Danach gefragt, wie sich die Hitzelage in München anfühlt, gab mir ein Freund zur Antwort: Die Menschen sind resigniert, denn jetzt ist klar, »wir sitzen in der würdelosen Scheiße«. Dem ist wenig hinzuzufügen. Wir können jetzt unsere Fenster mit Alufolie bekleben, versuchen, unsere Erwerbsarbeit im Freibad zu machen (sofern dies remote erlaubt ist), und einfach schauen, dass wir genügend Flüssigkeit zu uns nehmen, bei möglichst geringer Anstrengung. Ein schönes Leben, das uns da bevorsteht. Hoffnung auf Verbesserung besteht nicht in historischen Zeiten. Das Klima kehrt (bei dem utopischen, sofortigen Stopp jedweden CO2-Ausstoßes) erst wieder zu der alten, freundlichen Version zurück, nachdem 10.000 Jahre vergangen sind – oder waren es 100.000? Wie auch immer, das wird die Menschheit, wie wir sie kennen, nicht mehr erleben, selbst wenn jetzt alles sehr gut läuft. Die einmal eingebrockten Schwierigkeiten bleiben und werden sich noch weiter verschärfen.
Sicherlich könnte wer Lust verspüren, nochmals die letzten zwei Bundeskanzler von der Volkspartei zu fragen, ob sie der Letzten Generation nun etwas zu sagen haben. Ob sie gar ihre Polemiken bereuen. Aber das aalglatte Kommuniqué aus den Wortbausteinen »Innovation«, »Standort« und »Technologie« kann man sich auch sparen. Es will lediglich sagen: »Die Macht in meiner Partei konnte und kann ich nur halten, wenn ich die jetzt notwendigen Änderungen zum – sagen wir, wie es ist – Überleben der Menschheit eben nicht durchsetze, weil die zu einer wirtschaftlichen und politischen Machtverschiebung führen werden, die als gefährlicher als der Hitzetod aller angesehen wird.« So weit, so betrüblich.
Hitze eint nicht
Neben all den unzähligen Problemen, die die Menschheit in die Situation gebracht haben, den vielleicht einzigen bewohnbaren Planeten im Universum unbewohnbar zu machen, scheint ein Stolperstein in der Hitze selbst zu liegen, denn die dient nicht gut zur Kampagne. Wäre die unübersichtlich komplexe Klimakatastrophe von Dauernieselregen und kühlen Temperaturen geprägt, ließe sich die Gegenwehr besser organisieren. »Wir wollen wieder Sonnenschein!« ist ein brauchbarerer Schlachtruf als der nach »coolen Orten«. Der Zugang zu diesen konnte beispielsweise während der ersten Hitzewelle im Juni 2026 von der Klimamusterstadt Wien dann doch nicht effizient und flächendeckend bereitgestellt werden, weil die Klimaanlage in der Hauptbibliothek aufgrund der Hitze ausfiel und niemand daran gedacht hatte, dass am Wochenende die meisten gekühlten Schutzräume geschlossen sind. Der Fehler ist typisch. Während Kälte lange und zäh zubeißt, ist Hitze hierzulande als ein vorübergehendes Phänomen abgespeichert, das ohnehin auch ein bisschen erfreulich ist. »Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?«, trällert der Schlager. Yeah, wir freuen uns auf die Hitze!
