Oktolog im Alten Schl8hof Wels © Christoph Dorfer

Feriencamp für Kulturschaffende

Beim Oktolog hatten ca. dreißig Künstler*innen acht Tage lang die Möglichkeit, im Alten Schl8thof Wels in eigens bereitgestellter Infrastruktur Projekte zu realisieren, zusammenzuarbeiten und sich zu vernetzen. Der Erlebnisbericht eines Interessierten, der für skug als »embedded artist« mit dabei war.

Den Ausdruck »schön wie Wels« gibt es aus gutem Grund nicht. Die oberösterreichische Kleinstadt mit etwas mehr als 60.000 Einwohner*innen nahm zwar, was Demographie, Arbeitsmarkt, Wirtschaft und Innovationsaspekte betrifft, österreichweit im Zukunftsranking 2016 einen Platz unter den ersten zehn, was Lebensqualität betrifft, sogar den ersten Platz ein. Davon zu spüren ist allerdings, besonders in der Innenstadt, nicht sehr viel. Der Gastgarten beim Quoten-Inder ist mäßig voll, ein Cabriofahrer zeigt klischeegemäß lässig den Ellbogen und grüßt miniberockte, junge Frauen mit Einkaufstüten, abends gibt es Schlägereien vor modern glasbetürten Lokalen, die die Umgebung mit Helene Fischer beschallen. Abseits der Innenstadt ist es duster und die Trottoirs werden nach Ladenschluss hochgeklappt. Es wirkt, als ergebe sich das hohe Ranking der vorgelegten Statistik vor allem durch die Inbezugnahme von Daten, die sich auf hauptsächlich am Stadtrand angesiedelte Gewerbe- und Industriebetrieben stützen.

»Was Kultur betrifft, war Wels immer schon ein hartes Pflaster, aber seitdem die Blauen in der Stadtregierung sitzen, ist es noch schlimmer geworden«, meint Walter vom Kulturverein Waschaecht. Besonders politische, antikapitalistische, antirassistische und antifaschistische Aktivitäten des Schl8hofs missfallen dem blauen Welser Bürgermeister nach Aussagen einiger Befragter vor Ort. Im Mittelpunkt der Initiative rund um den Schl8hof stehe schon immer, einen aktiven Knotenpunkt zu generieren, an dem sich viele Initiativen treffen können, anstatt eine Segregation vorzunehmen und eine exklusive (Party-)Szene zu bilden. Ein Grundmotiv sei, wie im Wiener WUK, die Vernetzung von verschiedenen Partizipient*innen (Jugendzentrum, Trödlerladen, Werkstatt, Veranstaltungshalle usw.), um ein gemeinsames Kulturprojekt zu bilden. Auf diese Weise sei der Schl8hof eine Art Kulturlabor. »Für Jugendliche gibt es außer dem Schl8hof gar nix, außer den typischen Copy-Paste-Lokalen, in denen Geld vor Verwirklichung steht«, moniert eine junge Welserin, die die Initiative als einzige Alternative zum Konsumzwang in ihrer Heimatstadt sieht.

