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»It’s A Wortwitz You Won’t Understand«

Asal Dardan, Olivia Wenzel, Sharon Dodua Otoo, Hengameh Yaghoobifarah und Mithu M. Sanyal schrieben 2021 die Lieblingsbücher unseres Salzburger Außenpostens. Ein Experiment »fast ganz aus Zitaten«, frei nach Walter Benjamin, der darin bekanntlich »die tollste Mosaiktechnik, die man sich denken kann«, sah.

Ehe das Resümee als Zitathölle losbricht, zwei Grundsatzstatements aus der avancierten Genderforschung: »Deshalb lohnt sich das Zuhören. Hinter so manchen Anekdoten von ›übertriebenen‹ Formen der Identitätspolitik stecken genuin moderne, zur Demokratie gehörende Kämpfe um Partizipation, um die Teilnahme am politischen, kulturellen, ökonomischen Leben (…). Auf dem Weg dahin muss die Spannung zwischen dem Projekt des Universalen und einer Praxis des Partikularen ausgehalten werden.« (Paula-Irene Villa, Andrea Geier)

 

Asal Dardan: »Betrachtungen einer Barbarin« (Hoffmann und Campe)

Motto: »Meine Flucht ist eine Erzählung, keine Erfahrung«

Frage: »Wer ist Teil dieses Landes, aber nicht ihrer Erzählungen?«

Theorie: u. a. Hannah Arendt, Edward Said, Franz Fanon, Walter Benjamin, Susan Sontag

Jugend (in Deutschland): »vorbeigeschmuggelt«, »deplatziert«, »migrationshintergründig«, »fremd neben meinen Eltern«

Musik: Pearl Jam, Neil Young & verlorene (iranische) »Welt lebendig in den Tönen«

German Nazi Continuum: »Auschwitz als Drohung von Morgen« (Walter Jens, 1965) – Mölln, Solingen, Hoyerswerda, Rostock, NSU, »Pegida-Mentalität«, Halle, Hanau, Walter Lübcke, Hannibal, Nordkreuz, NSU 2.0

Zukunft: Black Lives Matter, Fridays For Future

Orte: USA, Sardinien, Berlin, Schweden, Teheran, Marx-Denkmal/Chemnitz

Subjektstatus: »Ich als niemals Gleiche« (»Ich ist eine Andere«), »wie eine Schauspielerin, die andere imitierte« (»aufgezwungene Entfremdung und Fremdmachung«)

Leitkultur (europäische/deutsche): »Der Glaube an die schöne und gute Kultur als Leitgedanke kann bloß aufrechterhalten werden, weil man den historischen Glauben an das das Recht, andere Kulturen zu leiten, andere Menschen zu leiten, in die Sklaverei und in den Tod, willentlich vergisst«

Geschichte: »Mich beschäftigt Geschichte, mit der ich biografisch nicht verbunden bin«

Archäologie & Genealogie: »Antifaschistische Widerstandskämpfer*innen« (die Ermordeten von damals und die Ermordeten von heute)

Restrospektiver Trugschluss: »Gemütliche westdeutsche Teenagerjahre der Neunziger« (aka »Baseballschlägerjahre«)

Rhizomatisch verbandelt mit: »Ich bin interessiert an Figuren, die sich nicht ohne weiteres einer Klasse anschließen können, am ›Problem‹ der Menschen, die zwischen den Klassen stehen.« (Alfred Döblin

 

Olivia Wenzel: »1000 Serpentinen Angst« (S. Fischer)

Orte: Berlin, Deutschland, USA, New York, Vietnam, Marokko, Detroit & München

Hautfrage: »Markiert als Nichtweiße, das Andere, als Beleg einer Idee von Hautfarbe und Differenz.« (»In den USA bin ich schwärzer als in Deutschland.«)

Kultur (als Missverständnis): »HipHop habe aufgrund meiner Ursprünge mehr mit mir zu tun.« (»coole Blackness«, »unreflekiert«)

