Lamè Gold

dto.

Payola

Auf seiner 1999er Solo-CD »Testarchiv« (Disko B) ließ Albrecht Kunze den Tonarm seines Plattenspielers auf Forschungsreisen gehen. Was diesen entweder in gute Stimmungen versetzte oder Schaden anrichten ließ. Beides zusammen ergab dann u.a. herrlichste Tracks über den im Drogenrausch ertrunkenen Beach Boy Dennis Wilson. Mit Lamé Gold unternimmt Kunze Ähnliches, nur mit anderen Ausgangsmaterial. Und da werden zuerst einmal Bauklötze gestaunt. Denn Kunze bedient sich diesmal bei Klassik-Streichern. Ein Unterfangen, das ja schon von diversen Wolfgang Voigt?schen Gaszuständen her bekannt und speziell in der Post-»Zauberberg«/»Königforst«-Phase nicht gerade unproblematisch war und ist. Demgegenüber stellt sich bei Kunze die Frage nach einer »deutschen Identität« ohne Schwere und Pathos (Wagner) gleich gar nicht. Kommen doch seine Streicher-Samples auch eher ursprungslos daher und werden zudem mit zerbruchgestückelten Beats quergeschlossen. Wobei sich in den schönsten und spannendsten Momenten (und davon gibt es hier genug) besagte Streicher-Samples mit der Zeit quasi selber abstrahieren und zu reinen Soundwellen ohne noch irgendwie mögliche Quellenangaben werden. Auch weil Kunze nicht auf Loops als geschlossene Systeme baut, sondern seine Schleifen immer wieder öffnet, neu montiert und gegeneinander ausfransen und ineinander greifen lässt. Das hat was von den analogen Tape-Delay-Experimenten von Fripp/Eno Mitte der 70er und verhält sich schlussendlich in etwa zu Wolfgang Voigt wie Niklaus Schillings schroff mythenzerlegender 70er Jahre-Klassiker »Rheingold« zu Filmen von Hans-Jürgen Syberberg.