Jenny Hval

»Classic Objects«

4AD

Jenny Hvals »The Practice of Love« gehört zu meinen meistgehörten Alben der letzten Jahre. Meisterhaft kombinierte die norwegische Art-Pop-Künstlerin darauf experimentelles Songwriting mit melodischem Gespür und intimer Lyrik. Auf ihrem neuen, siebten Album »Classic Objects« finden sich alle diese Elemente wieder. Bereits der Auftakt »Year of Love« demonstriert Hvals erstaunliche Fähigkeit, Gegensätze zu vereinen: Rhythmische Latin-Gitarren und Percussion schaffen eine träumerische Atmosphäre. Hvals schwebender Gesang stimmt ein Liebeslied an. Doch schon die zweite Verszeile durchbricht die vierte Wand. Ihr versonnener Belcanto entpuppt sich als Reflexion zur gesellschaftlichen Überformung romantischer Beziehungen. »Classic Objects« gibt sich nicht mit Herkömmlichem zufrieden. Wenig überraschend versammelt der folgende Track ätherische Synths, komplexe Rhythmen, Überlegungen zum Gefühl von Heimat sowie obskure Anspielungen auf Deleuze/Guattari. Bemerkenswert an Hvals Kompositionen ist jedoch, dass sie erlauben, die kopflastige Dimension ihrer Musik in den Hintergrund treten zu lassen. Sanfte Töne bergen eine ungezwungene Emotionalität. Klanglich ist »Classic Objects« Hvals wärmstes Album. Dies scheint vor allem ihrer Entscheidung geschuldet, elektronische Beats zugunsten von akustischer Percussion beiseitezulassen. Bei aller Ambition fühlt sich »Classic Objects« dennoch zu bequem an. Denn sechs der acht Tracks weisen dasselbe Songwriting-Schema auf: sukzessive Überlagerung von Tonspuren bei gleichbleibendem Tempo. Dadurch wirkt der eigenständige Charakter einzelner Tracks oftmals unterentwickelt, stellenweise auswechselbar – trotz tonaler Vielfalt. Bedauernswert ist dies vor allem, da Hval in der Vergangenheit mehrmals ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt hat, großartige, nicht-lineare Songs zu schreiben. Vielleicht ist meine Enttäuschung eine Ernüchterung, die sich nur bei hohen Erwartungen einstellen kann. Der Charme von »Classic Objects« berauscht allemal.