»The Hunger Games« © Universal/Bertz+Fischer

Die Leiden der jungen Superheld*innen

Der Medienwissenschaftler Werner C. Barg erklärt, warum Jugendliche auf Blockbuster mit coolen Held*innen und massig CGI-Effekten abfahren und wieso Filme wie »Spider-Man« neben dem »Werther« in der Schule besprochen gehören.

Werner C. Barg, der über Alexander Kluge und Edgar Reitz promovierte Film- und Medienwissenschaftler, versucht in seinem Buch »Blockbuster Culture« zu verstehen, was den Reiz moderner Kinofilme ausmacht. Das heißt: erstmal Schluss mit Horkheimers und Adornos Ideologiekritik an der Unterhaltungsindustrie, damit mal wieder darüber gesprochen werden kann, was diese Filme an Mehrwert haben könnten, der bei besagter Kritik außen vor bliebe. Es solle neben den »Leiden des jungen Werthers« auch mal über »Spider-Man« oder »The Hunger Games« gesprochen werden. Trotz abnehmender Kinobesuche ist der Anteil der Jugendlichen von 14 bis 29 Jahren, die Blockbuster schauen, nämlich verhältnismäßig hoch. Und das macht die Auseinandersetzung mit dem Thema interessant.

Beitrag zur Identitätsbildung
Die von Barg in seiner Auseinandersetzung besprochenen und bei Jugendlichen so erfolgreichen Blockbuster – von »Matrix (1999)« über »Der Herr der Ringe – Die Gefährten« (2001) bis zu »Spider-Man« (2002) und »Die Tribute von Panem – The Hunger Games« (2012) – haben alle gemein, dass sie den Zusehenden als eine Art modernisiertes Märchen Identifikationsmöglichkeiten bieten und den spezifischen Problemen in verschiedenen Entwicklungsstufen spezifische Lösungsvorschläge gegenüberstellen. Dabei nehmen die Held*innen oft eine sympathische Außenseiterrolle ein, die dem Publikum den Zugang leicht machen, sie erleben eine Reise, auf der sie Feinden, aber auch Freunden begegnen, Mentoren finden und Bezug auf gesellschaftliche Strukturen, wie z. B. Familie, nehmen. Das kann mal kritisch, mal dumm affirmativ ausfallen. Die Blockbuster geben viel Material für das Spiel der Identitätsbildung.

Bargs technischer Ansatz ist einer, der die Strukturen der besprochenen Filme – Handlungsmuster, Figurenkonstellationen, formale Gestaltung – in den Fokus nimmt. Nicht bloß das Didaktische soll thematisiert, sondern vor allem das ästhetische Potenzial und die narrative Kraft sollen ernst genommen werden, wobei die Ideologiekritik bewusst Nebensache bleibt. Fragen, wie: »Was bedeutet es (für den Film), dass die Produkte auf die attribuierten Eigenschaften und Wünsche der Zusehenden zugeschnitten werden?« bleiben ungestellt. Das verwundert, da sie grundlegend sind, besagte Wünsche wesentlich von der sie bedienenden Industrie miterzeugt werden und nicht nur Reaktionen auf »natürliche Entwicklungsmuster« darstellen. Der von Barg zumindest kritisch erwähnte »bruchlose Übergang« in die Gesellschaft und gewisse Rollenbilder kommen in diesem Zusammenhang zu kurz, Details zu Kameratechniken hingegen nehmen viel Platz ein und sind beim Lesen auf Dauer recht mühsam.

Grundlage für Lehrende
Im Jahr 2010 bereits als Essay herausgegeben, wurde die Thematik jetzt als fundierte wissenschaftliche Abarbeitung im Bertz+Fischer-Verlag veröffentlicht und soll Jugendlichen und Lehrenden dabei helfen, die so beliebten Blockbuster ästhetisch besser zu verstehen und eine kritische Perspektive zu ihnen aufzubauen. Für Jugendliche ist das sicherlich nichts – dafür ist das Format zu trocken und langatmig. Lehrenden jedoch dürfte es eine gute Grundlage sein. Gründliche Lektüre von ideologiekritischen und feministischen Schriften, die einen distanzierten Bezug zu besagter Massenkultur aufbauen, sind für ein Verständnis des Gesehenen natürlich vorausgesetzt, um die in den besprochenen Werken genannten Beispiele auf ihre Klischees, Rollenbilder und die darin geübte, zum Teil verkürzte, Gesellschaftskritik überhaupt erst distanziert in Angriff zu nehmen.

Link: http://www.bertz-fischer.de/blockbusterculture.html