In der existenziellen Garage

Die »Hermetische Garage« des französischen Autors Moebius als erzählerisches Verwirrspiel mit dem Leser.

In einem Interview wurde der französische Künstler Moebius nach dem fantastischen Potenzial des Mediums Comic gefragt. Seine Antwort fiel bewusst betont persönlich aus: »Wenn ich eine Geschichte wie die ??Hermetische Garage?? mache, versuche ich mich dabei in einen Zustand des reinen Amüsements zu versetzen. Alles soll Entspannung sein. Alles ist erlaubt, nichts zu töricht. Es ist ein Spiel mit mir selbst, aber auch eines mit den Lesern.« Sein nun in Neuauflage wieder zugänglicher – und von der gegenwärtigen Rezeption schmählich vernachlässigter – Klassiker »Die Hermetische Garage« entspricht ganz genau dem poetologischen Duktus, der sich aus Moebius‘ Aussage ableiten lässt. Abseits aller erzählerischen Konventionen entwickelt er in dieser Arbeit eine Verweigerungshaltung der produktiven Paradoxien und der extremen Leseanforderungen: Oberflächlich wie eine Science-Fiction-Story in Fortsetzungsmanier gestaltet, bricht Moebius auf jeder nur denkbaren Ebene mit den Erwartungshaltungen seines Publikums: Die Aufeinanderfolge von Sequenzen scheint willkürlich, vermeintlich erläuternde Textkästen tragen nur zur weiteren Verwirrung und Verkomplizierung der Handlung bei, Zusammenfassungen bieten Informationen zu Begebenheiten, die in den vorausgegangenen Seiten schlicht nicht vorkamen. Da hei&szligt es bezeichnenderweise etwa: »In der Hermetischen Garage kann immer noch alles passieren.« Die Jagd nach Unsterblichkeit und die Bestrafung derselben geben die eigentliche Haupthandlung des Comicverwirrspiels ab, das Lesevergnügen bleibt dabei unbeschädigt. Die eigentlich beschädigte Maschine – die im Werk stellvertretend beiläufig ausgerechnet von einem Techniker zerstört wird – ist die von Moebius abgestrafte Gro&szlige Erzählung, der über das Ausweichen in die Räume des Phantastischen beigekommen wird. Die Suspendierung narrativer Linearität und genrespezifischer Schablonen in dem ursprünglich zwischen 1976 und 1980 erschienen Werk ist dabei klar als Moebius‘ Nähe zum Nouveau Roman zu werten, insbesondere zu den Arbeiten Alain Robbe-Grillets. Die um den vorsätzlichen Einsatz eines unglaubwürdigen Erzählers erweiterte Reflexion menschlicher Hybris hat auch dahingehend nichts von ihrer Radikalität und Zeitlosigkeit eingebü&szligt. Die mit einem neuen, sehr erhellenden Vorwort versehene Ausgabe macht deutlich, wie lustvoll und laut die dysfunktionale Maschine der Erzählverwirrung noch brummt. Und es ist wohl so, wie im Text selbst bereits festgeschrieben: Es kann immer noch alles passieren, wenn wir nur das Wagnis des Lesens eingehen wollen.

 

Moebius: »Die Hermetische Garage«, Asperg: Cross Cult 2008, 124 Seiten, EUR 20,40