HipHop (als afro-deutsche kulturelle Aneignung): Rezipiert wie »eine Touristin dieser auf Schmerz gewachsenen Blackness.«

Motto: »Stolz und Paranoia, plus eine Prise Wut.« (aka »Privilegiert und doch am Arsch.«)

Angst Thing: »Coming-out of not being white«

Jugend (»taubengrau«): »Beton, Nikotin und Diskotheken. Saufen, Selbstverwirklichung und Internet.« (Baseballschlägerjahre)

Leben (in Deutschland): »Irgendetwas stimmt an diesen Erzählungen nicht.« (»Irgendwas fehlt immer«)

Subjektstatus: »Sich so weit wie nur möglich von sich selbst zu entfernen.« (»Bin verkleidet und weiß nicht als was.«)

Theorie & Musik (Soul, Grooves): »Die Möglichkeit eines alternativen Selbstbildes wird erfahrbar.« (feat. Missy Elliott, The Roots, Radiohead, Britney Spears, Whitney Houston, Michael Jackson, Joy Denalane, bell hooks)

Wer/was spricht: Gegenstände/Dinge (Snackautomaten. Kaugummiautomaten)

German Nazi Continuum: »Dass diese Dinge selbst sich wiederholen.« »Dinge, die fast passieren.«

Afro-Futuristic Spoken: »Mein Herz ist ein Automat aus Blech.«

Race, Gender, Class (am Beispiel »Banane«): »Essen als schwarze Person«, »Essen als Frau«, »Essen als Ossi«.

BRD versus DDR: »Unkreative Freiheit« versus »Kreative Unfreiheit«

Heim(at): »Heimlich«, Verheimlichen«, »Unheimlich«

Fragen: »Wo kommst du her?«, »Was mache ich hier?«, »Wo ist dein Platz?«

Wiedervereinigung (Ex-DDR-Perspektive): Das »Bemühen, greifbare, positive Erinnerungen zu zerstören.«

Sub-Genre: Science Fiction Cut-up-Roman

Rhizomatisch verbandelt mit: »Wir müssen uns stet vor Augen halten, dass andere Signifikanten – von Klasse, Gender und Sexualität zum Beispiel – in die Diskurse über Rasse, Ethnizität und kulturelle Differenz hineinspielen, da sie die Art und Weise, auf die Identität durch diasporische Diskurse vernäht und realisiert wird, häufig nicht durchbrechen, sondern vielmehr mit ihnen korrespondieren.« (Stuart Hall)

 

Sharon Dodua Otoo: »Adas Raum« (S. Fischer)

»Das Erzählende«: Gegenstände erzählen (Reisigbesen, Türklopfer, KZ-»Sonderbaracke«/»KZ-Bordellzimmer«, Museumsstücke aus den Kolonien)

Bad Karma: Reinkarnation als britischer Reisepass 2019 (aka »Nicht EU-Bürger«)

Orte/Zeiten: Totope, März 1459, Stratford-le-Bow, März 1848, Kohnstein, bei Nordhausen, März 1945, München, Berlin

SS-Offiziere: »Wie herbeigeflucht«, die Erhängte im KZ lachend »als Kulisse« wahrnehmen

Spiralen der Erinnerungen: »Zwischen den Schleifen« ein »Verbindungswissen« von »Assoziationsketten« (Wie kommt ein afrikanisches Armband aus dem 15. Jahrhundert in deutschen Privatbesitz?)

