Klaus Tschabitzer © Florian Rainer

Lieder, die ans Heaz gehen

Klaus Tschabitzer setzte schon mit Johann Sergej, Scheffenbichler, Tangoboys und Hirsch Fisch Maßstäbe schrägen Musikschaffens und als der schwimmer nun auf dem »beswingten« neuen Album »A Heaz« dem Ganzen die Krone auf.

Beginnt man nach langer Zeit einmal wieder zu der schwimmer (der Name des Projekts bezieht sich auf den Titel eines Sixties-Films mit Burt Lancaster) zu recherchieren, ist es auch für halbwegs Kundige in Sachen Klaus Tschabitzer interessant, was der Mann schon alles gemacht hat. So war dem Autor dieser Zeilen, der schon relativ früh das Schaffen des schwimmers sowie davor die unpackbaren Scheffenbichler und die bestechenden Tangoboys lose verfolgt hat, die Bluegrass-Band Johann Sergej bis dato total unbekannt. Dieser Name geht zurück auf den in den 1940er/50er-Jahren beliebten und erfolgreichen Sänger Johann Särge, einen großen Country-Fan und -Sänger, der auch eine abgedrehte Version von »I’m So Lonesome I Could Cry« mit Helmut Qualtinger einspielte. Dabei hat Johann Sergej 2012 sogar ein Album aufgenommen und ist damit auch auf Tour gegangen. Who knows, welch leiwande Recordings von Tschabitzer noch in seinem Archiv vor sich hin schlummern mögen?

Jetzt ist aber 2012 lange her, Tschabitzer veröffentlichte kontinuierlich Alben als der schwimmer und gründete vor einigen Jahren mit dem hauptberuflich bildenden Künstler Norbert Trummer (der bereits bei Scheffenbichler an Bord war) das nach einer Figur aus Josef Roths Roman »Hotel Savoy« benannte Duo Hirsch Fisch, das nach wie vor aktiv ist. Mit »A Heaz«, erschienen wieder auf dem formidablen Kleinlabel Early Morning Melody (klasse Artwork auf der Vinylvariante, die Covergestaltung stammt von Heidrun Widmoser), bringt uns der schwimmer auf den aktuellen Stand seines musikalischen Schaffens. Davon abgesehen gibt’s was zu feiern: Tschabitzer hat seinen 60er und der schwimmer besteht außerdem seit exakt 20 Jahren. Dazu kommt, dass er sich im Laufe der Zeit von der One-Man-Show zur richtigen Band gemausert hat. Mit von der Partie sind aktuell Gottfried Gfrerer (Resonatorgitarre) Herbert Wiesenberger (Wurlitzer Piano), Walter Lameraner (Saxophon), Florian Röthel/Florian Tuchaceck (Drums) und Haldis Schleicher (Stimme, Geige). Entstanden sind so zwölf Songs, mit einer weiten Range an Sounds und Rhythmen, wobei die meisten Stücke in charmantem obersteirischem Dialekt gesungen werden.

Früher Rock’n’Roll als Urknall und Selbstermächtigung

Seine musikalischen Wurzeln verortet Tschabitzer im ganz frühen, stark sexuell aufgeladenen Rock’n’Roll, der in der Black Community entstanden ist und die Unterhaltungsmusik revolutionieren sollte. Dazu kommt bei Tschabitzer ein Faible für Country Music und Americana, sowie eine Neigung zum Jazz in seiner rabiateren VarianteNicht unwesentlich geprägt wurde Tschabitzer auch von den Sprachexperimenten der Wiener Gruppe, was etwa im Titelsong noch deutlich durchschimmert. Die zwölf Songs von »A Heaz«, (übrigens von keinem Geringeren als Patrick Pulsinger gemastert) spannen einen weiten thematischen Bogen ausgehend vom Träumen (»Träumen, weil das ewig bleibt«) und einer Ballonexpedition (»Der Ballon«). »Die Künstler« nimmt die vermeintlich sorglos in den Tag hineinlebenden Künstler*innen und ihre Neigung zum Alkohol launig auf die Schaufel. Ans Heaz gehend ist das ruhige »Deine Augen«, ein Liebeslied der Extraklasse, »I hob den Jesus gseng« entlarvt Jesus als Raucher. »Der Eventmanager«, der das Land zu einer Firma umbauen will (was einem mit einer gewissen anarchischen Grundhaltung wie Tschabitzer nur widerstreben kann), bekommt sein Fett ab, das Stück ist mehr launiges an der Wiener Gruppe angelehntes Rezitativ. Einen prima Schmäh hat auch »Kreisvakeah«, das man durchaus als Parabel für die ewige absurde Wiederkehr des Gleichen lesen kann. »Kumberg« punktet im besten Country-Style mit den Zeilen »Mit der Bibel hot er d’Fliang daschlong / dann hot er si a Speckbrot gricht / des liegt jetzt in seim Mogn«. Jetzt schon fast ein Klassiker ist »Drah di um« mit den Zeilen »Die Schua, die Schua, die stengan umanaund / dafür san sie gor net gmocht / ziags an, ziags an und tanz die ganze Nocht«. Mit seinem lässigen Offbeat und der schneidenden Gitarre ein absolutes Highlight. Nur konsequent ist am Ende das für der-schwimmer-Verhältnisse eher düster gehaltene »Die Wanderin« mit einem grandiosen Pepi Abicht an der Trompete.

Bei der Präsentation von »A Heaz« am 5. November 2021 in der sehr leiwanden Ottakringer Kunsttankstelle, die man sich als Minivariante von Andy Warhols Factory imaginieren kann, herrschte beste Stimmung. Die Band war in großer Spiellaune, der schwimmer redselig und auf seine eigene, sehr sympathische Art launig. Live kam auch der Free-Jazz von Walter Lameraner auf den Spuren von Pharoah Sanders und Sun Ra und weiteren Gästen an den Tröten noch intensiver zur Geltung. Es war ein toller Abend auch mit Swing-Momenten, nicht wenige Gäste hatten nach der Show ein seliges Lächeln im Gesicht.

Link: http://www.schwimmer.at/