»Jüdische Musik?«

Mit Fragezeichen

Geschichte und Politik, Kultur und Gesellschaft: In der Reihe »Jüdische Moderne« wird unter anderem das Verhältnis von Innovationen und Traditionen, von Lebenswelten und Bewusstsein in der Moderne thematisiert. Mit dem ersten Band (»Jüdische Musik?«) wird dem Titel nicht ein demonstratives Ausrufezeichen, sondern ein vorsichtiges Fragezeichen nachgesetzt. Das könnte provokativ wirken, doch dieses Fragen (und damit Nachdenken) provoziert zunächst einmal etwas Grundsätzliches: Jüdische Musik – was ist das (in den Musiklexika taucht der Begriff erst weit im 20. Jahrhundert zum ersten Mal auf)?

Vorstellungen darüber berichten, in der wechselseitigen Einflussnahme von Fremd- und Selbstbildern, die rund 20 sorgfältig editierten Beiträge. Alle Texte bieten eine reichhaltige Informationsfülle und gestalten sich in den meisten Fällen erfrischend offen, oftmals auch in einer herrlich selbstironischen Art wie beispielweise die »Gespräche unter Komponisten« (u.a. mit der auch hierzulande bekannten Komponistin Chaya Czernowin). Indes steht nicht nur das zeitgenössische Schaffen in Israel im Vordergrund. Die »Klesmerisierung« der jüdischen Musik wird diskutiert, auch ein Plädoyer für eine kritische Rezeption (»Musik der Schoa«) steht zur Debatte. Klar kommt Arnold Schönberg nicht zu kurz; Auch Holocaust-Kompositionen gehören zu einem weiteren Themenfeld. Peter Niklas Wilson versucht in seinem Beitrag, die historischen Verknüpfungen von »Jazz und jewish roots« kritisch transparent zu machen. Dies gelingt ihm ansatzweise sehr gut, allerdings: den von John Zorn, in seinem Umfeld des New Yorker Tzadik-Labels geprägter Begriff »Radical New Jewish Culture« wusste auch Wilson nicht genau zu erhellen. Doch dies hängt vermutlich eher mit Zorns eigener Unklarheit im Konzept, denn mit Wilsons ausführlichen Recherchen zusammen.

Eckhard John & Heidy Zimmermann (Hrsg.)
»Jüdische Musik?« Fremdbilder – Eigenbilder Band 1 Jüdische Moderne
Böhlau Verlag Köln Weimar Wien, ISBN 3-412-16803-3