Afro-Germanic: »Schwarze Erfahrungen in Deutschland« & Schwarze Erfahrungen anderswo (USA, Afrika, UK etc.), »fließend, mehrdeutig« (»Mühelose Beherrschung der deutschen Leitkultur.«)

(Afro-)Hauntologic Spoken: »Die Zukunft noch einmal anfangen zu lassen.«, »Umzukehren, um zu holen, was du vergessen hast.«

»Der deutsche Raum« (1945): »Die sprichwörtlich Guten, die nichts getan haben wollen.«

Sprache & Kommunikation (als Material): »Produktive Unsicherheiten«, »Produktive Verstörungen und Entfremdungen« (aka »Wie sagt man das auf Deutsch?«)

Subjektstatus: »Wer bist du?« Reden »mit zwei Zungen«, »Weder Mann noch Frau, eher Mann und Frau.« (»Das Leben ist wie eine einzige fucking Personenkontrolle.«)

Utopie/Vorhaben: »Irgendwann eine Geschichte haben zu dürfen«, etwas weitergeben »durch rhythmische Körperbewegungen, durch Sprechgesang«

Afro-Techno-Futurism: KZs und Raketenbau, Black Atlantic-Mythen (»Water Babies«) im Mittelmeer (»Ertrunkene Babys«)

Schleifen, Möbiusschleifen, Borromäische Knoten: Kolonialismus, Rassismus, Nationalsozialismus, Antisemitismus

German Nazi Continuum: Halle 2019

Ada Lovelace 1848: Entwirft eine »analytische Maschine« und blickt in die Zukunft (»Irgendwann Musik damit komponieren.«)

Sub-Genre: Magischer afro-futuristischer Realismus

Rhizomatisch verbandelt mit: »Es geht darum, die Sprache in Bewegung zu setzen, mit Hilfe immer weniger schmückender Wörter und einer zunehmend feineren Syntax. Also nicht so zu sprechen, als sei man Ausländer, Fremder, vielmehr Fremder zu sein in der eigenen Sprache, so wie das Amerikanische auch die Sprache der Schwarzen ist.« (Gilles Deleuze)

 

Hengameh Yaghoobifarah: »Ministerium der Träume« (Blumenbar)

Musik: Prince (»Sometimes I trip on how happy we could be«), Nirvana, Fugees, 2Pac, Nas, TLC, Madonna »Vogue«, TLC, Fettes Brot, Scooter, Metallica, Frank Ocean, Falco, Queen, t:A.T.U., Beyoncé, Stevie Nicks, Hole

Jugend: »Eurodance-Beats und Cola-Korn« & 1999 Gigi D’Agostino (»Wir hatten uns und die Musik. Wen brauchten wir noch?«)

Deutsches »Sommermärchen« (2006): »Du bist Deutschland« (»Straight out of HJ-Plakaten«), »German Horrorstory« (»Brandstiftung kann auch ein Sport sein«), NSU-Morde (Dortmund, Kassel)

Utopie: »Rhianna und Revolte«

Eine Telefonzelle: Die Tardis aus »Dr. Who«?

Point Of No Return: »Knackpunkt« 9/11

Deutschland: »Traumafabrik«

(Dorf-)Nazi-Kontinuum: »Als ob hier Krieg wäre«

Adorno (paraphrasiert): »In einer Welt, die im Kern haram war, konnte kein Leben halal sein.«

Body Politics: »Spiralen des schlechten Gewissens (»Body Horror«), »Body- und Sexpositivität« (»Ich bin Butch Medusa«), »migrantische Lesbe« (»Ich hatte nur meinen inneren Winter und zu lange Nächte«)

»Annikas« und »Brigittes«: »Klischees und gleichzeitig doch so verschieden«, »Pferdemädchen«, »dünne spermienförmige Augenbrauen«, »zu jeder Person eine negative Assoziation« (»Weiße Frauen brauchen keine Gewehre, um dich als Geisel zu nehmen, sie haben ihre Tränen.«)

LGBTQIA*: »Ich finde mich leicht wieder in dem bunten Haufen, der sich so schnell dreht, dass die einzelnen Bestandteile kaum erkennbar sind, so heftig, dass es in ein kräftiges Schleudern übergeht.« (»Knurrenden Lesben gehört das Universum.«)

Sprache & Sprechen 1: »Meine Stimme ist eine Klinge. Wenn es sein muss, schneide ich mit ihr.«