Alter Schl8hof und Oktolog-Einladung
Der Schl8hof besteht seit über dreißig Jahren und bietet ein wahrlich versatiles Programm in einem dezidiert freien und offenen Raum für Kunst, Kultur und soziale Belange. Neben Musikveranstaltungen, zu denen etwa die Reihe Music Unlimited gehört, mit der ein relativ einzigartiges Festival für vorwiegend improvisierte Jazz- und Neue Musik geschaffen wurde, gibt es Proberäume, die besonders, aber nicht ausschließlich, für noch wenig bekannte Bands zur Verfügung gestellt werden, eine Frauenwerkstatt, das Jugendzentrum D22, ein Zentrum für Streetwork, die Kunstwerkstatt Raum, die neben der Möglichkeit, Siebdruck zu betreiben auch eine Fahrradwerkstatt beheimatet, und zig Quadratmeter an Wandfläche, die legal für Streetart genutzt werden können. Trude Kranzl, ehemalige Leiterin der Dienststelle Kultur und Gründungsmitglied von KI, neben 1Topf und Impulse einer der drei Initialvereine der Schl8hof-Initiative, bezeichnet in einer 2010 erschienenen Publikation anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Lokalität die Idee, nicht nur den Kultur-, sondern den Jugendausschuss als Geldgeber in Betracht zu ziehen, als »Geniestreich«, weil sich daraus die Möglichkeit ergebe, indirekt an Geldmittel für Kulturarbeit zu gelangen, die direkt nicht zu bekommen seien, und gleichzeitig etwas für Jugendliche tun zu können. Auch das Oktolog wäre, so eine leitende Mitwirkende des Festivals, Theresia, ohne einen Kids Day und die damit verbundenen Förderungen schwer zu stemmen gewesen. Im Ganzen stellt der Alte Schl8hof inmitten des ansonsten wenig herausragenden Städtchens Wels ein Kuriosum dar, eine Oase für Alternativen Suchende und Labsal für Kreative auf der Suche nach Sinn abseits der bloßen Lebenserhaltung, verbunden mit einer stets mitgedachten »sozialen Idee«, wie es Florian, einer der Mitwirkenden beim KV Waschaecht, betont.

Im März diesen Jahres wurde dazu eingeladen, sich für das Oktolog, ein »ideales Terrain […] zum Kennenlernen & Vernetzen, Suchen & Finden, Ausprobieren & Verbessern, Kommunizieren & Austauschen, Entwickeln & Vermitteln, Vorantreiben & Verwerfen, Wiederaufnehmen & Vollenden«, anzumelden. Gelingen sei gestattet, Scheitern aber genauso erlaubt. An acht Tagen – von 28. bis 25. August – hätten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, die Infrastruktur vor Ort für die Verwirklichung ihrer Projekte zu nutzen. Zu dieser gehören ein großer Veranstaltungssaal mit Bühne, eine Werkstatt mit verschiedenen Gerätschaften, mehrere Ateliers, diverse Seminar- und Workshop-Räume, ein großes Freigelände, eine Küche und Bar sowie günstige, frische, auch für Vegetarier*innen und Veganer*innen geeignete Verpflegung und Übernachtungsmöglichkeiten. »Inspiration & Wissenstransfer: Workshops, Vorträge und der Austausch mit Kolleg*nnen« stünden im Vordergrund. Abschließend sei eine öffentliche Präsentation der realisierten Projekte geplant.

Werkstattimpressionen vom Oktolog © Christoph Dorfer

Festivalstimmung und Kids Day
Am 18. August reisten Künstler*innen aus Deutschland, verschiedenen Regionen Österreichs und sogar Australien an und richteten sich an verschiedenen Orten am Gelände ein. Viele kannten einander bereits, andere lernten die übrigen Mitwirkenden beim gemeinsamen Abendessen in der Mensa, dem ehemaligen Labor des Schl8hofs und dem inoffiziellen Hub des Festivals, kennen. Spätabends saß man im Hof und unterhielt sich mit Welser Jugendlichen, die den Schl8hof regelmäßig frequentieren. Bereits kurz nach dem Eintreffen begannen viele Festivalteilnehmer*innen damit, Vorbereitungen für ihre Vorhaben zu treffen. Es wurden Kisten geschleppt, Werkzeuge waren zu hören und innerhalb kürzester Zeit gab es bereits erste »Ready-mades«, die erahnen ließen, was sich in den nächsten Tagen abspielen sollte.