Im heruntergekühlten SUV spürt man die Hitze auch nicht so. Hitze kann mit den entsprechenden, sehr energieaufwendigen Maßnahmen zum Verschwinden gebracht werden. Während die Winterkälte auch im beheizten Zimmer enerviert, ist die Hitze im klimatisierten Raum scheinbar verschwunden. Wer sich dies leisten kann, meint, der »Hitzeopfer« auf Baugerüst, Rangierbahnhof und Spargelfeld nicht gedenken zu müssen. Die Klassenfrage zeigt sich in der Umgebungstemperatur beim Arbeiten. Wer beim Straßenteeren kollabiert, ist dann auch ein bisschen selbst schuld. Warum nicht einen höherwertigen Beruf lernen mit Zugang zu Klimaanlage? Entlang der Hitze ist schwer solidarisieren. Sie wird, je nach Konstitutionstyp, recht unterschiedlich empfunden. Manche Menschen sind hitzeresistenter, andere leiden bei 25 Grad schon wie die Hunde. Leid an Hitze gilt somit als individuelles Problem. Anders als Hunger, dem das Verhungern so eindeutig zuordenbar ist wie der Kälte das Erfrieren, fehlen bei der Hitze die Worte (»verhitzen« gibt es nicht, das Gegenstück zu »frieren« fehlt ebenso sprachlich). Somit ist die Hitze als Bedrohung ein bisschen: »Na ja, wird schon werden, der nächste Regen kommt bestimmt.«
Hitzegefahr wird aktiv geleugnet
Deshalb lassen sich Hitzetote auch so schwer zählen. Das unselige Angedenken an die Pandemie wird wach. Wer überhitzt in den Pool springt und stirbt, war alt, herzkrank oder angesoffen. Sprich, die Hitze war ja nur Beiwerk. Man ist nicht an der Hitzepandemie gestorben, sondern nur zum zufällig gleichen Zeitpunkt, an dem es 40 Grad im Schatten hatte. Die Hitzeleugnung findet sich überall. Wenn es heiß wird, reagieren die Medien dieser Welt mit Stockfotos von Schwimmbädern und Eis am Stiel. Warum nicht mit Bildern von ausgetrockneten Tierkadavern? Die Wetterfee im Fernsehen freut sich einfach trotzdem von ganzem Herzen, wenn sie Sonnenschein verkünden darf und keine bösen Regenwolken.
Es scheint an Hitzeangst zu fehlen. Die rechten Parteien leugnen die Hitzegefahren, dass sich die Balken biegen, weil sie wissen, dass sie hierzu nichts im Programm haben, außer Klimaanlagen für Altenheime zu fordern. Ein bezeichnender Schachzug: Die Alten brauchen Hilfe, wir Gesunden eh nicht, wir gehen zum Pool. Der Rest ist »Hitzehysterie«. Diejenigen, die ihr Geschäft mit dem Schüren von teils aberwitzigen Ängsten gemacht haben (Virile Ausländer klauen dir die Frau!), wissen auch gut, wie Ängste geleugnet werden, insbesondere, wenn diese komplexe und planetare Ursachen haben. Die »Festung Europa« hat keine Schutzmauern gegen Hitze und wird verbrennen wie alle anderen auch. Eine kuriose List des Schicksals wärmt den europäischen Kontinent allerdings schneller auf als die anderen. Darin könnte das Rettende liegen, weil die Hauptverursacher die Folgen schneller und stärker spüren und grundsätzlich die Mittel hätten, um etwas zu tun.
Als Gesellschaft schaffen wir es – noch – nicht, die Hitze so schrecklich und bedrohlich zu finden, wie sie ist, und das ist selbst wiederum sehr gefährlich. Noch ließe sich die Klimakatastrophe aufhalten. Die Instrumente dafür stehen bereit, müssen aber ordnungs- und wirtschaftspolitisch durchgesetzt werden. Der Kampf gegen die Klimakatastrophe kann nur planwirtschaftlich gewonnen werden und nicht von Unternehmer-Egos. Der Öffentlichkeit gut zureden hat man lange genug versucht. Jetzt müssen einige klimaschädliche Eskapaden einfach verboten werden. Für alle. Beispielsweise Privatjets am heißen Asphalt kleben lassen und konsequent auf Mobilitätsangebote für alle umsatteln. Sind doch schöne Begegnungen, wenn man neben Taylor Swift in der Holzklasse im Flugzeug sitzt, weil sie zum nächsten Gig muss und es andere Möglichkeiten des Flugverkehrs einfach nicht mehr gibt. Ein tolles Gefühl: Wir kämpfen gemeinsam gegen die Hitze – vielleicht macht Taylor ja mal ’nen Song darüber.











