Labradford

Neo-instrumentelle Klangflächen, ob vollvirtuell oder analog gehandwerkt, haben jobbedingt eins gemeinsam: Maulfaule Protagonisten. Mark Nelson, Kopf der Musikprojekte Labradford und Pan American, war zwar in zwei Fleischmeter gegossene Melancholie, schweigsam aber war er nicht.

»Our Music is more about hearing than listening… unlistening if you will«.

»Ich denke, die Friedfertigkeit, die Fähigkeit zum Frieden, sich darin fallen zu lassen, promotet erst eine musikalische Richtung. Das Bewegen in einer komplett anderen Athmosphäre.«

Mr. Nelson nippt ruhig an seinem Bier, überschaut mit traurigen Augen den sonnendurchströmten Platz der Wiener U-Bahn-Station Ottakring. Exakt eine Stunde später wird er etwa 300 Meter darüber als Pan American eine Hommage an den Electronica-Sound der Warp-Label-Anfangstage aus dem Computer quetschen, am Dach eines im Bau befindlichen Mittelskyscrapers und zukünfigen Schwesternwohnheims, im Rahmen des zweiten phonoTAKTIK-Musikfestivals.

Die westliche Kultur ist eine der weißhäutigen Langeweiler. Das massive Auftauchen introvertierter Soundscapes unterschiedlichster Spielart ist in den Neunzigern damit nur Zeichen wiedergefundener Authentizität.
Authentisch blasiert zeigte sich auch das zahlreiche mit Computernerd und bohemistischem Urban-Hippie zu eng getypecastete Szene-Volk, das redlich bemüht war, die verstörte Kommunikation eines Antonioni-Films nachzustellen.

Kein Zweifel: Instrumentals und Ambient boomen wie noch nie zuvor in der Musikgeschichte, nicht in Verkaufszahlen, aber in massiger Vorhandenheit und gesellschaftlichem Stellenwert (Neo-Hochkultur) wie Impact (Betonunterbau des Cocooning). Nelson interessiert da weniger verknöchert dogmatischer Minimalismus als Zen-haftes Versenken in fleischlicher Kargheit. Das Entdecken des Computers nicht als ein weiteres kalt Baudrillard’sches Simulakrum, sondern als »heißes Instrument«, als kulturell wärmende Feuerstelle, wie ihn beispielsweise auch Mouse On Mars zu nutzen wussten. Rock war in seiner Oberflächlichkeit lange gut (Mark ist nicht umsonst Kid der Wave- und Goth-Generation), ist auch nicht ausgebrannt, hat aber die Flamme einer anderen Form weitergereicht. Seine Logik brennt in der heutigen Elektronik, wenn sich im Charts-Bad Madonna und Björk darin räkeln oder schein-unhörbare Outsider wie Add N To X, Aphex Twin oder Alec Empire das Star/Ikonen-System des Rocks missbrauchen.

Ein langer, ruhiger Fluss…..

Nelsons Weg ist aber auch da ein anderer, der Genuss des großen, anonym Schweigsamen.
»Kammer-Musik? Ja, Vielleicht. Ich versuche im Kompositionsprozess so viele Schichten wie möglich aufeinander zu türmen, du weißt schon, Piano, Streicher, die dann in einer natürlichen Auslese der Töne aufs Kleinste minimiert werden. Opulenz im Kleinen, Kompakten.«
Ein barock gestaltetes Mosaik musikalischer Skelette, entstrukturierte auf ihren Zenit und Kernpunkt runtergeschmolzene Stilzitate über denen leichtfüßig der Wind klassizistischer Songmelodie wabert. Synthesizer, Bass und Gitarre als kaum gesprächige aber aussagekräftige Fixsterne in einem geballten Universum der nach oben offenen Sounds.
Oder bildlicher: Der frisch verstorbene Lagerfeuer-Cowboy weht als geisthafter Slidelauf durch eine virtuelle Wüste der pluckernden, zirpenden, bleependen Mego-und Mille Plateaux-Insekten. Das ist Labradford. The real Soundtrack for our Lives.