Beim ersten Rundgang am nächsten Morgen war bereits einiges zu sehen: Eine Gruppe Kölner Künstler*innen hatte ein Elektrotechniklabor eingerichtet, das in den folgenden Tagen einige nützliche Gadgets verlassen sollten, einige Künstler*innen aus dem Textilverarbeitungsbereich saßen an großen Tischen im Veranstaltungssaal und unterlegten aus den PA-Lautsprechern tönende Musik mit Nähmaschinensurren und Scherengeklapper, im Backstage-Bereich wurden zwei Dry-Room-Recording-Studios eingerichtet, ein Zeichner, der seinen Arbeitsplatz für die Zeit des Festivals nur noch sehr selten verlassen sollte, ein Maler und ein Skulpteur richteten sich in einem hellen Raum mit Blick zum Hof ein, dahinter bot eine DIY-Künstlerin Workshops zum Erlernen von Papierschöpfen an, ein Klangkünstler adaptierte einen kleinen Seitenraum für eine geplante Klanginstallation, bei der durch Prismen gestreute Laserstrahlen projiziert werden sollten. Nebenan saßen Mitwirkende, die planten, an ihrer Doktorarbeit zu arbeiten, und die sich ein Atelier mit drei Malerinnen teilten, eine Künstlerin saß auf einem Gerüst und legte die Outlines für ein großflächiges Graffito im Hof, eine Künstlerin konstruierte Liegestühle aus Sperrholz, ein anderer reparierte ein Fahrrad, das zum Gemeinschaftsrad avancieren sollte, die zur Verfügung stehende Siebdruckanlage wurde genutzt, um T-Shirts mit dem Logo des Festivals zu bedrucken, im Hof wurden Vorbereitungen zur Installation eines Whirlpools getroffen, dessen zwei Ebenen mit einem kleinen Wasserfall verbunden sein sollten, und in der Küche waren drei Beteiligte und gleichzeitig die »guten Seelen« des Festivals damit beschäftigt, aus teils erworbenen, teils als Geschenke vermachten Lebensmitteln das Abendessen zu kochen. Sägen kreischten, PC-Komponenten standen auf Biertischen im Freien, Spraydosen wurden geschüttelt, Mitfahrgelegenheiten zu Baumärkten und Stoffgeschäften organisiert, Gemüse mit Starkstrom gegrillt, Hasengitter geschnitten, großflächige Drucke in Auftrag gegeben, Federn in Tusche getunkt, Flöten aus Bambusholz gebaut, aleatorische Klangkonstrukte mit Musikprogrammen generiert, zwischendurch gemeinschaftlich »eine geraucht« und überall waren Gelächter und angeregte Gespräche zu hören: »Kannst du mir bitte kurz helfen?«, »Wie würdest du das machen?« und »Schauen wir kurz zu X, die/der hat was dabei, das dir helfen könnte.« Im Eingangsbereich des Alten Schl8hofs befand sich eine große Wand, auf der Termine für Linoldruck-, Siebdruck-, Papierschöpf-, Tuschezeichnen-, Fotographie-, Vocal-Editing- und Light-Painting-Workshops und gemeinsame Aktivitäten wie etwa Chorsingen, Jam Sessions mit den anwesenden und an einem Tag mit dem im Schl8hof gegründeten GIS-Orchestra, das einen Conducted-Improvisation-Nachmittag anbot, und Stadtbesuche eingetragen wurden. Es gab sogar die Möglichkeit, sich für nachmittägliche Massagen einzutragen.

Am Dienstag besuchten außerdem drei Pädagog*innen das Festival mit einer Handvoll Schüler*innen, die mit Begeisterung die laufenden Arbeiten beobachteten, an manchen teilnahmen und im Allgemeinen die Künstler*innen ordentlich auf Trab hielten. Es war vom ersten bis zum letzten Abend Usus, dass bis weit in die Morgenstunden geredet, gesungen und getanzt wurde. Die einzige Ausnahme bildete der Abend des Kids Days. Trotz des notwendigen Energieaufwands waren jedoch alle Befragten froh über die friedliche und lustige Kinderinvasion, im Zuge derer ein paar sehr ansprechende Kunstwerke entstanden, welche die restliche Zeit des Festivals über am Gelände zu finden waren.