Sprache & Sprechen 2: »Die Lava auf meiner Zunge muss abkühlen, bevor ich sie beim Reden ausspucke.«

Spiralen der Erinnerungen: »Manchmal ist Zeit ein Teller mit trockenem Reis und zu kurz gekochten Linsen, der nie leer zu werden scheint.« (»Ich drücke meine Finger in Löcher, in denen die Erinnerungen wie verkrustete Wunden liegen, und manchmal tut es nicht mehr weh.«)

Sub-Genre: Schwank (Coen Brothers/Sisters-Style)

Rhizomatisch verbandelt mit: »Am besten lässt sich doch die Unterdrückung einer Minderheit durch eine Mehrheit beschreiben, indem man zeigt, zu welchen Fehlern und Untaten die Mitglieder einer Minderheit als Konsequenz der Unterdrückung gezwungen werden.« (Rainer Werner Fassbinder)

 

Mithu M. Sanyal: »Identitti« (Hanser)

Kapitelüberschriften: »Fake Blues«, »Me And The Devil«, »Strange Fruit«, »Poppostkolonialismus«

Wer spricht: »Mixed-Race Wonderwoman« (»50 Shades of Beige«), »Dritte Welt Diva-Girl« (»Disney-Version einer transkulturellen Kindheit«) & »Theory Glamour Girls« (»Ich bin Fangirl von Hannah Arendt«)

Adorno (paraphrasiert): »Es gibt keine prä-koloniale Liebe im Ostkolonialismus.«

Academia (Genuss & Begehren 1): »Alle hatten eine gute Zeit«, »Spaß an der Konstruktion von Echt und Jenseits von Echt zu haben«, »Intercultural Studies und Postkoloniale Theorie« (»komplett neues Buffet sexueller Möglichkeiten«)

Bohemia (Genuss & Begehren 2): »Kali Studies« (»Wunderwelt der Identitätspolitik«),

Utopia: »Racenauts«, »Postracial«, »race-fluid«, »Transracial«, »Racial Drag«

Musik: Beyoncé, Charles Mingus, Johnny Otis und Mezz Mezzrow, Janelle Monáe, Prince, Cardi B

Cultural Appropriation: »Spannbreite von sehr nützlich bis äußerst destruktiv«

Frage (»Wo kommst du her?«): »Aus dem Internet.«

Theorie: Spivak, bell hooks, Ghandi, Martin Luther King, Michel Foucault, James Baldwin, Althusser, Zadie Smith, Homi Bhabha, Salman Rushdie, Franz Fanon, Ibram X. Kendi, LeRoi Jones, Amiri Baraka, Gustav Landauer

Rassismus: »Achtlosigkeit als unmittelbarer physischer Schmerz«, Hanau (Bücher stehen »sinnlos« im Regal), »Horror so alltäglich und greifbar und nah« (George Floyd)

Identität: »Auf den Punkt, bloß nicht klar.«, »Diaspora« (»sich selbst in dieser Welt nicht wiederzufinden«) und »Desperate« (»Ich habe das Gefühl zu lügen, wenn ich Ich sage.«), »Identitätskämpfe sind Kämpfe um Fiktionen in der Wirklichkeit«

Schreiben: »Wenn ich Buchstabensuppe essen würde, könnte ich bessere Texte scheißen.«

Wunschmaschine: »Raum-Zeit-Tardis« (»Dr. Who«)

(K)nowledge: »Alle gute Wissenschaft ist eine Flaschenpost in die Zukunft, ein Vorgriff auf das, was sein kann, um es durch den Akt des Schreibens möglich zu machen.«

Rhizomatisch verbandelt mit: »Kann es einen Gedanken der Differenz geben, der nicht wieder zum Gedanken der Identität zurückkehrt?« (Thomas Meinecke: »Tomboy«)

Sub-Genre: Verwechslungskomödie

Outro: »deutschland im herbst/mir graut vor dem winter« (May Ayim)