlang. Am Straßenrand steht nicht genau ihr Haus, aber sie bleiben in der Reihenhaussiedlung unzähliger, täuschend ähnlich aussehender Gebäude. Egal, wie lange sie fahren oder gehen, am Ende eines langen, erschöpfenden Tages sind sie wieder bei ihrem Haus mit der Nummer 9.

Jetzt könnte man Malvina Reynolds mit »Little Boxes« im Ohr haben: »Little boxes on the hillside / Little boxes made of ticky tacky / Little boxes on the hillside / Little boxes all the same«. Und meinen: Aha, eine Metapher auf den Wahnsinn der Vorortsiedlungen, wie wir sie hinlänglich kennen, beispielweise aus Tim Burtons »Edward Scissorhands«. Man fährt halt lebenslang im Kreis und landet doch immer wieder am gleichen Punkt. Schließlich sind englische Vorortsiedlungen eben so gebaut, dass sie den dort Lebenden und nur mäßig Betuchten die Uniformiertheit ihres Lebensraumes gleich einmal auf die Nase binden. Kapitalismus macht uns alle zu Laborraten – okay, we get it. Nur dabei bleibt es bei »Vivarium« nicht. »Vivarium« gehört zum inoffiziellen Horror-Subgenre des »Hit-as-hard-as-you-can«. Jeder Horrorfilmfan hat hier seine eigene, geheime Bestenliste an Filmen, die die Möglichkeiten größter Brutalität, schlimmster Widerwärtigkeit austesten und den Zuseher*innen eine gewisse Achtung gebieten, im Sinne von »Hoppala, so etwas Widerliches habe ich noch nie gesehen – und das will was heißen«. Gleichwohl behält man diese Liste besser für sich, weil ein paar Werke dabei sind, die man am liebsten ungesehen machen würde, was aber bekanntlich nicht geht. Größtmöglich ist auch nicht unbedingt eine künstlerisch kluge Kategorie.

Das abgrundtief Böse der Natur
In dem Film finden die beiden Protagonist*innen plötzlich einen Pappkarton vor der Haustür, in dem ein Baby liegt. Wenn sie dieses aufzögen, würden sie befreit werden, verspricht ein Schriftzug auf der Box. Nun kann der weitere, grausame Verlauf nicht ohne enormes Spoilern erzählt werden. Dies soll unterbleiben, denn der Film ist eine Empfehlung für die Freund*innen des Horrors. Es darf nur angedeutet werden, dass in einer absolut verzweifelten Lage nichts mehr übrigbleibt, als das eigene Grab zu schaufeln. Selbst die kleinste Gnade wird verwehrt. Der Film verwebt dabei (philosophische?) Grundmotive zweier bekannter Erzählungen des 19. Jahrhunderts. Zunächst Heinrich von Kleists »Der Findling«, in dem sich der junge Kleist literarisch etwas unschlüssig die Frage stellt: Was ist, wenn die größte Güte, Zuneigung und liebevolle Erziehung an der »natürlichen« Bosheit eines Menschen scheitern? Kann ein Kind so abgrundtief schlecht sein, dass sich immer wieder das Böse in ihm durchsetzt, und ist damit zugleich das Programm der Aufklärung für die Fische? Letztere Sorge teilt heute wohl niemand mehr, denn die Euphorie der Aufklärung wurde durch Abgeklärtheit ersetzt. Der Film »Vivarium« thematisiert das Problem der als gnadenlos empfundenen Natur explizit, indem sich zu Beginn ein Kind über die Grausamkeit eines Kuckucks empört, der die anderen Küken aus dem Netz schubst.

Das zweite Grundmotiv von »Vivarium« könnte der entsetzlichen Erzählung »The Cask of Amontillado« entnommen sein. Edgar Allan Poe gibt sich hierbei einer maßlosen Rachefantasie hin, darüber, wie ein vollendetes Verbrechen durchzuführen sei. Poe erzählt die Story aus Täterperspektive und erhöht dadurch ihren Schrecken. Die vollendete Grausamkeit besteht darin, dass das Opfer um sein Schicksal weiß und den Gedanken an die eigene, vollständige Ohnmacht und die unumgängliche Unausweichlichkeit seines Todes noch tagelang vor dessen Eintritt durchleiden muss. Wer also das Erlebnis der abgrundtiefen Bosheit eines Kindes, an dem alle mütterliche Liebe sinnlos verdampft, mit der aufkeimenden Gewissheit der Unausweichlichkeit des Todes der sympathischen Protagonist*innen mit den – mehr oder minder – geschickt eingesetzten Mitteln der heutigen Thrillerproduktion durchleiden möchte, dem sei der Film herzlich anempfohlen. Wer den Streifen lieber auslässt, auch kein Problem, schließlich reicht heute ein Blick auf die Familie Trump, um zu erahnen, zu welcher erbarmungslosen Gemeinheit Menschen fähig sind. Wer braucht da eigentlich noch Schocker-Kino?

»Vivarium« Filmplakat © Mongrel Media

Link: http://vivariumfilm.co.uk/