Wo die vom Prinzip ähnlichen Tortoise alte (die Vielschichtigkeit des Krautrock, die sedative Weltversenkung des Ur-Ambient eines Brian Eno) und neue (PC als selbstzitierendes Instrument, Repetition als Grundgeste nicht Experiment) Wortlos-Musik zu oft zur selbstgefälligen Kiffermucke verrührten, waren Labradford Jahre an Ideen und Schöngeist voraus. Tortoise spielt einen traurigen Hampelmann auf Leichenteilen der Musikgeschichte, Labradford aber zeigt sich als deren brillant geniale Neugeburt.

»Die Initialzündung war ein Konzert auf einem Kurzwochenende in New York. Die Band war damals ganz neu und hieß Codeine. Sie spielten zwar Rock, aber so ganz anders, langatmig, behutsam, minimal, voller Flächigkeit und einfach wunderschön. Vorher kannte ich unter Rock meistens nur den Müll den mir Washington D.C., die nächstgelegene Großstadt, reinschwappte. Der Bullshit in den Stadien und das unsagbar öde Rum-hängen der Hardcore-Szeneposer im D.C.Space.«

Die Band also, die ca. 1989 aufbrach, um der schwitzig sauf-depressiven Grunge-Generation eine Gegenskizze des urban kühlen SloMo-Gitarren-Pops zu bieten. Diese, Sechziger-Filmscores von Morricone und Sarde und vor allem portugiesische Volksmusik, Fado im speziellen, nennt Nelson als einzig ausschlaggebende (und gut hörbare) Einflüsse. Musik über die edle Traurigkeit, das Aufschlagen der Wellen, den romantisch langen Atem. Namen, mit denen ihn die durchschnittliche Journaille zusammenboxt, kennt er kaum. Von Tangerine Dream etwa liest er oft in ihren Kritiken, deren Platten jedoch hat er rein aus Prinzip, »wegen dieses pathetischen Scheißnamens« noch nie gehört.
Überraschend für einen US-Kaff-Native from Alexandria VA, der abwechselnd die Kindheit mit dem Army-Vater auf europäischen Militärbasen verbrachte, dessen aufregendste Lebensmomente aus der Mondlandung im Fernsehen und dem Betrachten der Himmelsbewegungen vom Boden des Züricher Swimmingpools bestanden, bei dem man die Illuminaten, Haschbaukästen und Pink Floyd-Singles als kleine Fluchten aus dem All American Kinderzimmer vermuten muss? Nicht wirklich.

Simple Pleasures, Simple Lives…

»Ich mag meine Arbeit simpel und gewöhnlich. Ich mag meine Musik persönlich, emotionell, introspektiv. Und ich halte diese Welten sehr getrennt. Musik ist etwas, womit ich mir das Gefühl von Zeit in meinem Leben nehme. Live-Konzerte sind für mich da immer eine Gefahr, weil sie erstens Kompromisse mit den Aufnahmen sind und zweitens wir damit leicht Opfer der Trenderwartungen der Leute werden können. All diese komischen Kreise, der Electronica-Pressehype der Anfangstage, Warp, etc., als deren Rock-Variante wir den ersten Erfolg hatten.
Vor fünf Jahren wurde das dann plötzlich vom aggressiveren Vibe des Drum???n???Bass gekillt. Mittlerweile macht der D’n???B-Sound selbst wieder all die Leute krank und ein neues Novelty-Türchen wird aufgetreten.«

