© Tina Hochkogler

Diskutieren mit Diktatoren - Teil 2

Ein aktualisierter Blick auf die uralten Tricks diktatorischer Diskussionsverweigerung. Die Grenze zur Psychopathologie wurde schon längst überschritten. Vermutlich nicht nur in den USA.

Vor ziemlich genau einem Jahr nahm skug jene Tricks unter die Lupe, derer sich DiskutantInnen bedienen, die nicht diskutieren wollen. Was damals aufgezeigt wurde, hat seine Gültigkeit bis heute bewahrt. Insbesondere die schopenhauerschen Analysen behielten ihre Gültigkeit und mit ihnen der Beleg, dass alle rhetorischen Kniffs seit langem bekannt sind. Nur, die Entwicklung hat sich seit letztem Jahr derart verschlimmert, dass eine ergänzte und aktualisierte Liste erforderlich scheint.

Wer möchte, kann die Kniffs »Unterbrechen«, »Themawechsel«, »Verschleppen und Abwandeln« und »falsche Schlussfolgerung« hier nachlesen. Für sie alle lassen sich tagtägliche Beispiele finden. Aktuell zeigen sich einige besonders unverschämte Tricks. Ob diese der Verzweiflung der AkteurInnen geschuldet sind oder ob gerade eine noch verdorbenere Medienwirklichkeit aufzieht, in der diese, schon an Formen der Psychopathologie hereinreichenden, Phänomene die neue Normalität darstellen, wird sich zeigen.

Beende die Objekt-Permanenz

Die Beraterin des US-Präsidenten Trump, Kellyanne Conway, bedient sich bei ihren häufigen TV-Auftritten des Kniffs, ganz offensichtliche Kontinuitäten von Personen oder Institutionen zu leugnen. In ihrer Darstellung müssen wir uns beispielsweise Donald Trump als eine entlang der Zeitlinie aufgestellte Reihe von Spielkarten vorstellen. Auf jeder dieser Karten prangt das Bild Trumps (wie sollte es auch anders sein), aber sie stehen in keinerlei Verbindung zueinander. Greift ein Reporter nach der »Karte« vom 31. Oktober 2016, auf der Trump den FBI-Direktor James Comey für dessen Neuaufnahme der Untersuchungen gegen Hillary Clinton über den grünen Klee lobte, dann stellt Kellyanne Conway dies als ein Ereignis dar, das in seiner Singularität verstanden werden müsse und in keiner Verbindung zu Präsident Trump am 10. Mai 2017 stehe, als er Comey wegen dessen falschen Handelns im Clinton-Fall feuerte. Diese Behauptung ist selbstverständlich infam, nur bedarf es gewisser Mühen, sie zu widerlegen. Wenn nicht einmal simpelste Fakten (der Wahlkämpfer Trump ist dieselbe Person wie der Präsident gleichen Namens) als etabliert gelten dürfen, dann wird jede Diskussion extrem erschwert. Und genau darum geht es den neuen Machthabern in Washington.

Mache alles doppelt

Nun steht außer Frage, dass Menschen ihre Meinungen revidieren können und müssen. Also könnte Donald Trump seine Unterstützung für FBI-Chef Comey aus gewichtigem Grund geändert haben. Nur müsste er dann in der Lage sein, diesen Grund zu nennen. Diese Veränderung soll aber nicht thematisiert werden, weshalb Kellyanne Conway ihr ausweicht, mittels des Hinweises auf die vermeintliche Unabänderlichkeit aller Objekte. Der FBI-Direktor sei doch vom demokratischen Präsidenten Obama ernannt, dann aber plötzlich (de facto vier Jahre später) von den Demokraten wegen der Clinton-Ermittlung scharf kritisiert worden. In diesem Kniff liegt eine tückische Verdopplung, die ständig von der aktuellen US-Administration angewendet wird. Würde Kellyanne Conway die ganze Zeit auf der Leugnung der Objekt-Permanenz herumreiten, erschiene sie bald verrückt. Indem sie aber eine Art »Ûberpermanenz« suggeriert (die Demokraten sagten einmal »Ja« und dies bedeute doch »Immer-Ja«), scheint sie die Wirklichkeit einer Welt aus permanenten Objekten anzuerkennen. Tatsächlich zerteilt sie diese Welt aber in unwirkliche Extreme. Einerseits suggeriert sie isolierte zeitliche Einzelphänomene und andererseits postuliert sie unabänderliche Identitäten. Die Wirklichkeitsaufhebung in Extreme wirkt durch die Verdopplung dieser beiden Strategien seltsam natürlich. Die Verrücktheit der einzelnen Argumente erscheint in der Kombination eigentümlich nachvollziehbar.

