Durian

Ohne Beats in den Dauerloop

Beim Abarbeiten diverser Linklisten von vertrauenswürdigen Websites findet man sich nach einem nicht allzu langem Zeitraum unweigerlich auf der Homebase von Werner Dafeldecker und Uli Fussenegger ein. Der umfangreiche Katalog pendelt stilistisch zwischen neuer und Neuer Musik, die mit großem Überlappungsbereich Elektronik und Akustik abdeckt.
Dabei gibt es keine explizit ausformulierten Kriterien, denen Klangkünstler entsprechen müssen, außer vielleicht eine gewisse Distanz zu aufdringlichen Beats und konkreten Mustern. Wenn überhaupt, manifestieren sich klare rhythmische Muster auf einer sehr abstrakten Ebene. Das führt dann bis zur Streckung eines Loops auf komplette Track- oder Tonträgerlänge.
Unter diesem Gesichtspunkt bescheren einem etwa die fünf Stücke auf »Polwechsel3« (Dafeldecker, Butcher, Moser, Stangl) sehr intensive Hörerlebnisse, die meine persönliche Enttäuschung früherer Begegnungen mit diesem Improvisationskollektiv wieder vergessen lassen.
Auf eindrucksvolle Art und Weise stellt sich so etwas wie eine Verlangsamung des Zeitkontinuums ein. Beim ersten Hinhören möglicherweise zu berechnend anmutende Geräuschkulissen entpuppen sich durch ihre extreme Skelettierung als Bausteine einer Musikform, die zu kategorisieren niemanden mehr vom aktiven Hören ablenken sollte.

Nicht nur aus rein ökonomischer Sicht verstehe ich bei den aktuellen drei Veröffentlichungen auf Durian auch den totalen Verzicht auf gedruckte Versionen der Booklets. Die Infos zu den Werken und den Beteiligten ergattert man unter Befolgung der auf der CD selbst vermerkten Links. So kann sich im Grunde jeder mit einem Editierprogramm seiner Wahl einen Beipackzettel zusammenstellen, oder wahrscheinlich nicht.
Die Entstehungsgeschichte von Peter Brandlmayrs »Aparatur zu den Grundlagen der Physik I« mit den »Experimenten 01-05« sprengt ohnehin den Rahmen jedes dem Rezipienten zumutbaren Heftchens.
Umso überschaubarer gestalten sich die Höreindrücke der erklingenden diy-Instrumentarien. Der interdisziplinär sehr umtriebige Clemens Gadenstätter nutzt hingegen die Qualitäten der Streichersektion des Klangforum Wien und des Ensembles Neue Musik für die Realisierung seiner sehr frischen Kompositionen, die sich klanglich weit in den zum Großteil von elektronischen Instrumenten beherrschten Klangraum vorwagen. Auch hier also die Verweigerung der Vereinnahmung durch ein bestimmtes »Lager«. Feine Arbeiten also, die uns die nötigen Erholungsphasen vom kommerziellen Lärm angenehmer gestalten.

www.durian.at