Mark bevorzugt sein Leben casual, beeindruckend unbeeindruckend. Ein sicherer kleiner McJob, der die Hemden sauber hält, Musik als anständiges Hobby und Mittler zum bescheiden kleingroßem Träumen.
Entsprechend benannte sich die Band ebenso casual nach Labradford Smith, einem Spieler von Louisvilles Basketball-Mannschaft.
Ebenso casual sieht er ihre Musik als Gebrauchsmedium, zum Schmusen, Hantieren mit schweren Objekten oder simplen Alleinsein. Ein Wunder, dass bei soviel solo zelebrierter Simple Story Mark Anfang der Neunziger einen Synth spielenden Partner in Carter Brown fand, die Bassist Bobby Donne später, 1994, zum nun in Richmond ansäßigen Trio der narkoleptischen Genusssucht ergänzen sollte.
Alle hatten als notwendige Sozialisation ihre schlechten College Band-Erfahrungen und wollten neue Wege gehen: Mark mit der Sonic Youth-Blaupause Scaley Andrew, Carter mit der Cure-Cover-Band Psycho Lava Hitchcock und Bobby mit dem Emocore von Breadwinner.

Codeine in Mind als Mittler und Überwinder der Average-Rock-Kultur, zelebrierten sie auf ihren Tape-Anfängen auf Kiwi Project und einer 7″ auf Retro8 noch die Imitation. Zwei Jungs aus Chicago mit besonderer Hingabe für den hyperschwermütigen Gitarrenuntergrund Neuseelands, Joel Leoschke und der Musikjournalist Bruce Adams, wollten 1993 gerade ein Label für Gleichgesinnte gründen. Das Label hieß dann Kranky, weltweit konsequenteste Adresse für Post-Rock in allen Facetten, Vor- und Nachteilen, und mit Amp, Low und Bowery Electric ähnlich gut im Geschäft. Die Katalognummer eins wurde Labradfords Duo-Debüt »Präzision«.

Das Debüt exorzierte noch sehr direkt und unmittelbar den Zwang zum Songwriter-Teufelchen und überwarf sich mit Verweisen, der zarte kaum hörbar süßliche Gesang von Bitch Magnet oder Robyn Hitchcock, die tragisch verlangsamten Klimperwälle von Cure’s Pornography-LP, nur sinnvoll und unprätentiös, mit kleinen pathosfreien Stückchen Wipers, Neil Young und Bats dazwischen, überarbeitet. Dann kam Bobby und die ersten Import-Exemplare der »Artificial Intelligence«-Compilation-Serie samt Electronica als Neugenre, dem Bild der vollsynthetisch spannenden Entspannung, dem Cover einer technoiden Wohnzimmerkultur. Das schmeckte. Und über die folgenden LPs »A stable reference« und eben »Labradford« verinnerlichte sich der Song in eine voll abstrahierte, kaum merkbar luftige Spur, gestalteten sich die Nummern länger und eigenwilliger.

1997 verabschiedeten sich auf »Mi Media Naranja« die eh kaum vorhandenen Vocals komplett und man legte den ersten grundlegenden Meilenstein einer modernen, von den Untergrundkellern des Rock geprägten Kammermusik, der auf »E Luxo So« (natürlich ganz profan portugiesisch für »Voll Super«) zum gereiften Meisterwerk wuchs. Beide erschienen als europäisches Lizenzprodukt beim renommierten Mute-Sub-Label Blast First. Damit kam auch weltweite Beachtung bis in höchste Highbrow-Ränge. Nelson sieht’s gelassen, wie ein Fischer from Lisboa, der zufrieden sein Tagwerk einnetzt.

Synthetische Familien

»Es ist natürlich schön, wenn man einen dermaßen hohen Anteil seines Lebens damit verbracht hat von den Leuten wegzukommen und dann doch plötzlich etwas findet, was man teilen kann. Sich durch eine bestimmte Stimmung ein Gruppengefühl, eine Gemeinschaft ergibt. I like that mood, but I can’t intellectualize it. Und nicht so billig wie bei Eno, wenn er dann Pop drübermogelt, sondern das man Leuten etwas gibt was sie unter-schwellig brauchen: a little exercise of the soul.«

