Die Südseeballade von der Kokosnuss

Christian Krachts neuer Roman »Imperium« sorgte vor allem für viel Aufregung im Feuilleton – Curt Cuisine über die umstrittene Geschichte des Nudisten August Engelhardt und seine Vorstellungen einer idealen Welt. 

Machen wir es kurz. Entschuldigung. Kein Majestätsplural. Ich mache es kurz. Ich versuche es zumindest. Christian Kracht’s neuer Roman wurde in den letzten Wochen quer durch die deutschen Feuilletons gejagt. Der »Spiegel« eröffnete den Reigen, indem er Kracht anlässlich seines neuen Romans »Imperium« als »Türsteher der rechten Gedanken« bezeichnete. Daraufhin unterzeichneten spontan mehrere Autoren eine Art Solidaritätskundgebung für Kracht. In »Der Zeit« bot Harald Martenstein inzwischen an, für jeden beliebigen Deutschen eine Art Nazinachweis zu erbringen (nachdem er das zuvor in seiner Kolumne für Richard Weizsäcker, Alice Schwarzer und Roberto Blanco (!) erledigte). Martenstein sei aber kein Fan von Kracht, ebenso wenig wie Thomas Steinfeld von der »Süddeutschen Zeitung«, der sich Kracht wiederum unter dem Begriff »Dandy« zu nähern versuchte. Demzufolge sei die vermeintliche Anspielung auf rechtes, patriotisches oder sonst wie reaktionäres Gedankengut vor allem Koketterie – auch versursacht dadurch, dass sich der Autor einfach nicht festlegen will, ob er es mit dem Gedankengut seines Protagonisten ernst meint oder nicht.

Bei uns in Üsterreich ist dieser »Skandal« praktisch völlig untergegangen, aber es wäre ja nichts neues, wenn das rechtsextreme Sensorium hierzulande nicht anschlägt ?? allerdings rechtfertigt – zumindest in »Imperium« selbst – kaum etwas die im »Spiegel« geäu&szligerten Unterstellungen. Es scheint sich wohl doch um eine Angelegenheit deutscher Befindlichkeiten zu handeln – wobei Kracht witzigerweise Schweizer ist. Aber zurück an den Anfang. »Imperium« schildert den Aufstieg und Fall des deutschen Fruktivoren August Engelhardt kurz nach der Jahrhundertwende. Deutschland ist noch in Besitz von Kolonien (»Neupommern«), wohin der historisch verbürgte Held des Romans auch auswandert. Mit dem schwärmerischen Ziel, sich in Zukunft nur noch von Kokosnüssen zu ernähren, Die Kokosnuss aber ist dem Nudisten Engelhardt überhaupt Sinnbild für Naturverbundenheit. Also sprach der echte Engelhardt: »Nackter Kokovorismus ist Gottes Wille. Die reine Kokosdiät macht unsterblich und vereinigt mit Gott.« Klingt reichlich grö&szligenwahnsinnig, klar. Aber ob dieser Grö&szligenwahn mit dem Romantitel gemeint ist, bleibt offen. Immerhin vergleicht Kracht den Radikalveganer an einer frühen Stelle des Buches mit Adolf Hitler, kehrt aber dann nicht mehr zu dieser Sinnfälligkeit zurück.

