Hubert Fichte

»Er wu&szligte, da&szlig unter dem Labyrinth seiner Wahrnehmungen andere Labyrinthe anderer Wahrnehmungen lagen.« (Hubert Fichte: »Der Kleine Hauptbahnhof oder Lob des Strichs«)

Hubert Fichte war eine Ausnahmeerscheinung in der Literaturszene der BRD. Unehelich geboren, Halbjude, schwul, Weltenbummler. Mit »Die Palette« (1968) wurde »Pop« gesprochen (und als »Beat und Prosa« im Hamburger Star-Club performt).

Anlässlich des 75. Geburtstags des 1986 im Alter von nur 51 Jahren verstorbenen Autors werden mit »19 Empfindlichkeiten« literarische, künstlerische und akustische Fäden aufgenommen, weitergesponnen, verwirrt. Neunzehn Beiträge (u. a. von Peter O. Chotjewitz, Günter Grass, Katharina Höcker, Wolli Köhler, Brigitte Kronauer, Thomas Meinecke, Wolf Wondratschek, Daniel Richter, Christoph Ogiermann) als mannigfaltiges Kaleidoskop eines nie angeschlossenen Werdens. »Die Recherche ist auf die Zukunft gerichtet, nicht auf die Vergangenheit.« (Gilles Deleuze: »Proust und die Zeichen«)

Welt aus Zeichen

Die unvollendete »Geschichte der Empfindlichkeit« war ein auf neunzehn Bände angelegtes Werk mit dem Ziel »an der privaten individuellen Entwicklung eines Mannes die Geschichte der Homosexualität seit 1900« darzustellen (Gisela Lidemann) mit Prousts »Auf der Suche nach der Verlorenen Zeit« als Blueprint. Ein über zwei Meter langer Werkplan aus unzähligen an die Wand genagelten, geklebten Blättern, die auch an Drehbuchentwürfe oder wissenschaftliche/detektivische Recherchearbeiten in der vordigitalen Zeit erinnern. Ein streng durchkonzipiertes, intertextuelles Werk, Band für Band, Kapitel für Kapitel. Bestehend aus schon geschriebenen und erst noch zu schreibenden Bücher, jenseits herkömmlicher literarischer Normen.

Von daher kennt Fichtes Blick auf die Welt auch keine Zentralperspektive. Seine »Ichs« (»Ich bin für Ichs«, so Fichte in »Die zweite Schuld«) lassen das auch gar nicht zu. Es sind Blicke, die nach jenen Zeichen suchen, durch die sich erst so etwas wie »Welt« oder »Wirklichkeit« zusammensetzen kann. Geheimzeichen von Subkulturen ebenso wie jene signs, die in ihrer Allgegenwärtigkeit schon nicht mehr gesehen werden. »Immer geht es dabei um eine streng abgrenzende Formung der Wirklichkeit, auch der des eigenen Ichs, die aus dem Diffusen, Zufälligen, aus dem Ansturm des Möglichen erstens etwas Sortiertes, Geordnetes, Nummeriertes, Katalogisiertes, zweitens etwas Zeichenhaftes und damit Sinnspendendes macht.« (Brigitte Kronauer)

Gerade hier wird die stete Aktualität von Fichte deutlich. Wenn Deleuze über Proust schreibt: »Jedes Zeichen hat zwei Hälften: es bezeichnet einen Gegenstand, es bedeutet etwas davon Unterschiedenes«, dann bedarf es bei Fichte zumindest einer Ergänzung. Gerade in seinen ethnopoetischen Studien »Xango« (1976), »Petersilie« (1980), »Lazarus und die Waschmaschine« (1985) zu synkretistischen Religionen in Bahia, Haiti und Trinidad bedeuten die Zeichen immer auch etwas doppelt Unterschiedenes (gleichzeitig afrikanische Gottheit und katholische Heiligenfigur signifizierend).

Zeichen und Sprache

Das Authentische, Unmittelbare, die Diktatur des Fetisch O-Ton-Reality war Fichte mehr als suspekt. Seine Interviews (etwa jenes mit Jean Genet oder die 2000 bei supposè auf CD erschienenen »Interviews aus dem Palais d‘ Amour…« (1972) sind weniger Frage-Antwort-Spiele, als literarische Interventionen, die Fichtes »Empfindlichkeit« auch als »Empfänglichkeit« durchscheinen lassen.

Klar geht es um käuflichen Sex, um verbotene Liebe, die Inszenierung von Erotik, um Cruising, Schwänze, Obdachlose, Homosexuelle, Gammler – aber es fehlt jegliche Sozialpornografie. Was auch mit ein Grund dafür ist, dass diese Interviews nach Jahrzehnten sozialpornografischem Privat-TV-Voyeurismus nun paradoxerweise wirklich wie Literatur im Sinne von Fake-Interviews daherkommen.

Wie bei Proust geht es bei Fichte um die »Erforschung verschiedener Zeichenwelten« (Deleuze). Um Codes, Symbole, um Geheimnisse, die durch ihre ?bersetzung in Literatur jedoch keineswegs gebannt und fixiert werden können. Die geheimnisvollen Zeichen enthüllen sich als geheimnisvolle (eben verhüllte) Zeichen. Fichte selber ist/bleibt ein Geheimnis. Auch in den neunzehn Passagen des vorliegenden Bandes. Oder wie Kathrin Röggla in ihrem Text »Who the fuck is hubert fichte?« schreibt: »jedenfalls nicht irgendwer. und niemals in der einzahl. denn es gibt den st.pauli-fichte, den waisenhausfichte, den starclub-fichte, den kinderschauspieler-fichte, den synkretismus-fichte«.

Mario Fuhse (Hg.): 19 Empfindlichkeiten. Reaktionen auf Hubert Fichte
Männerschwarm Verlag 2010, 245 S. plus CD, EUR 19,90