Die wünschenswerte Unordnung der Dinge

David Shields legt mit seinem umstrittenen Manifest nicht nur eine Poetik der Literatur im 21. Jahrhundert vor, sondern auch eine diskutierenswerte Grundlage für eine Reflexion aller Künste.

David Shields tritt an, um eine literarische Revolution gleicherma&szligen loszutreten wie auch zu beschreiben. Der US-Autor agiert in seinem vorliegenden Manifest als Pirat, als Häretiker, als dezidierter Feind des klassischen Romans und der bürgerlich abgesegneten, konventionellen ästhetischen Vorgaben und Prinzipien von Kunstrezeption. Seine medienvergleichenden ?berlegungen, die bewusst auf Risiko und Herausforderung setzen, zielen auf die These ab, dass unser berechtigter Hunger nach Wirklichkeit ebendiese bedroht. Die umfassende Gier nach Realität inkorporiert sie und führt zu ihrer medialen Verwertung in au&szligerliterarischen Kontexten von Politik bis Model-Contest. Dieser permanenten Inszenierung und verfertigten Täuschung soll und muss laut Shields eine aufgewertete, reflexive Imagination entgegengehalten werden, die uns die umfehdete Realität in den unterschiedlichsten Bereichen wieder zurückgeben kann. Dass in seiner Argumentation die Kategorie der Erfahrung eine nicht unwesentliche Rolle spielt, ist da nur stimmig (wenn auch wenig überraschend). Die klassische Literatur, insbesondere der als unzeitgemä&szlig verstandene Roman in seiner im 19. Jahrhundert destillierten klassischen Form, kann das für Shields nicht mehr leisten. Diese erstarrte Form sei schlicht untot und hat durch ihren attestierten Mangel an Reflexivität oder auch die Verpflichtung zu geschlossener Narration jede Gültigkeit im Rahmen einer neuen Poetik eingebüsst. Denn, das darf bei Shields nicht vergessen werden, nichts anderes will er mit seinem Manifest vorlegen: eine, wenn nicht die Poetik des 21. Jahrhunderts, die weit über die Literatur in die anderen Künste hineinreicht.

Sampling rules!

Shields lobt das Hybride, das Montierte, das Verfertigte. Mit diesem Buch löst er seinen Vorgaben auch selbst gleich mustergültig ein, besteht sein Manifest doch aus 618 kurzen Einträgen – und nicht wenige davon sind selbst Zitate, Umschriften oder Remixes. Shields zeigt vor, was er von DJs, Kuratoren übernimmt und demonstriert damit seinen auf Materialorganisation gerichteten Autorenbegriff. Er zelebriert das von ihm vorgetragene Lob des Banditentums zur Erlangung eines erneuerten, vielleicht sogar gänzlich neuen Dokumentarischen. Die dafür notwendige Form, das Kuvert des reflexiven Erfassens und Schreibens, ist ihm dabei die fluide Form des Essays, das hier ihre berechtigte Aufwertung erfährt. Sein Versuch, dieses Substantiv in seiner Potenzialität der Aktivierung zu verstehen, es als Haltung zu denken und zu beschreiben geht parallel mit seiner Verkoppelung von Essay und Lyrik zu einer nonlinearen, für ihn wirklich aktuellen, tauglichen Form. Mit dem an vielen Stellen des Textes angesprochenen Strategemen von Mash-up, Kopie und der Verwischung der Grenze Original/Abbild gelingt ihm erfreulicherweise nicht nur ein Ausbrechen aus einem negativen Simulakrembegriff, sondern auch eine Rahmung der erwünschten relationalen Ästhetik zwischen Changieren und enchantement. Shields Aussagen kommen dabei nicht selten als markige, mottohafte Sentenzen daher. Nicht immer sind seine Ideen neu, manche Widersprüche werden nicht aufgelöst. Doch dies war wohl weder die Absicht des Autors, noch entspräche es wohl dieser durch und durch offenen Form literarischen Schaffens. Shields Attacke, die von allen Seiten gleichzeitig wirksam werden will, ist ein provokantes, stellenweise überaus unterhaltsames Buch, das Zündstoff für notwendige Diskussionen und auch das eigenen künstlerische Schaffen sein kann und wird. Dies ist ein ?berfall, bewegen Sie sich bitte.

David Shields: »Reality Hunger. Ein Manifest.« Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. München: Verlag C.H. Beck, 2011, 224 Seiten, EUR 20,60