Das Problem liegt anderswo. Kracht formuliert zwar teilweise höchst unterhaltsam, verliert sich dabei aber in gro&szligartige Wendungen und sprachliche Figuren, worunter oft genug der (ohnehin spärliche) Erzählfluss zu leiden hat. Die Ansteckung eines Gouverneurs mit dem Schwarzwasserfieber durch einen simplen Insektenbiss verschlingt etwa eine ganze Buchseite. Ein Narr, wer hier etwa an Jean Paul denkt. Dass hier eine gelungene Formulierung denselben Wert hat wie eine historische Nebensächlichkeit oder diverse Romanprotagonisten, verrät, dass Menschen bei Kracht im Grunde als Karikaturen ihrer Selbst auftreten. Aber das war bei all seinen Romanen so, es ist nur aufgrund des sonst eher knappen, fast spartanischen Stils kaum aufgefallen. Aufgefallen ist hingegen, dass der Grundton seiner Bücher stets zynisch war. (Je nach Betrachtungsweise natürlich. Genauso gut könnte man behaupten, seine Romane sind allesamt moralische Märchen in extremer Konsequenz.) Das gilt für »Faserland«, wo ein namenloser Protagonist entlang der Oberflächlichkeit der deutschen Spa&szliggesellschaft taumelt, und es gilt für »1979«, wo sich dasselbe im Rahmen der iranischen Revolution wiederholt – allerdings mit wesentlich radikalerem Ausgang. Am unzynischsten gab sich Kracht in »Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten«, einem Alternativweltroman. Was, wenn Lenin im Schweizer Exil geblieben wäre – und sich die Schweiz darum zu einem kommunistischen Staat gewandelt hätte. Aber Kracht war kaum am utopischen Potential seiner Grundidee interessiert, diese diente eher als atmosphärische Grundierung. Und auch hier trieb der Protagonist unaufhaltsam auf die Selbstauflösung zu.

Zurück ins Reich bzw. ins »Imperium«. Ich habe eingangs Kürze versprochen, habe es damit aber genauso wenig ernst gemeint wie Christian Kracht. Also kann ich genauso gut davon erzählen, dass ich fast zwei Wochen brauchte, um das schmale Büchlein samt seiner launigen Exkurse zu verdauen, vor allem aber weil ich zwischendurch »Amuleto« von Robert Bolaño gelesen habe. Einen Autor, den man nicht oft genug als immer noch zu entdeckende literarische Sensation hervorheben kann, auch weil er praktisch das Gegenteil von Kracht leistet. Bolaños Stil und sein Zugang zu seinen Figuren ist durch und durch unmittelbar, vor Lebensbejahung geradezu strotzend. Zugleich macht er es der geneigten Leserin wahrlich nicht einfach, eine Deutung aus seinen Büchern mitzunehmen. Das Mysterium Leben bleibt unangetastet, obwohl es permanent angerufen wird. Neben Bolaño, der bei fast allen Empfindungen aus dem Vollen schöpft und trotzdem nie ins Banale abgleitet, liest sich Kracht wie verklemmter Botaniker, dem nichts so sehr Angst einflö&szligt wie ein aufrichtiges Quäntchen Gefühl.

Aber nichts preiszugeben, das ist sein gutes Recht als Autor. Ist ja auch ein Erfolgsrezept. Offenbar haben sich die deutschen Kritiker genau daran die zynismusgestählten Zähne ausgebissen bzw. darauf eben mit einem Faschismusvorwurf reagiert. Der nach der Lektüre von »Imperium« fast schon lächerlich wirkt. Aber Lächerlichkeit ist, was auch ich Kracht ein wenig verüble. Aber deswegen, weil er in die Geschichte des August Engelhardt auch Versatzstücke aus Hugo Pratts »Südseeballade« stopfte. Kein Roman im ?brigen, sondern einer der Klassiker der modernen Comicliteratur. Es geht dabei um die Protagonisten Christian Slüter und das Mädchen Pandora, die beide ebenso wie der Kokovorist Engelhardt zu Karikaturen ihrer selbst geschrumpft sind. Immerhin hat man dadurch einen Richtwert. So weit weg wie dieser Slüter von jenem Slüter ist, so weit weg wird wohl auch der echte Engelhardt vom Krachtschen Engelhardt sein. Aber um historische Genauigkeit ist es Kracht offenbar ohnehin nie gegangen. Stellt sich die Frage, worum es ihm überhaupt gegangen ist. Allerdings, und das ist der einzige spürbare Effekt nach der Lektüre von »Imperium«, interessiert mich die Antwort darauf mittlerweile Nüsse. Um nicht zu sagen: Kokosnüsse.

Christian Kracht: »Imperium«, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2012, 256 Seiten, 18,90 Euro.