Mouse on Mars © Nico Toma

Heart of Noise Festival 2022: Das Programm steht

Zwischen 2. und 5. Juni 2022 im Treibhaus in Innsbruck: Das Heart of Noise Festival (HoN) bringt Gabber-Grollen, Ambient fürs Klimaticket und Zeitlupen-Jazz in die Alpenmetropole.

Servas die Wadeln! In Innsbruck findet in diesem Jahr wieder das Heart of Noise Festival statt. Zwischen 2. und 5. Juni 2022 scheppert, knirscht und pfeift es, dass Tinnitus-geplagte Träumelinchen vor Freude den Gehörschutz inhalieren. Schließlich reist der experimentelle Sonderzug zwischen All-Inclusive-Ambient und Techno-Trail an, um das Laute zu praisen! Soll heißen: Wer zwischen Hofgartenpavillon und Treibhaus landet, findet nicht nur Hedonismus aus dem Heizkeller, sondern auch Kontemplation für die Kernschmelze. Dafür steht das Team um Chris Koubek und Stefan Meister mit seinem Namen – und einem Programm, das zu akuten Anfällen von Schwindel in Krach-Kreisen führt.

Bohren & der Club of Gore, die Düsterboys aus Mülheim an der Ruhr, spielen Musik, bei der sich nichts ändert, aber alles anders wird. Das Saxofon sorgt für Herzrasen bei Lynch-Fans, das Klavier saugt Aschenbecher ein, die Cool-Jazz-Attitüde mit der Sonnenkrankheit schreit nach dicken Ledergarnituren, Zigarren und Cognac in Kristallgläsern. Wer dabei nicht in sich geht, um aus sich herauszufahren, hat die Laster des Turbokapitalismus längst internalisiert. Wie man sie wieder ablegt, erfragt man bei DJ Marcelle. Die holländische Beckenschwimmerin mit Hang zum genialen Dilettantismus klescht seit 20 Jahren auf ihre Maschinen. Raus kommt, was raus muss. Ihre Sets sind der zur Musik gewordene Versuch eines Dreijährigen Kindes, in Microsoft Paint eine Katze zu zeichnen. Übrigens: Wer plant, die Schwiegereltern zu DJ Diaki auszuführen, sollte sich vorsorglich ein psychologisches Gutachten zulegen, damit man in einfacher Sprache belegen kann, noch alle Tassen im Ikea-Schrank zu haben. DJ Marcelle ist nicht ohne Grund Fan!

aya © Suleika Müller

Ähnliches gilt für PLF, das Dreiergespann aus Lukas König, Elvin Brandi und Peter Kutin. Gemeinsam leckt man an Klinkenkabeln – räudiger ist nur ein Schluck aus der Dose mit den Zigarettenstummeln. Salbeizuckerl für die verbrannte Seele verteilen dafür Space Afrika. Das Manchester-Duo produziert Musik, die so klingt, als hätte man die Beats aus Burials Geknistere operiert. Übrig bleibt eine Geschichte, die sich nur im Schatten der Nacht erzählen lässt, gerade dort aber die Wirkung zweier Schamanensessions entfaltet. Die hat aya längst besucht. Mit ihrem Post-Post-Club-Sound schreddert sie die Songs von SOPHIE und prägt mit TikTok-Industrial ein eigenes Genre. Das hat The Bug schon durchgezockt. Er kommt mit Rapper Flowdan nach Innsbruck, um den Palmen das Plastik auszutreiben. Auf derlei Zuschreibungen geben Mouse on Mars seit 28 Jahren ein vollgeschnäuztes Kleenex. Die Elektroniker aus Düsseldorf spielen ihre aktuelle Platte mit einer künstlichen Intelligenz und schaffen sich auf der Bühne vielleicht selbst ab.

Glitzer, Glanz und Gabber, Baby!

