Die Einschläge kommen näher

Johannes Springer über Ricarda Junges Prekaritätsroman »Die komische Frau«.

Es wird in diesen Wochen viel über Thesenromane gestritten, Vaterliebe in posttraditionalen Konditionen ist nicht nur für das Bundesverfassungsgericht zum Thema geworden, sondern auch für die Literatur. Eine alleinerziehende Mutter wiederum spielt auch in Ricarda Junges »Die komische Frau« eine tragende, weil zunehmend überforderte Rolle, der abwesende Vater ist mal kein Opfer (andere Perspektive eben); dieser Stoff jedoch wird noch überlagert von einem anderen, noch deutlich zeitgenössischerem: Es handelt sich bei diesem Roman um die Auseinandersetzung mit dem derzeit stärker als Familie viel eher angesagten Thema Prekarität, und man muss sagen, dies ist ein problematisches, aber nicht uninteressantes Exemplar dieses Genres. Genau wie die soziologische Debatte, kennt auch die literarische Verhandlung zig, teils sehr disparate Zustände von Prekarität. In diesem Fall sind es die Faktoren des Familienstandes und vor allem das Berufsmilieu, die zur Zugehörigkeit qualifizieren: Berlins kreative Klasse, Anfang 30, alleinerziehend. Da realisiert der Leser recht schnell, es herrscht eine sich noch verschärfende Dauerkrise, in dem von näher kommenden Einschlägen die Rede ist und ein Klima der Angst recht griffig erzeugt und klug abgegrenzt wird von der Sicherheit versprechenden norddeutschen Provinzheimat der Protagonistin Lena, aus der ab und an besorgte elterliche Interventionen kommen.

Der Roman allerdings will deutlich mehr als das und hier tritt die Lokalität der Handlung ins Zentrum. Lena und ihr Sohn Adrian wohnen nämlich in einem vormals nur den loyalsten DDR-Bürgern vorbehaltenen Stalin-Zuckerbäckerhaus im Umkreis der Karl-Marx-Allee. Und in diesem ereignen sich plötzlich unerklärliche Dinge, auslaufende Waschmaschinen, geisterhaft angehende Herdplatten, sich von allein öffnende Fenster, aber vor allem scheint sich eine Phantomfrau um den Sohn Adrian zu kümmern. Eine Weile lebt der Roman ganz gut von der Spannung, die aus dem Thema ?berforderung, Prekarität, Durchdrehen in einer als unheimlich beschriebenen Umgebung zu schlagen ist. Nur solange allerdings, bis klar wird, dass es hier um die präventive Desavouierung eines möglichen Auswegs aus der Prekaritätskrise geht. Nach und nach entpuppen sich die anderen, älteren Mieter des Hauses als totalitär-paternalistische Sozialstaatschiffren, die Lena dazu drängen wollen, die Linkspartei zu wählen und ihr am Schluss mit dem Satz »Wir sorgen hier füreinander, wir passen aufeinander auf« andeuten, dass sie hinter den Ereignissen im Haus stecken. Das Finale als These des Romans zu lesen, würde bedeuten ihn als anschlussfähig an hegemoniale Interpretationen der Gegenwart zu betrachten: Gegenüber einem solchen Fürsorgehorror nehmen wir lieber die prekäre Freiheit.

Ricarda Junge: »Die komische Frau«

Frankfurt: S.Fischer 2010, 190 Seiten, EUR 17,95