© Polly Fannlaf

Kann BDSM politisch korrekt sein?

So lautete am 7. Juni 2019 die zu diskutierende Frage des Sexclusivitäten Freudensalons im gemütlichen Wohnzimmer von Laura Méritts Wohnung in Berlin, Kreuzberg. Wenn auch eine Nischenthematik – würde mensch annehmen –, sorgte BDSM für reges Interesse mit dementsprechender Besucher*innenanzahl.

Welch wunderbare Idee ist jene des Salons, der Türen öffnet, in den als privat – jenseits öffentlicher sozialer Kontakte – gesetzten Wohnraum einer Person, zum Zweck der Vernetzung und des Diskurses. Mit einer freundlichen Begrüßung informieren die Mitarbeiter*innen und Organisator*innen von Sexclusivitäten über den Safe Space, der mit dem Freudensalon geschaffen wurde. Die Besuchenden werden als erstes eingeladen, sich mit Wasser und Tee zu versorgen, in den überbordenden Bücherregalen zu Sexualität zu schmökern sowie sich im Shop, der in einem weiteren Zimmer eingerichtet ist, über die neuesten Publikationen und Sextoys zu informieren und einzukaufen. Sind die Interessierten eingetrudelt, wird über das politische Anliegen des Salons, das ehrenamtliche, politische Engagement von Sexclusivitäten, informiert und dazu aufgefordert sich frei zu bewegen – mit dem Hinweis, die Veranstaltung, den Raum jederzeit verlassen zu können.

Wie weit darf BDSM gehen?
Begonnen hat dieser BDSM-Salon mit einer Vorstellungsrunde, bei der jede Person ihren Namen für diesen Abend, das erwünschte Pronomen und den Bezug zu BDSM und dem Thema des Abends teilen konnte. Hatte ich als Moderatorin anfänglich eine Brainstorming-Runde zu BDSM und »politischer Korrektheit« vorgesehen, verlief der Einstieg dann wie von selbst, schnell, persönlich und in vielen unterschiedlichen Wortbeiträgen mitunter emotional. Es stellte sich als herausfordernd dar, zu moderieren und eine Richtung vorzugeben, bei so viel wichtigen Inputs!

Was bezeichnet BDSM? Das wussten die meisten Personen der Runde: Laut Wikipedia »bondage, discipline, dominance and submission, sadomasochism, and other related interpersonal dynamics«. So wichtig wie in dieser sexuellen Nische Werte wie Selbstbestimmtheit und Einvernehmlichkeit genommen werden, stellen sich demgegenüber Fragen, wie mit inhaltlich aufgeladenen und mitunter negativ besetzten Rollen und Spielsituationen umzugehen ist. Kann es akzeptiert werden bzw. ist es politisch korrekt, z. B. einen Nazi bzw. Hitler in NS-Uniform zu spielen, Vergewaltigung oder Beschimpfung und Herabwürdigung von Weiblichkeit, Frauen als Schlampen etc. oder weibliche* People of Colour in einer submissiven Rolle, die sich von einem weißen Cis-Mann toppen lassen, wie das der aktuelle Film »The Artist & The Pervert« (2018, Stars: Georg Friedrich Haas, Mollena Williams-Haas) darstellt? Wie verhält es sich bei einer 24/7-Beziehung, die auf einem ungleichen hierarchischen Verhältnis beruht, das von außen betrachtet schmerzvoll inakzeptabel erscheinen mag? Kann hier nicht trotzdem nur der Konsens zwischen den Partizpierenden maßgeblich sein?

© Polly Fannlaf

BDSM und politische Korrektheit
Was also meint »politische Korrektheit« und wo und wie ist sie anzutreffen? Schwer zu beantworten, abermals und stark von den verschiedenen Kontexten abhängig: Das Spiel mit autoritärer Ästhetik, wie nationalsozialistischen Uniformen und Abzeichen, ist an Orten wie Österreich/Deutschland ungleich beladener und schwieriger, wegen der historischen Last, die Tätergesellschaften – das Dritte Reich 1933–1945 – zu verantworten haben und spüren. So war eine Wortmeldung aus der Salon-Runde, dass das Spiel mit solch einer Nazi-Rolle an einem anderen Ort, wie z. B. den USA, ungleich leichter, weil unbehafteter funktionieren kann. Dementsprechend stark sind die Aversionen gegen rechte Rollen in linken Kontexten, wo auch die eine oder andere Playparty-Einladung zu finden ist, mit explizitem Verbot des Tragens von Uniformen.

Genauso wie in feministischen Kontexten die Demütigung von und Gewalt an Frauen wie auch Slut Shaming nicht einfach zu akzeptieren sein wird, etwa auf FLINT-Playpartys. Wenngleich gerade in diesem Kontext festzuhalten ist, wieviel sich diesbezüglich mit der Entwicklung von Queer-Feminismen verändert hat, was die Stigmatisierung von BDSM als einer zu verurteilende Praktik betrifft, die patriarchale Gewalt reproduziert, hin zu einer Sichtweise von BDSM als einer Praxis, in der Verhandlung und Konsens die wichtigsten Eckpfeiler darstellen, mit den SSC-Regeln: »safe, sane, and consensual«, was auf Deutsch übersetzt »sicher, vernünftig und einvernehmlich« bedeutet. Ein Spannungsfeld klarerweise, wer und wie trotz dieser vorbildlichen Umgangsweisen Grenzen zieht bzw. Grenzen gezogen werden. Wer hat die Legitimation gewisse Spielpraxen und Rollen zu verbieten bzw. bei Nichtbefolgung zu sanktionieren? Soll der Konsens der an einem Spiel Partizipierenden ausschlaggebend sein oder der auf Mehrheiten beruhende Wille einer Gruppe bzw. Community? In dem Salon konnte diese Frage nicht abschließend beantwortet werden, was ich als ein gutes Zeichen bewerte. Die Fragestellung birgt jedenfalls Brisanz und Uneindeutigkeit.

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