Kamaal Williams

»The Return«

Black Focus Records

»You are now listening to and supporting an original movement of the London underground. Thank you for supporting independent music.« Dieser Text steht auf der Rückseite der Vinyl-Ausgabe von »The Return«, dem neuen Werk des Londoner Keyboarders Henry Wu unter seinem Pseudonym Kamaal Williams. Allein schon deshalb möchte und sollte man zugreifen, denn als HörerInnen, GenießerInnen, schlussendlich KonsumentInnen muss es uns ein Anliegen sein, aufstrebende Bewegungen und deren MusikerInnen zu unterstützen. Ganz besonders gilt dies für Henry Wu, denn er zählt zu den Dreh- und Angelpunkten der jungen, aufstrebenden Londoner Jazzszene und ist sowohl als Produzent als auch als Musiker an diversen Produktionen aus diesem Umfeld beteiligt. Nachdem er Anfang der 2010er-Jahre in der Band der Dubstep-Sängerin Katy B spielte, gründete er zusammen mit Yussef Dayes die Band Yussef Kamaal, die mit ihrem 2016 erschienenen Album »Black Focus« für Begeisterung sorgte. Nach diesem hat Wu auch sein eigenes Plattenlabel Black Focus Records benannt, auf dem nun sein Debut als Solokünstler erschienen ist. Mit ihm musizieren Joshua McKenzie am Schlagzeug und Pete Martin am Bass.

Das Trio bleibt Wus Vorliebe für 1970s-Soul und HipHop-Grooves treu, baut aber innerhalb dieser Einflüsse im Laufe des Albums mitreißende und vielschichtige Spannungsbögen auf. Wie auch immer diese Spannung jedoch geartet ist, eines ist dieses Album immer: Groovy. Und zwar sehr. Wu lässt vor allem Drummer Joshua McKenzie viel Raum für die Verdichtung seiner ohnehin schon stark vertrackten Grooves. Besonders im letzten Drittel des Openers »Salaam« steht dieses Interplay am Anfang der Platte richtungsweisend im Vordergrund. Der Höhepunkt der ersten Seite ist nicht, wie man vielleicht von »herkömmlichen« Albumstrukturen erwarten würde, das Titelstück »The Return«. Im Gegenteil, dieses ist ein am String-Synthesizer gespielter Aufbau zum wohl kantabelsten Stück der ganzen Platte, »High Roller«. »One, two, three, four« und die treibende Höchstleistung einer Bassline rollt spielerisch aus dem Lautsprecher. Kurz und knackig, bevor es monoton werden könnte, geht es weiter zu »Situations«, dem live aufgenommenen Closer der ersten Seite. Übrig bleibt das Verlangen, noch ein wenig mehr Vordergrundarbeit von Bassist Pete Martin zu Gehör zu bekommen, diesem Verlangen wird allerdings im Laufe des Albums nicht mehr Folge geleistet. Ein weiterer, unerwarteter Höhepunkt ist der »LDN Shuffle«, denn man könnte meinen, John McLaughlin habe sich mit seinem verzerrten Mahavishnu-Gitarrensound in Wus Studio verirrt und dort ein ekstatisches Gitarrensolo eingespielt. Weder auf dem Cover der Platte noch auf dem Inner Sleeve ist ein Hinweis auf den tatsächlichen Musiker hinter diesem Solo zu finden, was schade ist, denn obwohl vollkommen überraschend und alleinstehend auf diesem Album, ist dieser Fusion-Ausbruch das energetische Highlight auf »The Return«, entschleunigt nur durch ein waberndes Snythie-Outro, das wiederum das Album zu einem befriedigenden Schlusspunkt bringt.

Wenn also »The Return« der Soundtrack der aktuellen musikalischen Londoner Untergrundbewegung ist, dann wird dort ordentlich getanzt. Britische DJs wie die Radio- und Club-Legende Gilles Peterson vermelden schon seit Jahren eine zunehmende Verschmelzung der Londoner Club-Kultur mit den Traditionen und diversen Auswüchsen des Jazz, wobei »The Return« mit Sicherheit zu energetischerem Köcheln in dem Melting Pot beitragen wird, ebenso wie dies bereits vergangene Wu-Produktionen taten.

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