Das leise Spektakel, Labradford, Tage zuvor als Höhepunkt des phonoTAKTIK-Fests in nicht irgendeiner, sondern der Wotruba-Kirche, einem avantgarde-stylee aus grob monolithischen Klötzen gefertigten Gotteshaus auf einem Grünhügel am Rande Wiens, erleben zu dürfen, war Beweis dass gerade Live-Konzerte noch so etwas wie einen sakralen, erhebenden Kick bescheren konnten. Einige mussten das natürlich als Zweckentfremdung der Musik zur Modifizierung des Christentums oder zumindest angewandte Esoterik missverstehen, tatsächlich war es (wenn auch subventionsgesicherte) Annektierung öffentlicher Orte durch Alternativkult(ur) ganz im Sinne der Punksquatter und Techno-Nomaden.
Einmal kurz brennen und weiterziehen. Soundtrack für alle. Perspektive für jeden. Das Gottesschiff als ursprünglichstes Medium kollektiven Erlebens. Instrumentals als in der Anonymität einigendes Hirnzelt.
Schande dem, der nicht Tage später noch mit (er)leuchtetem Auge diese fremden Melodien mitsummen konnte.

Familiar Synthetics

Gerade hier punktete das von Peter Rantasa initierte und Mego Man Pita Rehberg mitkuratierte Elektronik-Festival in seiner Grundidee der Kombination von Architektur und Elektronik mit Friedhofsfeuerhallen und E-Werken, wo beim angeblich »legendären« 95er Debut noch die Plattheit (Subway für Subkultur, K&D im schleckigen Jung-designerkeller) regierte. Grundproblem wurde dieses Jahr eher die Stimmung, da zu viele in dieser akustischen Weltstadt das Programm zu pflichtbewusst erfüllten um einen Ton mitzukriegen. Wo phonoTAKTIK versuchte, mit einer Internet-Gästeliste der Abnutzung durch eklektische Erhebung und virtuelle Family entgegenzuwirken, verwendet Nelson die simple Kraft der Hingabe und des Gefühls.
Das gilt für die künstlerische Großmacht Labradford, die ihn noch neben den »großen« Komponisten des Minimalismus und der orchestralen Rücknahme wie Glass und Reich stehen lassen wird.
Das gilt für sein vollkommen solo wie elektronisch angelegtes Seitenprojekt Pan American (LP auf Kranky, 10″ auf Kraak), die die melodische britische Pluckerschule ähnlich Plaid und Neotropic mit dem E-Z unterschwelliger Südländerrhythmen von Puerto Rico bis Portugal kombiniert.
Das gilt für die von ihm jährlich zusammengestellten Festivals in London’s South Bank, die Legenden (Tony Conrad), Vorreiter (Durutti Column), Extreme (Pan Sonic), Götter (Oval), und Inspirationen (Fantasy-Autor Michael Moorcock) neuer Soundwelten unter einem prätentionsfreien Nenner einigt: Drifting.

Wenn einem die limitierten Erkenntnisse der Postmoderne ein treffendes Bild vermittelt haben ist es das des Menschen als nomadierenden Touristen in einer treibsandähnlichen Überreizungswüste der ständigen Perspektivenwechsel. Genauso touristisch naiv wie ungebunden bewegt sich Nelson in einem übermächtigen Kosmos des Sounds, bedient sich intellektuell belegter Musik ohne selbst intellektuell zu sein, wirkt eher wie der kleine Junge im alten Mann, der selbstzufrieden nachts die Sterne aus dem Dunkel klauben will.

Wir reden noch lange über Authenzität, Detroit Techno, Pauline Oliveiros, das Chain Reaction-Label, die Güte bastardisierter Volksmusik, wenn Nelson sich aber zurücklehnt und träge glücklich die Sonne anblinzelt ist das genau DIE große Geste, die alles über seine Musik aussagt. Demutstöne von den fernen, großen Wundern.

Check out:
Weiter Wunder, in die Welt gesetzt von den Kranky-Geistesverwandten Constellation
Review von Fixed::Context