Jasper Blom

»Polyphony«

Whirlwind Recordings

Ein Live-Doppelalbum? Derart üppige Veröffentlichungen sind normalerweise nur den Größten im Pop, Rock oder in den kommerziellen Teilen des Jazz vorenthalten. Zu Unrecht, denn gerade jene Doppelalben schaffen es oft nicht, durch ein reines Hörerlebnis über ihre gesamte Länge spannend zu bleiben. Der 1965 in den Niederlanden geborene Saxofonist Jasper Blom bewältigt mit seinem Quartett diese Aufgabe jedoch mit Bravour und legt mit »Polyphony« eine Doppel-CD vor, die ihrer gesamten Laufzeit von 110 Minuten absolut gerecht wird. Auf CD 1 stößt der belgische Trompeter Bert Joris zum Quartett und zu fünft spielen sich die Musiker leichtfüßig durch melodiöse wie eingängige Kompositionen, die größtenteils aus Bloms Feder stammen. Gitarrist Jesse van Ruller steuert mit dem einzigen Akkordinstrument glasklare Voicings und schöne Begleitlinien bei, seine Soli werden neben all den Bläsergeschehnissen zu kontrastierenden Earcatchern. Die erste der beiden »Polyphony«-CDs eckt nicht an, sie schmiegt sich in den Gehörgang und nistet sich dort mit ihren eleganten Spannungs- und Melodiebögen ein, um zu bleiben. CD 2 wurde, ebenso wie CD 1, live im Amsterdamer Jazzclub Bimhuis mitgeschnitten, das Quartett wird hier durch den im deutschen Brunswick geborenen Posaunisten Nils Wogram erweitert. Dieses Set gibt sich wesentlich psychedelischer: Die kompositorischen Strukturen rücken in den Hintergrund, stattdessen werden Effektpedale und Posaunendämpfer zur Sound-Alteration im Zuge ausufernder Improvisationen herangezogen. Gerade diese veränderte Herangehensweise sorgt dafür, dass man die beiden Konzerte direkt hintereinander hören kann, ohne dass das Hörerlebnis durch die fehlende visuelle Komponente eintönig würde. Besonders hervorzuheben ist auch das exquisite Schlagzeugspiel von Martijn Vink, der über seine Rolle als Strukturbewahrer hinaus immer wieder erfrischende Farbtupfer in die – besonders auf CD 2 – dichten Klangmuster einbringt. Als spannender Doppel-Live-Trip wird »Polyphony« wohl nur noch schwer vom einstweiligen Platz Eins der besten Live-Alben 2019 zu verdrängen sein!