Lege dich nie fest

Praktisch wirksam wird diese Aufspaltung in »Extremwerte«, weil diese erlaubt, zu keinem Phänomen mehr Stellung beziehen zu müssen. Kellyanne Conways längst legendäre Aussage über »alternative Fakten« erwies sich noch als zu plump. Das Leugnen von Fakten kann als solches noch erkannt werden, aber der Hinweis auf eine Verankerung von Fakten in nebulösem Kontext überkomplexer Zusammenhänge, die letztlich dazu führen, dass wir uns den Donald Trump des 31. Oktober 2016 als einen komplett anderen Menschen vorstellen müssen als jenen vom 10. April 2017, und gleichzeitig des unterkomplexen Bezichtigens des politischen Gegners, dieser habe einmal eine Entscheidung getroffen und diese gelte nun für immer und für alle Mitglieder dieser Partei, erlaubt eine »Befreiung« vom Bezug zu Fakten. Praktisch muss man sich nie mehr festlegen. Es kann alles behauptet werden, es ist ja nur Momentaufnahme. Gleichzeitig kann den Gegnern jede auch noch so alte Kamelle an den Kopf geknallt werden.

Folge der Logik des Affekts

Dies sind natürlich alles nur Mätzchen. Ihr erfolgreicher Einsatz hängt vom geschickten Anbringen des Schlusssteines ab und der ist auch nicht gerade ein medialer Neuling. »Wer argumentiert, hat bereits verloren« war bereits die höchst erfolgreiche Strategie Ronald Reagans. Er bediente sich dabei einer kindischen Logik des Gefühls, das nur die äußerste Regung begreift. Also das Stirnrunzeln, das zuversichtliche Lächeln oder die traurig herabhängenden Schultern und die dazugehörigen emotional leicht nachvollziehbaren Sachverhalte. Seit dem enormen Verblödungsschub, den Reagan der Welt beschert hat, gehört die geschickte Oberflächlichkeit zur Medienschulung jeder Politikerin und jeden Politikers. Der österreichische Vizekanzler Mitterlehner trat ab, mit dem Hinweis, der ORF sei gemein zu ihm gewesen, wegen eines dämlichen Wortspiels, und er müsse nun seine Familie schützen. Trauriger Blick. Die Unsachlichkeit und Falschheit dieser Aussage, die suggeriert, ein lustig gemeintes Schildchen im Fernsehen habe ihn letztlich gebrochen, ist eklatant, nur verfängt der emotionale Bezug zur Gemeinheit der Medien und zur Familie. Ein buntes Tableau an Emotionen ergießt sich über den wahren Sachverhalt: Würde Mitterlehner vielleicht kurz einmal erzählen, welche hasserfüllten Gemeinheiten ihm in der ÖVP und in deren Parteivorstand hinterhergepfeffert wurden, die österreichische Volkspartei könnte getrost ihren Namen aus den Wahlregistern streichen lassen. Aber dies unterlässt er geflissentlich.

Das strahlende Gefühl regiert
Kellyanne Conway, die neue Großmeisterin des Samtweich-Sprechs, wirkt plötzlich bei wiederholter Nachfrage geknickt, fühlt sich unverstanden und schlecht behandelt. Ach ja, wer kennt dieses Gefühl nicht? Die an sie gestellten Fragen: längst vergessen. Conway weiß genau, ihre Strategie der Wirklichkeitsauflösung kollabiert nach einer gewissen Zeit. Geht der Gegner auf ihre zugleich über- wie unterkomplexe Darstellung ein, dann wird diese allmählich als fingiert erkennbar und verliert ihre Wirkung. Deshalb wechselt Conway in den Affekt. Ihr Gesicht sagt nur mehr: Ich bin müde und traurig. »I will ignore how cruel you are.« Die kindische Emotion flüstert: Warum darf ich die Welt nicht einfach so sehen, wie ich sie will? Darf sie ja gerne, die Arme. Nur sollte sie dann nicht regieren.

Wurde Jimmy Carter etwas gefragt, dann begann dieser häufig zu grübeln und gab zerknirscht eine komplexe Antwort, die der Schwierigkeit der Lage gerecht zu werden versuchte. Nicht so Reagan, er überhörte das meiste, verstand den Zusammenhang kaum, aber strahlte freudige Zuversicht aus. Man ließ es ihm durchgehen. Dreißig Jahre später sind wir da, wo wir sind.