Wenn die »New York Times« sie porträtiert und »The Wire« nachzieht, darf skug nicht fehlen. Carmen Villain produziert Fallstudien für die Diplomarbeit zur Deep-Listening-Dröhnung – ein New-Age-Kosmos zwischen Astral Spirits, Laurel-Halo-Exegese und Silicon-Valley-Gurus, die unter Zitronenbäumen YouTube-Yoga zocken. Weil Johanna Scheie Orellana bisher auf allen Villain-Platten an der Flöte gesaugt hat, macht es Sinn, den beiden ein Doppelticket nach Innsbrooklyn zu checken. Vielleicht teilt man sich am Weg eine Verlegenheitstschick mit Leila Bordreuil. Die Französin hat zuletzt eine Platte in einer U-Bahn-Station aufgenommen und mit Machatscheks wie Eli Keszler und Thurston Moore gearbeitet. Außerdem zaht sie ihr Cello zwischen Berlin, London und Tokio auf die Bühnen. Da schleppt sich das Teil von selbst ins Treibhaus.

Weil man im Vergleich zu anderen Krachbumm-Festivals in Innsbruck noch Wert darauf legt, die heimische Kunstszene zu fördern, hauen sich neben Kenji Araki und Fabian Lanzmaier auch Electric Indigo und Otto Horvath in den Railjet nach Tirol. Araki ist ein Austro-Japaner, der irgendwo zwischen Hyperpop, Nirvana und einem Genderseminar die Basstaste gefunden hat. Lanzmaier kennen Kenner*innen als Treibgut im rauschenden Unterhölzern. Horvath free-trötet unter neuem Künstlernamen. Und Susanne Kirchmayr muss man nicht vorstellen. Die Frau steht wie keine andere zwischen Detroit und Dreiländereck für Techno aus der heißen Kammer.

Casual Gabberz © Casual Gabberz

Gut, dass mittlerweile auch Hardcore dem Menschen zumutbar ist. Schließlich gabbert es am HoN zur späten Stunde eher öfter als nie. Vor ein paar Jahren verlegte man den personifizierten Rave-Rausch in Form von Gabber Eleganza ins Haus der Musik. Jetzt kommen Casual Gabberz aus Frankreichs Bunkern, um dem Treibhaus-Treiber*innen bei 170 Beats in der Minute die Oberschenkel zu massieren. Deren brother from another mother sind Machine Girl – zwei Amis, die den Kaugummiautomaten aufbrechen, cringy Flyer drucken und sowieso in den späten 1990ern hängengeblieben sind. Weil aber eh alles wiederkommt, rauschen die Typen gerade mit Raver-Sonnenbrillen durch die Clubdecke. »Fucked-Up-Electronic-Punk« für Ihren ADHS-Haushalt!

Zum Runterkommen checkt man sich mit Martha Skye Murphy & Maxwell Sterling den Augen-zu-Ambient fürs Klimaticket, während Michaela Senn und Juliana Haider ein Theater machen. Bei Maya Shenfeld geht es weniger um die Leere im Sein, sondern um die Fülle des Werdens. Sie ist Komponistin, spielt Noten auf echten Synthesizern. Für Ableton filmt sie Tutorials, mit ihrer Yogalehrerin führt sie eine Punkband. »Namaste, Suckers!«, flüstert Judith Hamann. Sie doktortitelt am Cello zwischen Musikprotokoll und Munch-Museum und hat auf dem Ambarchi-Label Black Truffle ihren Entwurf von Elektro-Akustik veröffentlicht. Davon halten Senyawa gar nichts. Die Gruppe hat schon mit Stephen O’Malley, Damo Suzuki und Keiji Haino gekracht – mehr muss man über das indonesische Duo-Dröhnen zwischen Gurgel-Gesang und Individualreisen-Folk nicht wissen.

Den Timetable des Heart of Noise Festival 2022 gibt’s hier.

Link: https://www.heartofnoise.at