Oktobird © Christoph Dorfer

Abschluss und Ausblick auf 2019
Die Atmosphäre war zu jeder Zeit sehr entspannt. Es wirkte, als sei das Schl8hofgelände durch das Zutun der Künstler*innen über den Ereignishorizont in ein Zeitloch gerutscht. Das lag wohl vor allem daran, dass die überwiegende Mehrzahl der Beteiligten einen fast schon »hippiesken« Lebensstil zu pflegen schien, was zu der Stimmung eines »Ferienlagers« für Menschen, die aufgrund ihres recht prekären Lebenswandels nicht viel mit »Ferien« oder Urlaub zu tun hatten, passte. Ob allen Mitwirkenden bewusst war, dass diese Atmosphäre immer eine Illusion darstellt, die nicht langfristig aufrecht erhalten werden kann, ist nicht genau zu sagen, aber zumindest war der Wille spürbar, eine Atmosphäre des konstruktiven, friedlichen, integrativen und involvierten Umgangs miteinander zu erzeugen – alle empfanden sich als Teil einer »creative bubble«, in der, zumindest für die Dauer des Festivals, der Weltschmerz ausgesperrt wurde. Diese Ambition erzeugte allerdings nicht bloß einen sektenhaften Zwang zur Freundlichkeit, sondern hielt auch kritische, aber stets konstruktive Stimmen aus, die die gegenwärtigen politischen Verhältnisse, besonders als Künstler*n erlebt, thematisierten. Es entstand eine kleine »Seitentasche« der Welt, in der es möglich schien, Kunst, kreative Entfaltung und unterstützendes Miteinander in vollen Zügen auszuleben. Diese Atmosphäre erzeugte ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, das wohl für die – aufgrund des schlechten Wetters leider nicht sehr zahlreichen – Besucher*innen des Abschlussabends nicht leicht nachzuvollziehen war. Die ausgestellten Kunstwerke und Klanginstallationen, die eine Manifestation der vorangegangenen Woche bildeten, vermochten, obwohl sie vom Publikum mit Interesse und wohlwollend wahrgenommen wurden, den performativen Charakter des Festivals nur bedingt widerzuspiegeln. »Man muss halt dabeigewesen sein …« könnte als Motto für die Ereignisse gelten.

Am letzten Tag herrschte allgemeine Wehmut darüber, die »bubble« nun verlassen zu müssen. So gut wie alle Teilnehmer*innen blieben bis zum späten Nachmittag des letzten Tages und nicht ganz die Hälfte von ihnen machte sich an dem Tag auf, um zur Schmiede zu fahren, einem dem Oktolog vergleichbaren Festival, um ihre Reise auf der Suche nach kreativem Input und künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten fortzusetzen. Es dominierte allerdings die einhellige Meinung, dass das Festival im Alten Schl8hof, besonders aufgrund seiner familiären Stimmung, dem Halleiner Festival, an dem über 300 Künstler*innen mitwirkten, vorzuziehen sei. Im nächsten Jahr wird es im August wieder ein Oktolog-Festival geben und der Autor dieses Artikels wird mit ziemlicher Sicherheit wieder dort anzutreffen sein.

Teilnehmende Künstler*innen 2018
Christina Althuber, Tim Becker, Maria Czern, Jasper Diekamp, Christoph Dorfer, Lotta Gaffa, Katja Greindl, Günter, Bernd Gutmannsbauer, Judith, Hanna Kristitz, Christoph Kummerer, Matthias Krauß, Mel & Paul, Redi Made, Christian Mairinger, Theresia Meindl, Oktolog Kids, Alexandra Reichart, Cali Sandflo, Jakob Schauer, Lisi Schedlberger, Michaela Scheer, Elias Takacs, tinski, Kerstin Unger, Anna Schauberger, Walter Vorhauer, Florian Walter.

Link: http://www.oktolog.at