Finger weg vom Unverbrauchten!

Kann man spontan schreiben? Surrealisten hin, das Reale her: In der Zeitschrift »texte« wurde letztens über Spontaneität geschrieben! Und weil’s so toll ist, gibt’s auch gleich ein Fest dazu. In der Garage X wird dem Ganzen auf den (Unter-)Grund gegangen, Seite an Seite mit Slavoj Žižek, unserm exquisiten Überraschungsgast!

Es ist gemeinhin untersagt, von Spontaneität zu sprechen, über sie zu schreiben oder sie zu lehren. Und wenn es denn tatsächlich möglich wäre, das Unerwartete, Ungeplante und Unbeherrschbare der Spontaneität zum Gegenstand des Schreibens und Denkens zu nehmen, dann müssten die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes der Zeitschrift »texte – psychoanalyse. ästhetik. kulturkritik« nach §278a StGB wegen Bildung einer kriminellen Organisation belangt und in unser aller Interesse gerichtet werden. Denn die Spontaneität will uns nichts Gutes nicht.

Doch der Reihe nach, von vorne weg. Wir haben es mit einer Publikation des Passagen Verlags zu tun. Vor uns liegt das Heft 02/09, des im 29. Jahrgang zirkulierenden Periodikums für wache Geister, die gerne auf den zusammen versiegelten Parketten der untertitelgebenden Disziplinen tanzen. Von der Frage nach den Ursachen des Alltäglichen und Abwegigen getrieben, meinen die im Folgenden namentlich an den Pranger gestellten ProponentInnen, das allerhöchste Gut unserer herrschenden Verhältnisse in die aufklärerische Mangel nehmen zu müssen: die Spontaneität, das Unerwartete, das Unverbrauchte.

Zungenbrecher aller Länder

Die Kunsthistorikerin Brigitte Borchhardt-Birbaumer reflektiert in ihrem luziden Streifzug durch die mitteleuropäische und amerikanische Kunst der Sechziger-, Siebziger- und Achtziger-Jahre des 20. Jahrhunderts die Spontaneität als Schlagfertigkeit, Enthemmung und produktive Zerstörung. Der psychognostische Doyen der Darmstädter Schule, Rudolf Heinz, nimmt in seinem Beitrag Abschied von den großen, verdichteten Worten und vertieft sich in die todesangstgehetzte (sic!) Entstehung der panischen Autonomie. Der Philosoph Roman Widholm vermeint mit Jacques Lacan, Roland Barthes und Maurice Blanchot die Objektursache eines jeden Handelns aus Angst in den wissenschaftlichen Methoden der Betreuung von Menschen mit Autismus zur Kenntlichkeit entstellt isolieren zu können. Der Kommunikationstheoretiker Ivo Gurschler versucht es zunächst mit »Arendt«, kommt dann – über John Dewey bzw. mit F. M. Alexander – auf nicht exklusive-diskursiv verfasste Technologien des Selbst zu sprechen und endlich vor Frère Bartleby zum gut positionierten Stillstand. Unter ständiger Rücksicht auf Louis Althusser, Gaston Bachelard und Baruch de Spinoza verfolgt der Kulturwissenschaftler Robert Pfaller die materialistische Trennung von Wahrheit und Illusion und kämpft um unser Glück, als wäre es ein Glück (sic!). Der Psychoanalytiker und Philosoph Karl Stockreiter schreckt vor gelegentlich unvermeidlichen Sprengungen nicht zurück, schlägt sich auf die Seite des Lustprinzips und beschreibt Wege zum Zusammenbruch des Phantasmas unter der Last der Lust. Und schließlich erdreistet sich der fabelhalfte Schreiberling Bodo Hell, den Gluthaufen der Spontaneität im Feuerschein seiner sprachlichen Brandrodungen anzufachen, um im Vorübergehen einen Zusammenhang zwischen Alpengendarmen und schreckhaften Rössern in den Raum zu stellen.

Pop the Diskurs!

Als wäre dieser Angriff auf unsere Freiheit, auf das Phantasma, das Unverbrauchte auch weiterhin als Unverbrauchtes zu bewahren, um weiterhin von einem zukünftigen Verbrauch des Unverbrauchten träumen zu können, nicht ohne Folgen geblieben, wollen die HerausgeberInnen und AutorInnen dieses Bandes nun – feiern! Das Erscheinen des Heftes soll zelebriert werden. Und skug wird auch mit dabei sein! Da die Beteiligten um die abscheulich abschreckende Wirkung von »Spontaneität« nur allzu gut Bescheid wissen, locken sie mit vordergründigen Events. Den Popstar unter den Philosophen haben sie eingeladen. Eine Žižek-Festrede zum Unerwarteten, dazu eine Prise skug, anlässlich der Publikation von »texte« 02/09. Na wenn das mal gut geht.

»texte« Heft 02/09: »Spontaneität – unerwartet. ungeplant. unbeherrschbar«. Wien: Passagen Verlag 2010, 102 Seiten, EUR 18,-