Für Stadt und Land

Kritisch, aber stets respektvoll – Dieter Ringlis Buch über die Schweizer Volksmusik stellt Zusammenhänge dar und bietet damit eine aufschlussreiche Bestandsaufnahme.

Ein lauer Sommer am eigenen Wohnort, mit einer spannenden Lektüre zur Hand, ist anregend und erholsam zugleich. Statt Safari oder Sightseeing also bloß Tourist-Watching, was wiederum bemerkenswerte Streifzüge nach sich zieht. Vorbei an Kiosken, dort etwa erheitert sich die Gemütslage der vielen Fremden ganz und gar offenkundig. Die Reisegäste decken sich mit Postkarten ein. Ihr klar bevorzugtes Motiv: ein rotwangiger Älpler in enger Umschlungenheit seines Alphorns. Sein Blick streift zufrieden die Weiten des Tales, das Alphorn steht blasbereit treu bei Fuß.
Was vermutlich nicht einmal die meisten Einheimischen wissen: Bis um 1800 war »das Kind aus den Bergen« so gut wie unbekannt. Das Alphorn, das heutige Symbol der Schweizer Volksmusik schlechthin, existierte nur als Legende. Ehe Pepe Lienhard seine »Swiss Lady« wochenlang in die Charts erhob, fristete das langhalsige Lock- und Signalinstrument ein kümmerliches Gassendasein. Um die Bettelblaserei – so hieß das damalige meist dilettantische Alphornblasen mit dem einzigen Zweck, den Touristen ein paar Münzen zu entlocken – wurde lange ein weiter Bogen gemacht. Richtig Fuß fassen konnte das Alphorn erst im Zuge der Geistigen Landesverteidigung. Alfred Leonz Gassmann schuf 1938 mit dem »Alphornbüechli« ein noch heute im Handel erhältliches Standardwerk des Alphornspiels. Von da an verbreitete sich das Alphorn unaufhaltsam in der Schweiz und als Exportartikel bis nach Japan.
Volksmusik klingt einfach, ist aber eine weit kompliziertere Sache als bisher angenommen. Ihr wird vorgeworfen, sie sei simpel, doch gerade der Begriff Volksmusik ist ebenso verbreitet wie umstritten. Es mag einen wie ein wundersamer Antonius-Alpsegen berühren, nimmt sich nun Dieter Ringli dieser simpel-schwierigen Sache an. Der Musikethnologe ist ein profunder Kenner und legt mit seinem Buch »Schweizer Volksmusik von den Anfängen um 1800 bis zur Gegenwart« ein ebenso umfassendes als auch gut geschriebenes und zum Lesen höchst vergnügliches Werk vor. Was aus diesem beispiellosen Buch hervorgeht – Ringli ist kein am Schreibtisch brütender Forscher, der eine »Stubete« nur vom Hören sagen her kennt. Der 39-jährige Oberassistent an der Universität Zürich reist überall dorthin, wo Musik passiert, nimmt sich die ausführliche Zeit und spricht mit den Musikern. Keine theoretisch-musikwissenschaftliche Kopfmusik, es »kuhdreckelet« herb. Aber am Ende stehen komplexe Zusammenhänge übersichtlich und deswegen nicht minder anspruchsvoll zum Studieren bereit. Das Buch trägt sehr kritische Züge, etwa wenn Ringli die Geschichte unserer Volksmusik auch als eine Geschichte der Erstarrung erzählt. Dies wird in deren Entwicklungsgeschichte anhand des Volksmusikpapstes Wysel Gyr dargestellt. Zwar habe der kernige Leiter des Ressorts »Heimat« beim Schweizer Fernsehen DRS einiges zur Verbreitung und Popularität der Ländlermusik beigetragen. Gleichzeitig führte seine offenkundige Sympathie für Rechtsaußenpolitik (»Nationale Aktion«) dazu bei, dass die Volksmusik in die Heimatkunde- und Patriotenecke getrieben wurde. Hände weg, sagte man sich in links der Mitte organisierten Politkreisen, die der damals gerade aufkeimenden Folk-Music-Bewegung eigentlich sehr zugetan waren. Die schunkelselige Fernsehabend-Biederkeit rettete die volksmusikalische Struktur, die ursprüngliche Lebendigkeit blieb aber weitgehend auf der Strecke.
Comeback in den 70er-Jahren, Pluralisierung in den 80er-Jahren, Beliebigkeit in den 90er-Jahren – Ringli zeichnet die musikgeschichtliche Entwicklung der Volksmusik nach, zeigt wie sie letztlich Eingang in die Schweizer Rock- und Populärmmusik bis hin in die jüngsten Trends fand. Und auch darin kennt sich Dieter Ringli hervorragend aus, weshalb er als Fazit und Ausblick festhält, dass erstmals seit Jahrzehnten die Schweizer Volksmusik von weiten Kreisen der Bevölkerung wieder als spannend empfunden werde. Das lässt auf eine fruchtbare Weiterentwicklung in den nächsten Jahren hoffen.

Dieter Ringli: »Schweizer Volksmusik von den Anfängen um 1800 bis zur Gegenwart« (Mülirad-Verlag, Altdorf 2006)