Felix Profos - Multimedialer Wiederbeleber

Einen fassbaren Einblick in das stets von Experimentierlust getriebene Komponieren von Felix Profos zu erhalten, scheint zunächst nicht einfach. Seine Klangwelt ist oft wunderlich und/oder verstörend; »harzig«, wie mancher schnell hingeworfen zu meinen vermag.

»Come to Daddy« (2000), das erste Stück auf dem von der schweizerischen Migros-Genossenschafts-Bund unterstützten Grammont Portrait-Label, nimmt Bezug auf den gleichnamigen Titel von Richard David James, popbesessenen Electronic-Freaks besser unter seinem Pseudonym Aphex Twin bekannt. Auch seine Musik ist eine Attacke auf etablierte Hörgewohnheiten: Willkürliche Tempiwechsel sorgen für Verwirrung, subsonische Bässe verbinden sich mit schneidenden Höhen, beruhigende Ambientklänge schlagen unvermittelt in Breakbeatsequenzen um. Profos‘ »Daddy« ist für Violine, Keyboard und Installation mit Soundtrack komponiert. Die dazugehörige Installation zeigt eine Plastik-Babypuppe mit einem großen Kopfhörer, verschiedenfarbig von einem Fernseher angeleuchtet. Der Soundtrack des Stücks klingt mit hinkendem Schlagzeug und verzerrter Kinderstimme im Kopfhörer überlaut nach. Wie Aphex Twin, so ist auch Felix Profos ein behänder Klangbastler, nicht im Sinne eines einfach gezimmerten Bricoleurs, sondern jemand, der sein Kompositionshandwerk hervorragend versteht und herkömmlichen Klangfundstücken stets neue Aspekte des Hinhörens abgewinnt.

Der Winterthurer gehört einer jungen Komponistengeneration an, die wie selbstverständlich und souverän den Umgang mit der »sakrosankten« Avantgarde-Musik und der »unheiligen« Pop-/Rock-Musik pflegen und ohne dabei Dünnwässrig-Banales zu schaffen. Auf der Porträt-CD ist ein großer Teil seiner bevorzugten Interpretinnen und Interpreten versammelt. Wichtige Wegbegleiter, die mit Felix Profos über Jahre hinweg in verschiedensten Situationen zusammen gearbeitet haben: Seine Frau, die georgische Pianistin Tamriko Kordzaia, Rahel Cunz (Violine), aber auch der virtuose Saxophonist Raphael Camenisch, die beiden »Grenzgänger zwischen den Stilen« par excellence: Pianist Dominik Blum und Schlagzeuger Luca Niggli.

Nebst den drei Stücken Force majeure« (ein Kammerwerk u.a. mit Conrad Steinmann und dem Mondrian Ensemble), »Pink Chips« für Klavier und Soundtrack und »Pai« für zwei Klaviere/Keyboards und Soundtrack kommt dem Stück »Zwang« (2000) für Orchester eine besondere Bedeutung zu. Die Erstaufführung durch das Orchester Musikkollegium Winterthur vor sieben Jahren führte zu einem kleinen Skandal, und auch der »NZZ«-Kritiker fühlte sich damals wohl zunächst nur vor den Kopf gestoßen (er revidierte aber später massiv seine Meinung). »Zwang« ist eine Art Pseudo-»Bolero«, Ravels Originalversion schimmert zwar auf weiten Strecken erkennbar durch. Profos jedoch betreibt in seiner Komposition ein subversives Spiel mit vertrauten Klängen und lässt diese in einer schrillen Banalität immer wieder ins Lächerliche kippen. Hört man sich seine, wenn man so will, remixte Coverversion öfter an, so taugt das Original lediglich noch als Handy-Klingelton oder spießigen Erotikmuffel als akustische Vorspielnummer (wie etwa im Kinofilm »Zehn – Die Traumfrau«, mit Bo Derek). Profos‘ »Zwang« hingegen bringt wohl ganz im Geiste Ravels jene ungezügelte und atavistische Wildheit zurück. Ein musikalischer Parforceritt mit spritzigem Höhepunkt (Südwestdeutsche Philharmonie Konstanz, unter der Leitung von Marc Kissoczy).

Felix Profos: »Grammont Portrait« (MGB CTS-M 109)